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Zahl der Computertomographien steigt: Deutschland hält Innenschau

Zahl der Computertomographien steigt : Deutschland hält Innenschau

Bonn (RPO). Ohne eine Operation ins Innnere des Menschen blicken zu können - das war vor gut hundert Jahren noch ein Traum. Heute wird das Röntgen als diagnostisches Mittel nach Meinung der Experten zusehends überstrapaziert und vorschnell eingesetzt. Welche bildgebenden Verfahren existieren? Gibt es eine Alternative?

Bonn (RPO). Ohne eine Operation ins Innnere des Menschen blicken zu können - das war vor gut hundert Jahren noch ein Traum. Heute wird das Röntgen als diagnostisches Mittel nach Meinung der Experten zusehends überstrapaziert und vorschnell eingesetzt. Welche bildgebenden Verfahren existieren? Gibt es eine Alternative?

"Ach wenn es doch ein Mittel gäbe, den Menschen durchsichtig zu machen wie eine Qualle", träumte einst ein junger Landarzt in der Hoffnung, den Menschen zur Bestätigung seiner Diagnose durchsichtig zu machen. Der Wunsch, den Dichter Ludwig Hopf 1892 dem jungen Arzt in den Mund legte, sollte nur drei Jahre später durch Physiker Wilhelm Conrad Röntgen in Erfüllung gehen. Das Röntgen als diagnostisches Mittel revolutionierte die Medizin.

Heute stehen hochspezialisierte bildgebende Verfahren zur Verfügung, die in feinsten Schichten oder 4-D zeigen, was sonst verborgen bliebe: Computertomographie, Magnetresonanztomographie, Sonographien, Positronenmissionstomographie — die Namen sind lang und für den Laien wie verschlüsselt. Über hundert Jahre Entwicklung flossen in diese Untersuchungsverfahren, um sie effektiver und weniger belastend für den Organismus zu machen. Und dennoch ist die Menschheit nicht glücklich, denn regelmäßig wird angemahnt, es werde zu schnell geröntgt. Es wird gefürchtet, man riskiere Krebserkrankungen oder Spätfolgen, indem man sich der bildgebenden Verfahren bediene.

Die toten Forscher

Nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen war Medizinern wie Physikern nicht bewusst, dass die unkontrollierte Dosierung von Röntgenstrahlen Gefahren mit sich bringt. Sowohl Ärzte als auch Wissenschaftler starben an den Folgen der Forschung mit Röntgenstrahlen. Heute kennt man die Strahlungsdosen, die man durch den Körper schickt, um Aufnahmen der verschiedensten Weichteile, Organe, Knochen, Wirbel oder Gelenke zu bekommen. Sowohl der Patient als auch das medizinische Fachpersonal wird vor unnötiger Strahlung geschützt. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft stellt dar, wie sich allein die Belichtungszeiten in den letzten hundert Jahren verändert haben: Heute reichen mitunter billiardstel Sekunden aus, um unverwackelte Bilder zu bekommen.

Um die Strahlenbelastung auf das notwendige Maß zu reduzieren hat die Strahlenschutzkommission auf Basis eine EU-Empfehlung eine Leitlinie verfasst, die radiologischen und nuklearmedizinisch arbeitenden Ärzten als Orientierungshilfe dient. Allerdings basieren die Aussagen über die Gefährlichkeit durch Röntgenstrahlen nach Auskunft der Radiologischen Klinik der Universität Bonn im Wesentlichen auf statistischen Berechnungen, die auf die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki zurückgehen sowie auf Erfahrungen, die man über Beschäftigte im Uranerzbergbau und die "natürliche" Strahlenbelastung hat.

In Deutschland zu viel des Guten

Das Bundesamt für Strahlenschutz wies darauf hin, dass in Deutschland im internationalen Vergleich zu viel geröntgt werde. Besonders seien die Zahlen im Bereich der gesundheitlich belastenden Computertomographien (CT) gestiegen. Zwar ist in den letzten 30 Jahren die Strahlenbelastung bei der einzelnen Untersuchung geringer geworden, aber die Anzahl der Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren rasant gestiegen. Nach dieser Statistik wurden 2008 in Deutschland von 1000 Menschen 130 ins CT geschoben. Zwei Jahre zuvor waren es noch 110 Patienten von 1000. Das Umweltbundesamt weist auf eine Schwachstelle im Vergleich hin: Aufgrund der unterschiedlichen Gesundheitssysteme seien die Auswertungsschemata sehr verschieden und nicht hinreichend transparent.

