Alzheimer-Prävention: Wie jede dritte Alzheimer-Demenz vermeidbar wäre

Alzheimer-Prävention : Wie jede dritte Alzheimer-Demenz vermeidbar wäre

Mehr als 36 Millionen Menschen leiden laut Alzheimer-Weltbericht an einer Demenz. Unerfüllt bleibt bislang der Wunsch, ihnen mit Arzneimitteln ihre geistige Gesundheit zurück zu bringen. Wissenschaftler aus Kalifornien setzen bei der Prävention an. Sie halten jede dritte Alzheimer-Demenz für vermeidbar. Wie das gelingen soll, lesen Sie hier.

Die nackten Zahlen schreiben für viele heute noch junge Menschen eine grausame Zukunft aufs Papier: Bis zum Jahr 2030 werden Vorausberechnungen zufolge mehr als 65 Millionen Menschen dement sein. Derzeit ist der sichere Nachweis des geistigen Verfalls durch Alzheimer zu Lebzeiten nicht hundertprozentig möglich. Erst nach dem Tod kann sie durch eine Untersuchung des Gehirns zweifelsfrei nachgewiesen werden. Die Heilung ist unmöglich. Experten aus den USA und Großbritannien sind sich jedoch sicher, dass man Millionen von Alzheimer-Erkrankungen vermeiden könnte.

Demnach ist ein Leben ohne Tabak nicht nur gut für die Lunge. Jüngste Studienergebnisse belegen, dass es zudem das Risiko an Alzheimer zu erkranken beträchtlich schrumpfen lässt. Jeder zweite Alzheimer-Fall geht auf Lebenstilfaktoren wie zum Beispiel das Rauchen zurück. Auch durch einige weitere Faktoren ließe sich das Erkrankungsrisiko maßgeblich beeinflussen.

Warum Diabetiker ein höheres Demenzrisiko haben

Dazu zählen neben Fettleibigkeit auch Bluthochdruck und Diabetes. Beim Diabetiker lässt sich der Zusammenhang durch einen krankhaft niedrigen Insulinspiegel im Blut sowie eine Insulinresistenz im Hirn erklären. Sie kann zu einer Schädigung der Blutgefäße insgesamt und damit auch der Blutgefäße im Hirn führen. Durch Überzuckerung oder Bluthochdruck verschärft sich die Lage für diese Menschen weiter. Darum raten Fachärzte auch mit Blick auf eine Demenzprävention dazu, den Diabetes gut einzustellen.

Daneben zeigen sich jedoch auch Couchpotatoes und Depressive als prädestiniert für den schleichenden geistigen Verfall. Die Wissenschaftler rund um Sam Norton werteten dazu die Daten aus allen verfügbaren Metaanalysen der vergangenen Jahre aus und errechneten dann, wie sich Alzheimer verhindern ließe, wenn sich die Menschen nicht mehr zu dick, nikotinsüchtig, bewegungsfaul oder depressiv wären und auch keinen zu hohen Blutdruck hätten.

Alzheimer wegen zu geringer Bildung

Auf den ersten Blick besonders erstaunlich: Ein geringes Bildungsniveau zählt zu den sieben besonderen Risikofaktoren und hat den höchsten Einfluss. Einen Erklärungsansatz dafür bietet Prof. Dr. James W. Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. Er erklärt es unter anderem mit der größeren Fürsorge, die Menschen mit höherer Bildung und einem größeren Einkommen rund um ihre Gesundheit betreiben. Sie informieren sich umfangreicher und ernähren sich im Schnitt besser.

Rund 19 Prozent der Alzheimerfälle könnte nach Erkenntnis der amerikanischen und britischen Forscher durch eine bessere Schulbildung mit Abitur vermieden werden. Auf Platz zwei folgte das Rauchen mit 14 Prozent. Ganze 13 Prozent der Alzheimer-Erkrankungen lassen sich zumindest theoretisch durch mangelnde Bewegung erklären. Jeder dritte Europäer bewegt sich zu wenig. Unter der Betrachtungsweise der Forscher kann man daraus isoliert betrachtet jede fünfte Demenz erklären. Geringeren Einfluss haben in dieser Auswertung zwar Diabetes, Bluthochdruck oder Übergewicht, in anderen Studien hingegen bewies man, dass sie sich gegenseitig beeinflussen können und das Risiko für den geistigen Verfall insgesamt heraufsetzen.

Während die wissenschaftliche Auswertung rein rechnerisch exakt dasteht, gerät sie in Schieflage, betrachtet man die Zusammenhänge: Denn Diabetes, Übergewicht und Bluthochdruck bedingen oder beeinflussen sich gegenseitig. Berücksichtigt man das, wäre jedoch immer noch jede vierte Alzheimererkrankung vermeidbar.

