Alzheimer : Eine tückische Krankheit

Die Meldung hat nicht nur die Fußball-Welt schockiert: Rudi Assauer, der ehemalige Manager des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, ist an Alzheimer erkrankt. Die tükische Krankheit macht vielen Menschen Angst. Aber: Die Forschung macht nur langsam Fortschritte.

In den Fakten des Welt-Alzheimer-Berichts liegt eine Ironie: 36 Millionen Menschen weltweit leiden an Alzheimer und die meisten wissen nichts davon. Viele würden es noch verstehen, denn im Anfangsstadium äußert sich die Krankheit in kleinen Vergesslichkeiten, die auch Schusseligkeit sein könnten.

In Deutschland leiden etwa 1,2 Millionen Menschen an Demenz. Die neurodegenerative Erkrankung tritt am häufigsten in Form von Alzheimer auf. Zwei Drittel der Betroffenen sind es konkret, die unter Alzheimer leiden. Jährlich kommen nach Einschätzung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in unserem Land rund 300.000 Neuerkrankungen hinzu. Nach den Zahlen des Welt-Alzheimer-Berichts liegt allerdings die Dunkelziffer in den Industrieländern bei 50 bis 80 Prozent. Bei vielen Betroffenen ist die Krankheit also da, aber nicht diagnostiziert.

"Weg vom Geist" oder auch "ohne Geist" lautet die wörtliche Übersetzung des Begriffs aus dem Lateinischen. Es war der deutsche Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer (1864-1915), der im Gehirn verstorbener Patienten massenhaft zugrunde gegangene Nervenzellen fand und auffällige Eiweißablagerungen — so genannte "Plaques". Er vermutete, dass diese Ablagerungen mit der "Krankheit des Vergessens" ursächlich im Zusammenhang stehen.

Heute weiß man über die Krankheit einiges mehr. Dennoch können sich Betroffene und deren Angehörige oft nur an Hoffnungen klammern, die manches Mal wie Seifenblasen zerplatzen. So ließ auch die Entwicklung einer Immuntherapie, umgangssprachlich Alzheimer-Impfung genannt, darauf hoffen, dass man das Fortschreiten der Krankheit zumindest aufhalten könne. Nun verunsichern neue Studienergebnisse die Alzheimerforschung: Man war der Annahme gefolgt, dass die Ablagerung bestimmter Proteine für die voranschreitende Demenz verantwortlich sei. Die Immuntherapie sollte diese Ablagerungen vermindern.

Stand der Forschung

Doch im vergangenen Jahr überraschte der englische Forscher James Nicolls mit seiner Untersuchung von Gewebeproben verstorbener Alzheimerpatienten die Fachwelt: In seiner Studie wurden einige Alzheimerpatienten mit diesen Medikamenten zum Abbau der Plaques im Gehirn behandelt, andere hingegen bekamen nur Placebomedikamente. Im Ergebnis konnten zwar zum Teil die typischen Plaquablagerungen vermindert werden, dennoch änderte das nichts an der fortschreitenden Demenz. Selbst bei Patienten, bei denen fast gar keine Ablagerungen mehr gefunden wurden, konnte das Fortschreiten der Krankheit nicht aufgehalten werden, informiert die Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie (DGNN) an der Universität Tübingen anlässlich ihrer Jahrestagung zum Thema, die am Weltalzheimertag in Tübingen beginnt.

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Welche Rückschlüsse sich daraus ziehen lassen, muss die Wissenschaft im nächsten Schritt beantworten. Vielleicht sind die Plaqueablagerungen gar nicht die Ursache der Erkrankung sind und die Medizin hat jahrelang das falsche Ziel bekämpft. Vielleicht aber setzte die Behandlung in den Studienfällen einfach nur so spät ein, dass man den Patienten nicht mehr helfen konnte. Nach wie vor gehe nach Informationen der DGNN davon aus, dass die Eiweißablagerungen am Gehirn eine zentrale Rolle spielen, denn auch aus anderen Zusammenhängen weiß man, dass diese Ablagerungen für die Nervenzellen sehr schädlich sind. "Trotzdem weisen die Forschungsergebnisse in verschiedene Richtungen", stellen die Tübinger Neuropathologen fest.

Wie sich die Krankheit zeigt

Alzheimer ist wie ein Radiergummi: Nach und nach radiert sie immer mehr weg. Telefonnummern, Namen, später komplexere Dinge wie Wege oder Zusammenhänge. Sie lässt Erinnerungen verschwinden und am Ende lebenswichtige Informationen. Die chronisch fortschreitende, degenerative Veränderung des Gehirns führt dazu, dass sich die Gedächtnisleistung verschlechtert, dann auch das Denkvermögen und die Urteilsfähigkeit. Alzheimerkranke können irgendwann nicht mehr selber Essen, nicht mal mehr Sprechen. Ihre Persönlichkeit ist verändert. Die Krankheit ist ein unaufhaltsamer Abschied auf Raten. Sie kann derzeit nicht geheilt werden. Es gibt jedoch therapeutische Möglichkeiten, die fortschreitenden Symptome der Demenz hinauszuzögern.

Therapie auch ohne Medikamente

Auch nicht-medikamentöse Behandlungen wie Physiotherapie, Logo- oder Ergotherapie können eine Verbesserung des Zustands bringen. Auf verschiedene Arten kann man, so empfiehlt die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft, selbst dazu beitragen, den Geist möglichst lange wach zu halten. Demnach gibt es Übungen, die stimmungsverbessernd sind, spezielle Fähigkeiten fördern und auch das Selbstbewusstsein stärken. Gezielt lasse sich so an der Merkfähigkeit, kognitiven Leistungen und dem Erhalt von Alltagsfähigkeiten arbeiten. Seit dem Jahr 1994 findet jährlich der Welt-Alzheimertag statt, um auf die Situation Betroffener und ihrer Angehöriger aufmerksam zu machen. Denn längst ist Alzheimer ein Problem geworden, das nicht mehr nur den einzelnen oder die Familie betrifft, sondern die Gesellschaft.

Die Krankheit unterscheidet nicht zwischen reich und arm, berühmt oder nicht. Fotograf, Playboy und Kunstsammler Gunter Sachs entschied sich im Mai wegen seiner Alzheimer-Erkrankung für den Freitod, Heidi Kabel hatte Alzheimer, der als Columbo berühmt gewordene US-Schauspieler Peter Falk, auch der frühere amerikanische Präsident, Ronald Reagan kämpfte vergeblich gegen die Krankheit. Jeder zweite Deutsche hat nach dem Ergebnis einer Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) Angst vor der heimtückischen Krankheit. Nur Krebs fürchten die Deutschen mehr.

Da immer mehr Menschen ein höheres Alter erreichen, wird das Thema in der Zukunft die Gesellschaft noch nachhaltiger beschäftigen. Sollte der Medizin zukünftig kein Durchbruch bei Prävention und Behandlung gelingen, wird sich die Zahl der Demenzkranken in Deutschland nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft im Jahr 2050 auf 2,6 Millionen erhöhen.

(wat)