"Die Diagnostik kann mehr, also schöpft man das aus", erklärt der Leiter der Strahlentherapie an der Uniklinik Bonn, Dr. Heinrich Schüller das Problem. Er hat schon oft versucht, Patienten davon zu überzeugen, dass die ein oder andere Röntgenaufnahme nicht unbedingt notwendig sei. Doch es sind verschiedene Faktoren, die dazu führen, dass die Wartelisten für CTs überquellen. Es sind die Patienten, die diese diagnostischen Mittel wünschen und es sind nach Meinung Schüllers auch Ärzte, deren Wartezimmer überquellen und die durch "Warteschleifen" über die Radiologie Patienten erst mal los sind. "Hinzu kommt die wachsende Angst, etwas zu übersehen.

Wie die Deutschen zum Röntgen stehen

Diese Erfahrung belegen Zahlen, die die Deutsche Röntgengesellschaft durch eine Patientenbefragung ermittelt hat. 94 Prozent der Befragten halten die Radiologie für wichtig in der medizinischen Versorgung. 75 Prozent waren sogar selbst schon einmal beim Radiologen. 148 Millionen Röntgenuntersuchungen sind es, die laut Bundesamt für Strahlenschutz die Deutschen durchschnittlich im Jahr machen lassen. Ein Drittel allein entfällt auf die Zahn- und Kieferdiagnostik. Etwa ein Fünftel der Untersuchungen wird in Krankenhäusern durchgeführt.

Die Patienten bemängeln laut der Deutschen Röntgengesellschaft allerdings die Aufklärung, die vor radiologischen Untersuchungen erfolgt. 69 Prozent fühlen sich nicht gut aufgeklärt hinsichtlich des Nutzens der Untersuchung. Der Oberarzt der Strahlentherapie am Bonner Uniklinikum rät, dass die Patienten selbst initiativ werden. Sie sollten ihre Ärzte nach dem Nutzen der angedachten radiologischen Untersuchung befragen, bevor sie zum Radiologen gehen. "Der Patient sollte fragen, was der Hausarzt konkret vom Ergebnis der Untersuchung erwartet und was er in welchem Fall gedenkt zu tun." Er erinnert sich an manche Fälle, in denen Bandscheibenpatienten zum CT kommen und vorher verkünden: 'Operieren lasse ich mich aber nicht.‘ "Wer das nicht möchte, der sollte das Spektrum physikalischer Therapien ausschöpfen, statt ein CT anfertigen zu lassen", so Dr. Heinrich Schüller.

Herausfinden, was nötig ist

So rät denn auch das Bundesamt für Strahlenschutz, immer erst zu klären, ob keine andere Untersuchungsmethode zur Verfügung stehe, um die diagnostische Fragestellung zu beantworten. Der Nutzen der Röntgendiagnostik muss deutlich größer sein als ihr Risiko. Die Einschätzung dessen aber, so sind sich die Experten einig, hängt stark von den individuellen Faktoren des einzelnen Patienten ab. Als Routineuntersuchungen aber, sind Röntgenuntersuchungen nicht geeignet.

Röntgenstrahlen sind elektromagnetische Wellen, die sehr energiereich sind. Durch die ionisierende Strahlung können sie chemische Verbindungen im menschlichen Organismus aufbrechen und Körperzellen schädigen. Nur wenn die DNA der Körperzellen geschädigt wird, kann nach Informationen der Radiologischen Uniklinik Bonn daraus eine Krebserkrankung entstehen. 99,9 Prozent der DNA-Schäden könne der Körper aber selbst wieder beseitigen.

Klar und wissenschaftlich unumstritten ist, dass jede Röntgenuntersuchung ein gesundheitliches Risiko in sich birgt. Aus diesem Grund soll sie nur nach klarer medizinscher Indikation durchgeführt werden. Sowohl die Anzahl der Röntgenuntersuchungen als auch deren Dosis sollten so gering wie möglich gehalten werden. Das ist die Theorie. In der Praxis wird ein Patient zum Arzt gehen, wenn er sich krank fühlt oder durch einen Unfall der Verdacht auf eine Verletzung an Knochen oder Weichteilen besteht. Wenn Labor-Ultraschall oder endoskopische Untersuchungen keine eindeutige Diagnose bringen, dann ist oft die einzige Chance, durch bildgebende Verfahren eine sichere Diagnose stellen zu können.

Gar nicht "Vorsicht Röntgen"

Veränderungen und Verengungen der Blutgefäße sind weit verbreitet und haben schwerwiegende Folgen. Verengen sich Herzkranzgefäße, führt das zu einem Herzinfarkt. Mit der Angiografie, einer speziellen Röntgentechnik, können solche Gefäßverengungen rechtzeitig erkannt und therapiert werden. Der Betroffene kann womöglich vor dem Tod bewahrt werden. Das ist Rechtfertigung genug für bildgebende Verfahren, die auch gesundheitliche Belastungen mit sich bringen. Auch bei einem Knochenbruch sind fast immer Röntgenaufnahmen erforderlich. "Wo akute Probleme bestehen und ein Röntgenbild schnell weiterhilft, da verhandelt keiner", sagt Dr. Heinrich Schüller. Angst vor den Spätfolgen von radiologischen oder auch nuklearmedizinischen Behandlungen werden nicht ausgesprochen. Aber sie werden gedacht, wie die Befragung der Deutschen Röntgengesellschaft zeigt.