Medikamentöse Behandlung verzögert Heimeinweisung

"Wir wissen nicht genau wie die Mechanismen hinter den Risikofaktoren das Auftreten der Krankheit konkret beeinflussen", sagt der an der Studie beteiligte Experte Simon Ridley vom Alzheimer's Research UK. Darum drängen er und seine Kollegen auf weitere Investitionen in die Forschung. Solange kann die Medizin nur bedingt mit Arzneimitteln und nichtmedikamentösen Therapien, die darauf abzielen die Denk- und Merkfähigkeit zu verbessern, versuchen, das Fortschreiten der Krankheit zu verzögern. "Eine Heimeinweisung kann durch Medikamente bis zu zwei Jahre verzögert werden", sagt die Alzheimer Forschung Initiative.

Neue Bewegung bringt eine Beobachtungsstudie in die Diskussion: David Llewellyn von der University of Exeter untersuchte über 1.600 Amerikaner auf ihren Vitamin D-Spiegel und stellte fest, dass Menschen mit einem zu niedrigen Vitamin D-Spiegel ein zweifach höheres Risiko haben, an einer Demenz zu erkranken. Allerdings gilt es das noch in weiteren klinischen Studien zu bestätigen.

Johanniskraut und Bergtee reinigen Hirn

Ein anderer Ansatz zielt darauf ab, die Selbstreinigungskraft des Gehirns mit Johanniskraut und Bergtee aus Eisenkraut anzuregen. Der Molekularbiologe Prof. Jens Pahnke vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) führte dazu entsprechende Forschungsarbeiten durch und kam zu dem Ergebnis, dass sowohl der Bergtee als auch ein spezielles nebenwirkungsarmes Extrakt der Johanniskrautpflanze in der Lage ist, Eiweiß-Plaques, die typischerweise bei Alzheimer im Hirn entstehen, zu reduzieren. Die damit therapierten Menschen sollen ein besseres Gedächtnis sowie eine bessere Orientierung gehabt haben.

Unkonventionell scheint auch der Einsatz von Koffein in der Alzheimer-Behandlung. Seit einiger Zeit gibt es Hinweise auf dessen präventive Wirkung. Ein deutsch-französisches Forschungsprojekt brachte Erkenntnisse dazu, dass sich die psychoaktive Substanz, die in Kaffee und Tee enthalten ist positiv auf Ablagerungen im Hirn auswirkt. Geforscht wird außerdem an der schützenden Wirkung des auch in Currypulver enthaltenen Gewürzes Curcuma. Mit Fördergeldern aus dem Bundesforschungsministerium geht dem Prof. Jan Frank vom Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim nach. Die Wunderwirkung des gelben Würzpulvers beruht auf seiner antioxidativen Wirkung. Außerdem senkt es den Cholesterinspiegel, und ist gut gegen Entzündungen. Weil es altersbedingte Veränderungen im Gehirn verlangsamt, könnte es das Risiko senken, an Alzheimer zu erkranken.

Das hat die Schulmedizin dem Vergessen entgegenzusetzen

In der konventionellen Therapie hingegen spielen sogenannte Cholinesterase-Hemmer wie Donepezil, Galantamin oder Rivastigmin eine große Rolle. Sie nehmen auf die Signalübertragungssysteme im Hirn Einfluss helfen dort, den Untergang von Nervenzellen aufzuhalten. Für einige Monate lässt sich mit ihrer Hilfe zumindest bei leichter bis mittelschwerer Demenz die geistige Leistungsfähigkeit verbessern. Manko dabei: Nach neun bis zwölf Monaten sinkt dieser Effekt wieder ab.

Daneben werden sogenannte Memantine eingesetzt, die ebenfalls auf den Symptomverlauf Einfluss haben, Neuroleptika wie Risperidon Aripiprazol oder Haloperidol, die gegen Unruhe und Aggressivität oder Wirklichkeitsferne gegeben werden. Antidepressiva schließlich sollen depressive Verstimmungen und Antriebsminderung lindern. Sie sollen die Signalübertragung günstig beeinflussen und die Konzentration von Serotonin und Noradrenalin im Gehirn erhöhen, so die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.

Weniger aussichtsreich scheint insgesamt die Alzheimer-Prävention mit so genannten Statinen zu sein. Sowohl eine Übersichtsstudie als auch die Metaanalyse von vier Untersuchungen zur Wirkung solcher Lipidsenker zeigte, dass sie bei Menschen zwischen dem 50. Und 90. Lebensjahr den geistigen Verfall kaum mehr drosseln konnten als ein Placebo.

(wat)
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