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Aktivkohle im Trend: Medizin, Reiniger, Filter und Wellnessprodukt - alle Infos

Neuer Trend - altes Hausmittel : Was ist dran am „Alleskönner“ Aktivkohle?

Folgt man den Aussagen einiger Food-Experten und Promis, wie beispielsweise Hollywood-Schauspielerin Gwyneth Paltrow, so ist Aktivkohle buchstäblich in aller Munde - oder sollte es zumindest sein. Aber auch abseits von Smoothies, Brot oder Eis kommt sie in vielen Bereichen zum Einsatz.

Vom medizinischen Hausmittel bei Durchfall über ein neues Trendgetränk bis hin zum Hauptbestandteil des Aktivkohlefilters, der Gase oder Flüssigkeiten von Staub oder Giftstoffen reinigt. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Einsatz, zur Dosierung und zur Wirkung von Aktivkohle.

Was ist Aktivkohle?

Aktivkohle, die man auch "medizinische Kohle" nennt, ist ein sehr feinkörniger, aus Pflanzen gewonnener Kohlenstoff mit vielen Poren und einer übermäßig großen Oberfläche. So besitzen bereits vier bis fünf Gramm Aktivkohle die innere Oberfläche eines Fußballfeldes. Gewonnen wird diese spezielle Art der Pflanzenkohle aus Holz, Torf, Olivenkernen oder Nussschalen. Dieses Material wird in einem von zwei möglichen Verfahren ohne Sauerstoff "verkohlt". Die sogenannte Pyrolyse sorgt dafür, dass außer Kohlenstoff so gut wie nichts anderes mehr von dem Ausgangsmaterial übrig bleibt. Stattdessen bilden sich an den verlassenen Stellen zahlreiche, unterschiedlich große Poren. Ein alternatives Verfahren stellt die chemische Aktivierung dar, also in der Regel die Behandlung mit Dehydratisierungsmitteln wie Zinkchlorid oder Phosphorsäure bei Temperaturen zwischen 500 und 900°C. Anschließend lässt sich die Aktivkohle noch für besondere Zwecke mit bestimmten Chemikalien imprägnieren. Dadurch wird die Abscheidewirkung verstärkt.

Gängig ist die Ausgabe der Kohle, sofern sie nicht bereits in Filteranlagen eingebaut wurde, als Tabletten oder Granulat. Dank ihrer riesigen Oberfläche ist die Aktivkohle mühelos dazu in der Lage, viele Giftstoffe zu binden und zu transportieren. Daher werden Präparate, die aus dem Stoff hergestellt werden, nicht nur als Filter, sondern auch in der Medizin verwendet. Zum Beispiel bei Durchfall und/oder Magen-Darm-Grippe.

Wo wird Aktivkohle eingesetzt?

Im Grunde ist Aktivkohle eine ziemlich erfolgreiche natürliche Reinigungskraft. Sie bindet sehr viele Gifte und andere Stoffe, die schädlich sind, und sorgt dafür, dass diese in ihren unterschiedlich großen Poren verschwinden. Letztlich wirkt die Kohle also als eine Art Filter. Und das nicht nur in naheliegenden Fällen wie der generellen Wasserreinigung oder der Trinkwasseraufbereitung, sondern auch bei der Reinigung von abgashaltiger Luft, als Bestandteil von Atemmasken oder auch in der Biotoilette und in Zigarettenfiltern.

In Schwimmbädern sorgt Aktivkohle-Chlorung dafür, dass unerwünschte und toxische Desinfektions-Nebenprodukte, die nach der Zugabe von Chlor entstanden sind, ausgemerzt werden. Wenn freies Chlor in Schwimmbädern mit stickstoffhaltigen Verbindungen wie Urin oder Schweiß reagiert, entstehen Chloramine, die sich wiederum negativ auf die Luftqualität auswirken. Diese, auch "gebundenes Chlor" genannten, Chloramine werden durch Aktivkohle beseitigt. Auch in der Aufbereitung des Trinkwassers kommen Aktivkohlefilter zum Einsatz – oftmals als zusätzliche Filtervariante, die aber durchaus auch Risiken birgt. So erklärt die Verbraucherzentrale: "Aktivkohle kann einige große, unpolare, organische Wasserinhaltsstoffe zurückhalten, zum Beispiel chlorierte Kohlenwasserstoffe, Pflanzenbehandlungsmittel oder Medikamente. Aber Schwermetall-Ionen (zum Beispiel Blei), Nitrat und Calcium/Magnesium (Kalk) lassen sich durch dieses Verfahren nicht herausfiltern."

