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Alzheimer: Roboter soll menschliche Zuwendung ersetzen

Alzheimer : Roboter soll menschliche Zuwendung ersetzen

Da, wo Pflegekräfte in der Pflege Demenzkranker immer weniger Zeit haben oder Menschen sich durch ihre Krankheit nach innen kehren, soll ein Roboter im Kuschelpelz Abhilfe schaffen. Robbe "Paro" ist in einer Bremer Einrichtung neben Menschen ein weitere Kontaktpartner geworden.

Sensoren unter dem Fell einer elektronischen Kuschelrobbe registrieren Berührungen, Helligkeit oder Geräusche, sogar Stimmen kann der Roboter unterscheiden. Wird Paro gestreichelt oder angesprochen, reagiert das Gerät mit Tönen und Bewegungen. Wird er gekrault, brummt er behaglich. Schlägt man ihn, protestiert er.

Mal brummt Paro genüsslich, mal fiept die Kuschelrobbe jämmerlich. "Du bist ja ein niedliches Kerlchen", freut sich Waltraut Kottmus und krault dem ungewöhnlichen Gast die rechte Wange. Behagliches Schnurren ist die Antwort. Die demenzkranke Frau lebt im Bremer Seniorenpflegeheim "Haus O'Land", wo auch Paro eingezogen ist. Das Flauschtier mit dem herzerweichenden Augenaufschlag ist aber gar nicht aus Fleisch und Blut. Unter seinem weißen Fell pulsiert japanische Robotertechnik.

In Japan und anderen Ländern verbreitet

Vater von Paro ist Professor Takanori Shibata, der den Roboter am japanischen National Institute of Advanced Industrial Science and Technology entwickelt hat. Dort und auch in den USA und in Dänemark sind therapeutische Hilfsmittel wie Paro in der Pflege weit verbreitet - sie sollen die Patienten emotional ansprechen und anregen. Das Institut Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt a.M. setzt den Therapieroboter zu Forschungszwecken seit 2009 ein. Die Erfahrungen, die Studierende in verschiedenen Pflege- und auch Behinderteneinrichtungen gesammelt und dokumentiert haben, sind positiv.

In Deutschland gibt es dagegen nur eine Handvoll Pflegeheime, die sie einsetzen, etwa das Christinenstift Baden-Baden und das evangelische Maria-Martha-Stift in Lindau. Kritiker warnen, emotionale Robotik à la Paro dürfe in Zeiten von Personalmangel menschliche Zuwendung in der Pflege nicht ersetzen.

"Das funktioniert so nicht", entgegnet Sabine Greulich, stellvertretende Heimleiterin im "Haus O'Land", das sich auf die Versorgung demenzkranker Menschen spezialisiert hat. Paro, der hier in Bremen "Ole" heißt, wirke nur, wenn er von einem geschulten Menschen eingesetzt werde. "Viele demenzkranke Bewohner reagieren gar nicht auf ihn, vor allem zu Beginn der Krankheit. Dann protestieren sie: Das ist doch Kinderkram - was jault der hier so?"

Statt Tiertherapie kommt die Roboter-Robbe

Waltraut Kottmus aber lässt sich heute von der Robbe beruhigen. Die 88-Jährige hat nämlich einen Besuch beim Zahnarzt vor sich und ist deshalb ein wenig ängstlich. Jetzt holt sie sich noch etwas Trost bei Ole, der ihr von Günter Ahrens (69) in den Schoß gelegt wird. "Die Robbe wirkt alleine nicht", hat auch der ehrenamtliche Heimfürsprecher erfahren, der sich als Angehöriger seiner demenzkranken Schwiegermutter im Haus engagiert. "Es kann auch nicht sein, dass die Robbe die Zeit für eine Zigarettenpause der Pflegekraft freischaufelt", zieht er eine Linie.

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"Wir setzen Tiere therapeutisch ein - warum nicht Roboter in Tiergestalt?", meint der Bremer Pflegewissenschaftler Heiner Friesacher. "Wir profitieren in Fällen, in denen Medizin nicht weiterhilft." Außerdem habe mancher Bewohner Angst vor richtigen Tieren.

Voraussetzung für den Einsatz sei aber die Einbettung in eine ethische Grundhaltung gegenüber den demenzkranken alten Menschen, die sich auf Fürsorge, Achtung und Solidarität gründe, sagt Friesacher. "Dann bietet Paro einen weiteren therapeutischen Zugang." Demenz-Expertin Greulich hat schon erlebt, wie Ole mit seinen großen Kulleraugen stumme Bewohner zum Sprechen brachte, wie sein Fiepen Lächeln auslöste.

Jede Menge Sensoren unter dem Fell der Robbe registrieren Berührungen, Helligkeit oder Geräusche, sogar Stimmen kann der Roboter unterscheiden. Wird Paro gestreichelt oder angesprochen, reagiert die maschinelle Schmusebacke mit Tönen und Bewegungen. So heitert der etwa 2,5 Kilo schwere und knapp 5.000 Euro teure Bursche die Leute im "Haus O'Land" auf, baut Stress ab, weckt Erinnerungen und löst Gespräche aus. Ein lernender Computer im Körper eines Kuscheltiers, der keinen Dreck macht und ausschließlich Strom frisst.

Was Kritiker dazu sagen

Die Kritik setzt daran an, dass in der Altenhilfe Beziehungspflege an erster Stelle stehen sollte. "Nur unter Menschen kann sich ein Mensch geborgen fühlen", mahnt Michael Düwel, Fachlehrer für Altenpflegeberufe in München. Der katholische Theologe und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover, Jürgen Manemann, stellt die Frage: "Wie gefühllos ist unser Umgang mit Demenzkranken im Alltag geworden, wenn wir einen Emotionsroboter benötigen, um Patienten zum Sprechen zu bringen?"

Einen kurzfristigen Einsatz, den kann Manemann verstehen. "Aber das ist kein Ersatz für echte Zuwendung." Ähnlich dachte zunächst auch die Bremer Filmemacherin Annette Wagner, die eine Dokumentation unter dem Titel "Roboter zum Kuscheln" gedreht hat. Ihr Fazit nach monatelanger Recherche: "Paro ist sicher kein Wundermittel - aber auch kein Teufel im Robbenpelz."

Türöffner bei In-Sich-Gekehrten

Die Robbe berühre demenzkranke Menschen und bereite Freude - "nicht nur den verwirrten Bewohnern, sondern auch dem strapazierten Pflegepersonal". Ole könne unterstützen, ist Sabine Greulich überzeugt. Er gebe einigen Bewohnern das Gefühl, dass sie sich um jemanden kümmern könnten. "Und er kann ein Türöffner bei Menschen sein, die in ihrer Krankheit ganz in sich gekehrt sind und die wir sonst nicht erreichen. Welche Erfahrungen konkret in verschiedenen Einrichtungen und der wissenschaftlichen Begleitung solcher Projekte gesammelt wurden, lesen Sie hier.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Erfahrungen: Der Therapieroboter öffnet Herzen

(wat/chk)