Da vinco chirurgie Roboter: So funktioniert er, das kann er

Medizintechnik : Wie OP-Roboter den Operationssaal übernehmen

Verschwindet das klassische Operieren? Feiner als der Mensch es kann, setzen Maschinen die Bewegungen des Operateurs um. Wie der "da-vinci-OP-Roboter" funktioniert.

Nur wenige Schnitte weist der Unterbauch des Patienten auf, jeder davon kaum einen Finger breit. Gerade groß genug zum Einführen dünner Metall-Arme, an deren Enden sich neben einer beweglichen Kamera auch Skalpell und Pinzette befinden, außerdem Spüler und Absauger, Werkzeuge zum Veröden und Abklemmen, später dann Nadel und Faden - die klassischen Instrumente des operierenden Urologen.

Der sitzt indes ganz woanders, meterweit vom OP-Tisch entfernt an einem Hightech-Arbeitsplatz mit Bildschirm und Steuereinheiten, die an überdimensionierte Joysticks erinnern. Den Eingriff in 3D vor Augen, bedient der Mediziner von dort den Roboter, der spinnengleich über dem 63-jährigen Patienten schwebt, dem an diesem Morgen die Prostata entfernt wird. Der Chirurg könnte das auch von China aus tun, tausende Kilometer weit weg.

Jörn Witt aber bleibt lieber im beschaulichen Gronau an der deutsch-niederländischen Grenze. "Die Internet-Verbindung könnte abreißen", sagt der 55-jährige Chefarzt der Urologie am St. Antonius-Hospital, "deshalb sind solche Distanzen nicht erlaubt." Man muss ja auch nicht gleich alles ausprobieren, was mit der roboterassistierten Operationsmethode theoretisch möglich ist. Obwohl das "da Vinci"-System in den USA vor 20 Jahren exakt dafür entwickelt wurde: Soldaten an der Front wieder zusammenzuflicken, ohne dass es auch für den Chirurgen gefährlich werden muss. Oder Astronauten im Weltall operieren - von der Erde aus.

Wesentlich für Jörn Witt ist ein ganz anderer Vorzug des Systems: seine enorme Präzision. Ob Nieren, Blasen- oder Gallenblasen-OP, gynäkologische Eingriffe oder eben die radikale Entfernung der Prostata - feiner als es der Fachmann vermag, setzt der Roboter jede Aktion des Operateurs um: Bewegt dieser seinen Joystick fünf Millimeter, dann bewegt sich der Roboterarm dank Untersetzung nur um einen Millimeter. Der Computer gleicht sogar den Tremor aus, jenes natürliche Zittern, das jeder noch so ruhigen Hand innewohnt. Die vier Arme der Maschine sind durch ihre jeweils vier Gelenke beweglicher als die eines Menschen, die 3D-Bildtechnik stellt in bis zu zehnfacher Vergrößerung feinste Nervenbahnen und Gefäße dar. "Außerdem erlauben Eingriffe mit da Vinci ein nahezu ermüdungsfreies Arbeiten des Operateurs, der sich nicht über den Patienten beugen muss, sondern entspannt an seiner Konsole sitzt", sagt Witt.

Das System hatte Witt in Amerika kennengelernt. 2006 brachte er den ersten Roboter ins Antonius-Hospital nach Gronau. Damals steckte die roboterassistierte Chirurgie in Deutschland noch in den Anfängen, während etwa in den USA zur selben Zeit schon rund drei Viertel aller Prostata-Operationen mit da Vinci durchgeführt wurden. Inzwischen stehen die Operationsroboter deutschlandweit in rund 80 Kliniken. Den Spitzenplatz mit drei Systemen plus einem Schulungsgerät hält Gronau. Mehr als 7500 Patienten wurden seither damit operiert, vor allem Männer, bei denen sich ein Karzinom in der Vorsteherdrüse gebildet hatte.

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung beim Mann. "Die Furcht vor Inkontinenz und Impotenz lastet schwer auf den Patienten, wenn sie vor der Frage stehen: Soll ich mich nach einer Prostatakrebs-Diagnose operieren lassen?", weiß Jan Marin, Facharzt in der urologischen Gemeinschaftspraxis Kempen, Viersen, Nettetal, Willich. Die größte urologische Gemeinschaftspraxis am Niederrhein schickt pro Jahr mehr als 100 Betroffene zur OP nach Gronau, "weil der Eingriff mit der ,da Vinci'-Technologie unserer Erfahrung nach besonders schonend und nervenerhaltend durchgeführt werden kann", so Marin: "Immerhin: Deutlich über 90 Prozent dieser Männer sind zwölf Monate nach dem Eingriff kontinent, wenn sie es zuvor auch waren." Auch die Aussichten, die Erektionsfähigkeit wiederzuerlangen, seien aufgrund der präzisen Technik deutlich besser.

Seit 2010 verfügt die Uni-Klinik Düsseldorf ebenfalls über einen OP-Roboter. Professor Peter Albers, Leiter der urologischen Klinik, lobt die Fähigkeiten des Geräts, warnt allerdings davor, in ihm ein Allheilmittel zu sehen: "Der Roboter hat viele Vorteile. Doch es gibt derzeit keine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass der Einsatz von da Vinci im Bereich der radikalen Prostatektomie zu einem messbar besseren Ergebnis führt, was die Vermeidung von Inkontinenz und den Erhalt der Potenz angeht. Das A und O bleibt hier die Erfahrung des Operateurs." Sinnvoll angewendet werden könne der Roboter vor allem dann, wenn er, beispielsweise bei Eingriffen an der Blase, dazu beitrage, Komplikationen zu vermeiden, Zeit und Aufwand im OP effektiv zu verringern. Und damit auch die Kosten.

Tatsächlich ist roboterassistiertes Operieren keineswegs billig. Mit zwei Millionen Euro schlägt die Anschaffung eines Geräts zu Buche, der Aufwand für die Schulung der Ärzte nicht eingerechnet. Zwischen 1200 und 2000 Euro kostet jeder Eingriff extra: Stets muss der Roboter aufwendig sterilisiert werden. Außerdem ist die Lebenszeit seiner Gelenke begrenzt. Nach acht bis zehn OP's ist eine Erneuerung fällig, damit es nicht zu Einbußen bei der Exaktheit kommt. Ein Chip meldet den Eintritt des Verfallsdatums - und stellt den Betrieb der Maschine unbarmherzig ein, falls die fälligen Wartungsarbeiten nicht erfolgen.

Jörn Witt schwört dennoch auf da Vinci: "Wer die Daten in der Literatur aufmerksam liest, kommt zu dem Ergebnis, dass der Roboter eindeutig zu besseren Resultaten gerade bei Entfernung der Prostata führt. Schon die laparoskopische Chirurgie, bei der statt großer Schnitte Instrumente kamerageführt im Körperinnern eingesetzt werden, war ein Riesenfortschritt. Der Roboter ist die nächste Stufe. Ohne da Vinci operieren kommt mir vor wie mit eingegipsten Händen operieren." Witts Prognose: Im Jahr 2030 werden alle komplexen Eingriffe mit Robotern durchgeführt. "Dann ist die offene Chirurgie tot."

(RP)