Antibiotikum: Wann es die richtige Wahl ist und wie man es einnimmt

Die wichtigsten Antworten : Wann Antibiotika die richtige Wahl sind und wie man sie einnimmt

Antibiotika bewahren uns vor dem Tod, werden aber in 30 Prozent der Fälle unnötig verschrieben, weil sie von vielen als Allheilmittel verstanden werden. Das aber sind sie nicht. Wann also einnehmen und wann meiden? Wie Sie Fehler im Umgang mit Antibiotika vermeiden, erfahren Sie hier.

Grundlos ein Medikament einzunehmen, erscheint widersinnig, kommt aber täglich vor. Bei Erkältungen sind meist Viren Auslöser des Infekts. Verordnet der Arzt dann Antibiotika, hilft es nicht nur dem Kranken kaum, sondern sorgt dafür, dass Erreger lernen, mit dem medikamentösen Killer umzugehen - und resistent werden. Ist es so weit gekommen, kann selbst ein Breitband-Antibiotikum nichts mehr ausrichten.

Ebenso ist bei einer akuten Entzündung der Nasennebenhöhlen ein Antibiotikum weitgehend wirkungslos. Dennoch kommt es bei der sehr schmerzhaften Erkrankung häufig zur Verordnung — oft wird das Breitbandantibiotikum Amoxicillin eingesetzt — obwohl Zurückhaltung gefragt wäre, so zeigt eine amerikanische Studie.

Ähnlich verhält es sich bei akuter Bronchitis mit einem trockenen Husten. Auch sie wird oft durch Viren ausgelöst. Ebenso wie kindliche Mittelohrentzündungen. Bei ihnen spielen vor allem sogenannte Respiratory-syncytial-(RS)-, Parainfluenza-, Adeno- und Enteroviren eine Rolle. Allerdings können auch Bakterien wie Streptokokken, Staphylokokken oder E-coli dafür verantwortlich sein. Da die Gabe von Antibiotika mittlerweile umstritten ist und auch die Leitlinie einen abwartenden Umgang empfiehlt, hat ein erstes Umdenken eingesetzt. In den ersten 24 bis 48 Stunden erhält das Kind Schmerzmittel und Nasentropfen. Dennoch gehören Kinder neben alten Menschen zu der Bevölkerungsgruppe, die am häufigsten Antibiotika verordnet bekommen, so der DAK-Bericht.

Jeder weiß, wie schlecht man sich fühlt, wenn eine Erkältung erbarmungslos zuschlägt. Doch die wird in 80 bis 90 Prozent der Fälle durch Viren verursacht, sagt Arzneimittelexperte Gerd Glaeskes. "Antibiotika schaden in solchen Fällen mehr als sie nutzen. Sie können Nebenwirkungen verursachen und verschärfen das Risiko der Resistenzbildung", so der Experte. Besonders oft wurden sie im Jahr 2013 bei Erkrankungen der oberen Luftwege verordnet, ohne dass dies nötig gewesen wäre, belegt eine Analyse der Arzneimitteldaten der DAK.

Was sind Antibiotika?

Antibiotika sind Arzneimittel, die gegen Bakterien, aber nicht gegen Viren wirksam sind. Die ersten dieser Stoffe gingen auf Stoffwechselprodukte von Pilzen oder Bakterien zurück. Inzwischen werden sie jedoch auch synthetisch hergestellt.

Doch nicht jedes Antibiotikum wirkt gegen jedes Bakterium. Aus diesem Grund gibt es viele unterschiedliche Substanzen, die je nach Art des Erregers zum Einsatz kommen. In unklaren Fällen, in denen der Erreger nicht bestimmt wurde, dennoch aber dringender Handlungsbedarf besteht, kommen Breitspektrum- oder Breitband-Antibiotika zum Einsatz. "Sie wirken gegen mehrere verschiedene Bakterien gleichzeitig, Schmalspektrum-Antibiotika dagegen gezielt gegen ganz bestimmte Bakterien", sagt Dr. Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (abda). Neben ihnen gibt es so genannte Reserveantibiotika, meist noch relativ neue Mittel, die eingesetzt werden, sobald bekannt ist, dass Keime resistent gegen übliche Antibiotika geworden sind.

Wie zeigt sich eine Resistenz?

Bitter trifft es dann die Patienten, die dringend ein Antibiotikum brauchen, es jedoch kaum noch eins gibt, das verlässlich wirkt. Regina Pohl ist so ein Fall. Immer wieder leidet sie unter einer Nierenbeckenentzündung. Mit hohem Fieber und furchtbaren Schmerzen in den Flanken liegt sie im Bett, der Weg auf die Toilette ist für sie eine Höllentour, denn das Wasserlassen schmerzt sehr. Doch die verordneten Antibiotika bewirken nichts gegen die Infektions-Erreger. Eigentlich sind sie die in den von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) Leitlinien festgelegte Therapie der ersten Wahl. Doch nun wird der Kampf der Ärzte gegen eine lebensgefährliche Blutvergiftung, die ihre Patientin in Folge des bakteriellen Infekts davon tragen könnte, immer wahrscheinlicher. Denn die Bakterien breiten sich ungehemmt über die Blutbahn im ganzen Körper aus. So kann eine einst beherrschbare Infektion wieder zur Lebensgefahr für Betroffene werden.

Wie wirken Antibiotika?

Wenn das Immunsystem des Körpers die Kontrolle gegen bakterielle Angreifer verloren hat, können Antibiotika helfen, indem sie die Erreger abtöten oder ihnen ihre Nahrungs- und Vermehrungsgrundlage entziehen, indem sie in ihren Stoffwechsel eingreifen. Viren hingegen haben keinen eigenen Stoffwechsel, sondern benötigen zum Überleben eine Wirtszelle. Beim Menschen schleusen sich Viren also in körpereigene Zellen, in denen sie überleben, weil Antibiotika diese nicht angreifen.

