EU-Richtlinie will unter 16-Jährige schützen: Die Risiken des Haarefärbens

EU-Richtlinie will unter 16-Jährige schützen : Die Risiken des Haarefärbens

Statt blond lieber rot oder mit Strähnchen aufgepeppt. Die eigene Haarpracht nehmen die wenigsten als Gott gegeben. Fachleute warnen vor den Gefahren des Haarefärbens und die EU schiebt für Jugendliche einen Riegel vor die Lust nach Farbe. Welche Gefahren drohen?

Es sind vor allem die Jugendlichen unter 16 Jahren, die die neue EU-Kosmetikverordnung schützen will. Schon seit November 2011 schreibt sie vor, dass Verpackungen von Haarfärbemittel Warnhinweise tragen und Friseure ihre jungen Kunden über die Risiken aufklären. Denn Haarfarben können Allergien auslösen. Besonders bei Jugendlichen, deren Haut noch durchlässiger ist und für die diese Farben gar nicht konzipiert sind.

Viele färben ihre Haare

Mehr als sechs von zehn Frauen färben ihre Haare. Auch die Männer lieben Farbe auf dem Kopf: Jeder zehnte greift zu Haarfärbemitteln, so gibt es das Allergie-Informationsportal Allum an, das von der Deutschen Akademie für Kinderheilkunde und Jugendmedizin e.V. geführt und in fachlicher Hinsicht von Bundesinstituten, ärztlichen Fachverbänden und Einrichtungen zur Patientenberatung und —selbsthilfe unterstützt wird. Die Haarfarbe dem Trend nach anzupassen ist also völlig normal. Kaum einer denkt über die Allergiegefahr nach, die vom Haarefärben ausgehen kann.

Farbe kann allergische Reaktionen auslösen

Besonders Jugendliche aber sollten darüber informiert sein, denn fast jeder zweite Jugendliche in Deutschland ist nach Angaben der Techniker Krankenkasse allergiegefährdet. "Durch Kontaktallergien verursachte Hautkrankheiten sind in der Regel nicht lebensbedrohlich", so stellt der Informationsverbund Dermatologische Kliniken (IVDK) fest. Für den Betroffenen bedeutet diese Diagnose meist jedoch weiterreichende Konsequenzen im alltäglichen Leben, denn in der Regel bleiben einmal erworbene Kontaktallergien lebenslänglich und bisher gibt es keine therapeutische Möglichkeit, diese zu beseitigen. Sie äußern sich in Rötungen, Schwellungen, Schuppungen, Juckreiz oder nässen im schlimmeren Fall sogar. Bei sehr sensiblen Menschen kann eine Kontaktallergie einen allergischen Schock auslösen und tödlich enden.

Fachleute setzen darum auf Prävention. Die EU auch. Sie hat im vergangenen Jahr eine Richtlinie erlassen, das Jugendliche unter 16 Jahren vor den Gefahren des Haarefärbens schützen soll. Konkret sind es die Inhaltsstoffe p-Phenylendiamin (PPD) und p-Toluylendiamin (PTD), die dafür bekannt sind, Kontaktallergien auslösen zu können. Seitdem die EU-Richtline auch in Deutschland umgesetzt wird, legt der Industrieverband Körperpflege und Waschmittel e.V. in seinen Fachinformationen Frisören nahe, "in Übereinstimmung mit den gesetzlichen Vorgaben, Jugendlichen unter 16 Jahren nicht die Haare zu färben". Denn eine Haftung für später auftretende Schäden sei nicht auszuschließen.

Welche Schäden das sein können, das allerdings kann die Innung dem Infoblatt nicht entnehmen. Wohl aber ist klar: Jugendliche unter 16 Jahren, die das Frisörhandwerk erlernen, dürfen zwar mit Haarfarben umgehen und arbeiten, doch nur mit Körperschutz, sprich Handschuh. Auf den eigenen Kopf hingegen gehören solche Farben nicht. Denn der wirksamste Schutz gegen Kontaktallergien ist für alle der absolute Verzicht. Auf ein Allergen, dem man nicht begegnet, kann man schließlich nicht allergisch werden. Der IVDK empfiehlt das gleiche Prinzip spätestens dann im Sinne eine Sekundärprävention, wenn eine Allergie bekannt ist.

