Psychische Krankheit Borderline: Bis zur Selbstzerstörung

Berlin · Jugendliche mit einer Borderline-Störung leiden an geringem Selbstwertgefühl, Gefühlsschwankungen und starken Abneigung gegen sich selbst. Der tiefe Hass gegen den eigenen Körper reicht von Selbstverletzungen bis zu Suizidversuchen. Therapien sind schwierig.

Claudia Wiegmann hat ihr Notfalltäschchen immer dabei. Darin sind unter anderem Chili, eine harte Bürste und extra scharfer Senf. Eine Handvoll Kieselsteine legt sie im Notfall in die Schuhe, Gummis bindet sie ums Handgelenk. Das Notfalltäschchen empfiehlt sie allen sogenannten Borderlinern: "Wenn der Druck überhand nimmt oder man sich innerlich leer fühlt." Die kleinen Dinge holen ins Leben zurück und bauen den Druck ab. "Um aus einer unerträglichen Situation herauszukommen, muss man sich nicht verletzen oder Drogen einnehmen."

Sechs Prozent Betroffene

Etwa sechs Prozent der Jugendlichen in Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) von der Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen. Dies ist eine schwerwiegende psychische Störung, die in der Pubertät beginnt und von der Medizin lange vernachlässigt wurde. Obwohl das Wissen um die Gefahr der Krankheit und die medizinische Behandlung in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht haben, erhält nur etwa einer von tausend Betroffenen eine wirksame ambulante Therapie.

"Sie fügen sich regelmäßig Selbstverletzungen zu, quälen sich mit Selbstmordgedanken und nehmen Drogen, um sich zu beruhigen", sagt Martin Bohus vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Die wenigsten suchen professionelle Hilfe. Jugendliche "Grenzgänger" bleiben häufig unerkannt, warnen Jugendpsychiater. Ihr Verhalten - vor allem, weil oft Alkohol- und Drogenmissbrauch hinzukommt - wird als Pubertätskrise falsch gedeutet. "Aus Scham verbergen Betroffene häufig mit Rasierklingen selbst beigebrachte Schnittverletzungen oder Verbrennungen", sagt Michael Schulte-Markwort, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Jugendliche mit einer Borderline-Störung haben große Schwierigkeiten, Beziehungen einzugehen und allein zu sein. Typisch sind chronische Selbstverletzungen, Suizidversuche, Drogeneinnahme und Essstörungen. Die meisten der Betroffenen haben Probleme, ihre Schul- und Berufsausbildung abzuschließen. Viele verbringen Jahre in psychiatrischen Kliniken. Nach Expertenangaben nimmt die Intensität der Störung erst um das 40. Lebensjahr ab.

Die psychische Störung wird durch Fehler bei der Emotionsregulation ausgelöst. Das bedeutet, dass hemmende Verbindungen zwischen den vorderen Hirnarealen und den Zentren der emotionalen Verarbeitung nicht funktionieren. "Betroffene erleben deutlich intensiver, stürmischer und anhaltender als Gesunde, sagt Bohus. "Bisweilen sind die Emotionen so stark, dass die Realität nicht mehr oder nur noch im Nebel wahrgenommen wird." Betroffene berichten davon, sich in diesen Situationen außerhalb des eigenen Körpers zu wähnen.

Neben einer genetischen Veranlagung liegen die Ursachen für die Erkrankung meist in Störungen der kindlichen Entwicklung. Über 60 Prozent der Borderliner berichten nach Angaben der DGPPN über schweren sexuellen Missbrauch in der Kindheit - insbesondere in der engeren Familie. "Auch die Veränderungen in der Struktur des Gehirns lassen sich auf frühe Gewalterfahrungen zurückführen", erklärt Bohus. Hinzu kommen emotionale Vernachlässigung, frühe Verlusterlebnisse und massiv gestörte Beziehungen in der Familie. Allerdings erklärt das längst nicht alle Fälle. Knapp 40 Prozent der befragten Borderliner entwickelten die Störung ohne sexuellen Missbrauch in der Kindheit.

Als wirksame Behandlung hat sich die sogenannte Dialektisch Behaviorale Therapie in mehreren Studien erwiesen. "In der 20 bis 24 Wochen dauernden Therapie lernen die Jugendlichen, sich selbst besser wahrzunehmen, Mitmenschen besser einzuschätzen und wutauslösende Situationen zu erforschen", sagt Jugendpsychiater Christian Fleischhaker von der Universitätsklinik Freiburg. "Häufig kommen Mädchen in die Therapie, die es leid sind, wegen ihrer vielen Vernarbungen angestarrt zu werden." Die Abbruchquote liegt in Freiburg bei 25 Prozent. Statistiken zufolge bricht bundesweit jeder Zweite seine Therapie ab. Alarmierend ist auch die Zahl, wonach 20 Prozent aller Betroffenen sich jeglicher Therapie verweigern. Die Selbstmordrate beträgt nach Angaben des Selbsthilfevereins Borderline-Netzwerk rund zehn Prozent.

An mehr als 30 psychiatrischen Fachkliniken wurden hoch spezialisierte Behandlungseinheiten etabliert, die mit dieser Therapie arbeiten. Allerdings ist die ambulante Behandlung nach Ansicht der DGPPN immer noch vollkommen unzureichend. Es gibt zu wenig ausgebildete Therapeuten. Zudem weigern sich die Kassen oft, Therapien zu finanzieren, die länger als ein Jahr nötig sind. Experten warnen, dass die Folgen für die Betroffenen oft verheerend sind.

(apd/kpl/RPO)