Wann sollte man sie einnehmen?

Die medikamentöse Wunderwaffe der Menschheit wirkt ausschließlich gegen bakterielle Erreger. Doch ist es auch für Mediziner nicht immer leicht, zu erkennen, wann das der Fall ist. Die Symptome sind sich häufig sehr ähnlich. Meist sind sie unumgänglich bei Erkrankungen wie Lungen- oder Hirnhautentzündung, Mandel- und auch Harnwegsinfekten. Unbedingt notwendig ist ihre Einnahme nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung bei Scharlach, Keuchhusten, Tuberkulose und eitrigen Hautentzündungen.

Wann helfen Antibiotika auf keinen Fall?

Antibiotika können hingegen nichts ausrichten, wenn sie bei Erkältungserkrankungen wie Schnupfen und Husten eingenommen werden, gegen viele Magen-Darm-Erkrankungen sind sie machtlos und auch gegen Influenza, die echte Grippe. Grund dafür ist, dass es sich hier um Viruserkrankungen handelt. Antibiotika wirken jedoch nur gegen Bakterien.

Warum werden sie so häufig unnötig verschrieben?

Antibiotika können am besten wirken, wenn man sie passgenau auf den Erreger ausstellt. Das macht allerdings eine Laboruntersuchung erforderlich, die viele Ärzte scheuen, zumal sie in diesem Fall dem Patienten nicht sofort helfen können, sondern die Laborergebnisse zunächst abwarten müssen. Sie verordnen dann rein prophylaktisch ein Breitbandantibiotikum, das gegen möglichst viele Erreger vorgeht, die die betreffende Erkrankung auslösen können.

Daneben gibt es Patienten, die die Verordnung der schweren Wunderwaffe geradezu einfordern. Sie unterliegen dem Irrglauben mit diesem Arzneimittel immer die beste Wahl getroffen zu haben, um so ihrer Erkrankung möglichst schnell beizukommen.

Was sind die Folgen eines sorglosen Umgangs?

Je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von Resistenzbildungen. Das geschieht häufig dadurch, dass Patienten ein verordnetes Antibiotikum zwar beginnen einzunehmen, es dann aber nicht bis zum Ende der Packung durchziehen. Auch ein zeitlich sehr unregelmäßiger Einnahmerhythmus kann das hervorrufen, ebenso wie eine Dosierung, die eigenmächtig nach unten korrigiert wurde.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Probleme bei der Verdauung, Übelkeit und Durchfall zählen laut Ursula Sellerberg zu den häufigsten Nebenwirkungen. Oft setzen diese Begleiterscheinungen schon wenige Stunden nach der Einnahme des Arzneimittels ein. Besonders häufig kommt es bei der Gabe des Breitbandantibiotikums Amoxicillin vor. Zehn von 100 damit behandelten Patienten betrifft es.

Antibiotika können Durchfall auslösen, weil das Medikament nicht nur die krank machenden Bakterien angreift, sondern auch die guten, die für eine gesunde Darmflora verantwortlich sind. Sie übernehmen im Normallfall beim Verdauen der Nahrung die Rolle, den Speisen das Wasser zu entziehen. Dadurch, dass sie vom Antibiotikum angegriffen werden, können sie dieser Aufgabe nicht mehr nachkommen und die Nahrungsflüssigkeit passiert mit den festen Bestandteilen den Darmtrakt und macht sich als Durchfall bemerkbar.

Besonders bei Frauen treten nach einer Antibiotikatherapie häufig Pilzerkrankungen — wie Vaginalpilze — auf. Viele Menschen reagieren auch mit so genannten Arzneimittelexanthem — also Hautausschlägen am ganzen Körper — auf diese Arzneimittel.

Was sollte man den Arzt fragen?

Vor einer Einnahme sollte man mit dem Arzt besprechen, warum er die Einnahme für notwendig hält und welche Nebenwirkungen möglich sein können. Erkundigen Sie sich außerdem genau danach, über welchen Zeitraum und in welcher Dosierung Sie das Medikament einnehmen müssen. Setzten sie es nie eigenmächtig ab, wenn die Symptome nachlassen.

Grundsätzlich gilt zudem: Wenn schon Antibiotika, dann auch richtig. Das heißt: Setzen Sie nicht eigenmächtig die Dosierung herab. Das kann ebenso wie das frühe Absetzen dazu führen, dass im Körper zwar ein Großteil der krank machenden Bakterien abgetötet ist, sich jedoch irgendwo kleine Kolonien der Erreger verschanzt haben, die noch nicht abgetötet wurden. Setzten Sie jetzt das Antibiotikum ab, können diese wieder Oberhand gewinnen und sind bei erneuter Therapie mit dem Antibiotikum resistent geworden.

Erkundigen Sie sich danach, in welchen zeitlichen Abständen die Einnahme erforderlich ist. Nur, wenn der Wirkstoffspiegel im Blut möglichst konstant bleibt, kann das Mittel seine optimale Wirkung entfalten. Bei einer Einnahme dreimal täglich sollten die Abstände zum Beispiel jeweils acht Stunden betragen.

Erkundigen Sie sich beim Arzt außerdem darüber, wann Sie das Mittel einnehmen sollen. Denn manche Antibiotika dürfen nicht mit anderen Medikamenten zusammen eingenommen werden. Bei anderen stört die gleichzeitige Aufnahme von Milch oder Multivitaminsäften ihre Aufnahme.

Hier geht es zur Infostrecke: Die wichtigsten Antibiotika im Überblick

(wat)
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