Gut gemeint - schlecht reagiert

Genau das Falsche tun nach Auffassung des Wesselinger Dermatologen Prof. Dr. Ingo Lutz Frisöre, die zunächst hinter dem Ohr von Kunden das Färbemittel aufbringen, um nach einigen Stunden abzulesen, ob es zu einer Reaktion gekommen ist. "Es ist möglich, dass der Kunde keine Reaktion auf das Mittel zeigt und dennoch später allergisch reagiert. Denn bereits mit der gut gemeinten Testung des Frisörs kann der Kunde durch den Erstkontakt mit dem Mittel allergisiert worden sein und reagiert dann erst bei der Färbung", erklärt der Facharzt. Wer wirklich sicher sein möchte, der kommt um einen Besuch beim Hautarzt oder Allergologen nicht herum.

Allerdings schätzt Lutz das Risiko, das vom Haarefärben ausgeht als gering an. "Gemessen an der Anzahl der Färbevorgänge, die jeder Friseur täglich in seinem Salon durchführt, ist die Anzahl der Menschen, die danach mit Problemen in unsere Praxis kommen äußerst gering", erklärt er wohl wissend, dass ein statistischer Nachweis dadurch zwar nicht erbracht ist, aber eine Tendenz aufgezeigt wird. Denn bringt der Frisör fachmännisch Farben auf, kommen die kaum mit Kopfhaut, Stirn oder Schläfen in Berührung. Dadurch verringert sich die Sensibilisierungsgefahr gegenüber dem Selbstfärben deutlich.

PPD kommt in vielen Stoffen vor

Prof. Dr. Axel Schnuch vom Informationsverbund Dermatologischer Kliniken in Göttingen schätzt die Anzahl der Menschen in Deutschland, die auf PPD sensibilisiert sind laut Fachpublikationen auf 0,5 Prozent. Diese Menschen reagieren erst auf den Stoff, wenn sie ein weiteres Mal mit ihm in Berührung kommen. Problematisch wird es dadurch, dass vor allem PPD in vielen anderen Dingen enthalten ist.

"Vor einigen Jahren machte in Amerika eine sogenannte Leggins-Dermatitis von sich reden", erklärt Prof. Ingo Lutz. Was sich dahinter verbarg, war eine allergische Reaktion auf PPD, das als Inhaltsstoff auch in den Farbstoffen enthalten war, mit dem die damals modischen Leggins gefärbt wurden. PPD kann somit in Textilien vorkommen, in dunklen Lederwaren. Menschen, die auf PPD reagieren zeigen häufig auch Kreuzallergien auf so genannte Diazo-Farbstoffe, die in vielen Textilien und Schaumstoffen enthalten sind. Darauf weist die TK Niedersachsen hin.

Wer einmal auf PPD sensibilisiert ist, der kann jederzeit problematisch darauf reagieren. "Henna ist in südlichen Urlaubsländern oft mit PPD gestreckt", erläutert Prof. Lutz eine nicht offensichtliche Gefahr. Wer sich dann ein Henna-Tattoo machen lässt, der kommt auch ohne es zu wissen mit dem problembehafteten Stoff in Berührung.

Das tun Industrie- und Handel

Die Industrie hat vorgesorgt und darum zumindest auf den in Drogerie- und Supermärkten verkäuflichen Haarfarben entsprechende Warnhinweise aufgebracht. Wer allerdings auf das Kleingedruckte nicht schauen mag, der geht — egal welchen Alters das Risiko ein. Der Verband Deutscher Drogisten e.V. vertritt rund 500 inhabergeführte Fachgeschäfte. Besonders im ländlichen Raum kennen Verkäufer und Kunden sich häufig. Darum ist es vor allem dort leichter, auf die Allergiegefährdung hinzuweisen.

Grundsätzlich halten es auch große Drogeriemärkte wie rossmann oder der dm-drogerie markt ähnlich. "Mitarbeiter können im Beratungsgespräch darauf aufmerksam machen, dass vor allem für die unter 16-Jährigen besondere Aufdrucke wegen der Allergiegefahr aufgebracht sind", erklärt Michael Bastian, Fachreferent bei rossmann . Genauso hält es auch der dm-drogerie markt. Dort werden nach Auskunft der Geschäftsführerin Petra Schäfer die Mitarbeiter in den Filialen regelmäßig weitergebildet, damit sie fragenden Kunden entsprechend beraten können.

Allerdings zeigt die Praxis auch, dass die EU-Richtlinie nur schwache Fakten geschaffen hat. Letztlich kann jeder die Farben kaufen, der will. Ein Abgabeverbot wie bei Alkohol gibt es nicht.

Hier geht es zur Infostrecke: Haarfärben - Diese Gefahren lauern

(wat)