Wahrscheinlichkeits-Aussagen zu Röntgengefahr

Aussagen über die Gefährdung einer Röntgenuntersuchung beruhen in der Regel auf statischen Berechnungen und sind Wahrscheinlichkeits-Aussagen. Ärzte setzen rein rechnerischen Strahlenwerte gerne solchen gegenüber, denen alle Menschen ständig ausgesetzt sind. Kosmischer Strahlung, natürlicher radioaktiver Strahlung oder Erdstrahlung.

So kommen Beispiele, die Patienten in der Realität tagtäglich von ihren Ärzten an die Hand bekommen, zustande: Die Strahlendosis einer Lungenaufnahme entspricht demnach in etwa der Dosis eines Fluges im Rahmen eines Mallorca-Urlaubes. Es seien 100 Mikrosievert, denen man bei einem Flug von Frankfurt nach Kalifornien ausgesetzt sei. Die Strahlenbelastung einer Knochendichtemessung wird mit einem 30-minütigen Aufenthalt auf der Zugspitze verglichen. In Deutschland leben die Menschen auf den Nordseeinseln nach solchen Erklärungsmodellen mit der geringsten natürlichen Strahlung und die im Schwarzwald in Deutschland mit der höchsten. Tatsächlich aber sind das Versuche, Patienten pauschal erklärbar zu machen, was bei jedem anders ist.

Das beeinflusst die Strahlungsdosis

Das Gewicht eines Patienten ist einer der entscheidenden Faktoren dafür, wie hoch die Strahlendosis bemessen sein muss. "Um Röntgenaufnahmen dicker Patienten zu machen, ist eine höhere Strahlendosis notwendig als bei normalgewichtigen Patienten", erläutert der Bonner Mediziner. Abhängig ist die Strahlendosis auch von der Art des Gerätes und der Art der Aufnahme, davon wie es von medizinischem Fachpersonal bedient wird und vielen weiteren Faktoren.

Was man selbst tun kann

Der Patient selbst hat am besten im Blick, wann bereits welche Aufnahmen bei ihm gemacht wurden und kann das in einem Röntgenpass dokumentieren lassen. Den bekommt man in jeder ärztlichen und zahnärztlichen Praxis oder Klinik, die Röntgenuntersuchungen durchführt. Die Praxen und Kliniken sind nach der Röntgen-Verordnung dazu verpflichtet, den Patienten einen Röntgenpass anzubieten.

Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt zudem, dem Arzt zu sagen, wenn in jüngster Vergangenheit bereits ähnliche Röntgenuntersuchungen gemacht wurden. Am besten bringt man zur anstehenden Untersuchung bereits existierende Aufnahmen mit oder lässt diese vom Arzt anfordern. Nach Auskunft des Bundeamtes ist ein Arzt verpflichtet, von ihm angefertigte Röntgenaufnahmen oder Kopien dem weiterbehandelnden Arzt oder dem Patienten vorübergehend leihweise zu überlassen. Als Patient ist man hingegen verpflichtet, diese auch wieder zurückzugeben. Auch als Privatpatient kann man kein Eigentumsrecht an den Röntgenbildern erwerben. Werden Röntgenaufnahmen erforderlich, sollte auch der Patient selbst darauf achten, das Körperteile, die nicht bestrahlt werden mit Bleischürzte oder Keimdrüsenschutz abgedeckt werden.

Strahlungsfreie Alternativen zum Röntgen

Vereinzelt gibt es Möglichkeiten, die bekannte Röntgendiagnostik zu umgehen. Das ist zum Beispiel in der Orthopädie möglich, wenn es um die Darstellung der Wirbelsäule geht. Bei Haltungsschäden, Skoliosen, Hohlkreuz etc. kann man auf das System der vierdimensionalen Wirbelsäulen-Analyse zurückgreifen.

Als Alternative zum CT existiert zur Darstellung von Weichteilen wie Organen, Muskeln, Knorbel und des Gehirns die Magnetresonanztomographie, auch Kernspintomographie genannt. Sie ist bei der Darstellung von Weichteilen dem CT sogar überlegen. Alternativ kann zudem mit einer Ultraschall-Untersuchung, der Sonographie, gearbeitet werden. Sie ist nicht nur risikoärmer, sondern auch kostengünstiger.

Hier geht es zur Infostrecke: Wie stark Röntgenstrahlen uns belasten