Die Lebensmittelindustrie kennt Aktivkohle als Farbstoff E153. Eine Mengenbeschränkung dafür gibt es nicht. Aber die Aktivkohle erobert nicht nur die Küchen- und Speisezimmer. Aktivkohle-Peelings, Aktivkohle-Duschgels und Aktivkohle-Zahnpasta sind vermehrt in unseren Badezimmern im Einsatz. Fühlt man der schwarzen Paste mal "auf den Zahn", bleibt allerdings wenig Verwertbares übrig. Die Osnabrücker Zahnärzte Dr. med. dent. Thomas Tusch und Dr. med. dent. Christian Wehmer urteilen jedenfalls eindeutig über Aktivkohle-Zahnpasta: "Wissenschaftliche Belege für die Wirkung der schwarzen Zahnpasta sind so gut wie nicht vorhanden, da es kaum klinische Studien dazu gibt. Ökotest hat mehrere Zahncremes mit Aktivkohle eingehend getestet und das Ergebnis war weniger als befriedigend. Lediglich eine schwarze Zahnpasta könnte die Note befriedigend erreichen, jedoch ist dies weit von einem Beweis für die angepriesene Wirkung entfernt. Nach aktuellem Stand ist also nicht bewiesen, dass Zahnpasta mit Aktivkohle die Zähne wirklich schonender reinigt und für weißere Zähne sorgt. Hinzu kommt, dass die am Markt erhältlichen Produkte nicht gerade ein Schnäppchen sind."

Warum glaubt man an die reinigende Wirkung des vermeintlichen Alleskönners?

Das System, das im Zusammenhang mit Aktivkohlefiltern Anwendung findet, nennt sich Adsorption. Und genau das bewirkt Aktivkohle auch als Medikament bei Beschwerden im Magen oder Darm. Medizinische Kohle, meist in Form von Tabletten dargereicht, bindet auch im menschlichen Körper eine Reihe von Schadstoffen und Giften und trägt so dazu bei, dass sich der Körper wieder erholt. Die Gebiete, auf denen Aktivkohle zum Einsatz kommt, sind also so vielfältig wie zahlreich. Unter dem Titel "Applikation von Aktivkohle bei Vergiftungen" wurde noch 2019 im "Ärzteblatt" folgendes festgestellt: "Aktivkohle ist bei mittelschweren bis schweren Vergiftungen zur primären Giftentfernung indiziert. Die Gabe sollte möglichst schnell (in der Regel innerhalb der ersten 30–60 Minuten) erfolgen, der Patient muss hierzu wach und kooperativ sein. Die wichtigste Kontraindikation ist ein bewusstseinsgetrübter Patient mit fehlendem Schluckreflex. Zudem muss die Noxe (den Organismus schädigende Stoffe – Red.) ausreichend an Aktivkohle binden. Dies trifft bei Säuren/Laugen, Alkoholen, Glykolen, organischen Lösungsmitteln oder Metallen nicht zu. Üblicherweise liegt die Dosis beim Erwachsenen bei 50 g, bei Kindern wird sie an das Körpergewicht angepasst (0,5–1 g/kg KG)."

Wo ist Aktivkohle erhältlich?

Medikamente wie Kohle-Tabletten bekommt man in Apotheken oder Drogerien. Aktivkohle als Granulat oder in Produkten wie Zahnpasta, Duschgel oder Seifen kann man hingegen auch in fast jedem Supermarkt erstehen.

Wie verwendet man Aktivkohle im Aquarium?

Aktivkohlefilter werden im Aquarium als Zusatzfilter verwendet, um belastetes Wasser zu reinigen. Durch ihre sehr poröse Struktur ist die Aktivkohle in der Lage, auch Stoffe aufzunehmen, die von anderen Filtern nicht adsorbiert werden können. Dazu gehören beispielsweise Stoffwechselprodukte oder andere mikroskopisch kleine Wasserverschmutzer und giftige Stoffe. Auch die hässlichen gelb-bräunlichen Trübungen des Wassers durch Huminstoffe, die von bestimmten Pflanzen abgegeben werden, sorgen dafür, dass Aktivkohlefilter zum Einsatz kommen. Wenn Medikamente ins Wasser gegeben werden, sollte anschließend auch Aktivkohle zum Filtern eingesetzt werden, um chemische Rückstände zu eliminieren. Das so von kleinsten Teilen, organischen Substanzen und Giften gefilterte Wasser trägt zur Gesundheit seiner Bewohner bei.

Wie wirkt Aktivkohle bei Durchfall?

Als Arzneimittel wird Aktivkohle vor allem in Tablettenform verwendet. Sie bindet Gifte und schädliche Stoffe im Darm, die anschließend mit ihr ausgeschieden werden. Daher ist sie wirksam bei Durchfall, Blähungen oder anderen Magen-Darm-Beschwerden. Verdorbene Speisen, Vergiftungen oder die Infektion mit Noro-Viren, Rota-Viren sowie Bakterien wie Escherichia coli, Shigellen und Salmonellen führen dazu, dass der Darm erkrankt und seine gewohnte Tätigkeit nicht mehr durchführen kann. Dadurch kann die Darmschleimhaut weniger Wasser aufnehmen, was zu einer Verflüssigung des Stuhls führt. Aktivkohle bindet die zahlreichen Schadstoffe, die in festem, flüssigem oder gasförmigem Zustand auftreten können. Da Aktivkohle nicht vom Körper aufgenommen wird, scheidet man sie nach der Einnahme gleich wieder aus – gemeinsam mit den von ihr adsorbierten Giftstoffen. Daher verfärbt sich der Stuhl auch schwarz während der Therapie. Das ist allerdings ungefährlich.

Wie kann man mit Aktivkohle abnehmen?

Höchstwahrscheinlich gar nicht. Denn ob man tatsächlich mit dem Konsum von Aktivkohle den Prozess der Gewichtsreduktion einleiten oder unterstützen kann, ist zumindest wissenschaftlich nicht belegt. Fakt ist allerdings, dass es einen Trend gibt, der genau das suggeriert. Die Zauberwörter heißen "Black Latte" oder "Black Lemonade". Und auch "Black Ice" ist weit mehr als ein Hit von AC/DC. Das Milchmixgetränk und der Trend-Erfrischer mit Aktivkohlepulver sollen nicht nur dafür sorgen, dass Giftstoffe gebunden und aus dem Körper transportiert werden, sondern regulieren angeblich auch den Blutzuckerspiegel und regen gleichzeitig die körpereigene Fettverbrennung an.

Auch die Schönheitsindustrie setzt auf die "magische" Kohle und verspricht, dass die adsorbierende Wirkung von Aktivkohle in Hautcremes, Zahnpasta oder Duschgel so ziemlich alle schädlichen Stoffe, die dem Körper zugeführt wurden, bindet und entfernt. So weit die Theorie. Allerdings ist die Wirkung vielerorts umstritten und konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

Die Mediziner Fatima und David Yurttas erklären dazu beispielsweise: "Es muss angenommen werden, dass weitere Bestandteile in den Kosmetika, wie beispielsweise Aromastoffe oder Öle, die Wirksamkeit der Aktivkohle bereits derart beanspruchen, weil diese sich daran festhaften, sodass Aktivkohle in den Hautporen gar nicht mehr wirken kann. Auch innerlich angewendet verspricht die Aktivkohle womöglich nicht unbedingt eine nennenswerte Wirksamkeit. Für die Entgiftung und Entschlackung setzen sich ohnehin bereits der Darm sowie die beiden Entgiftungsorgane Leber und Nieren ein. Die alltägliche Unterstützung seitens verzehrter Aktivkohle ist nicht notwendig und effektiv."

Wie gefährlich ist Aktivkohle?

Aktivkohle sollte nicht zusammen mit anderen Medikamenten eingenommen werden, da sie deren Wirkung mindern könnte. Zudem kann übermäßige Einnahme zu Nebenwirkungen wie Erbrechen, Verstopfung oder Magenschmerzen führen. Auch die Tatsache, dass gleichzeitig zugeführte wichtige Nährstoffe von der Kohle ebenso wie die Wirkstoffe anderer, gleichzeitig eingenommener Medikamente adsorbiert werden können, sollte Verbrauchern eine Warnung sein.

Aktivkohle sollte man also nur wohldosiert und erst zwei Stunden nach dem Essen zu sich nehmen, wenn der Körper alle wichtigen Stoffe aufgenommen hat. Die Mediziner Fatima und David Yurttas warnen: "Wer Arzneimittel zu sich nimmt, sollte auf die Einnahme von Aktivkohle verzichten. Denn sie könnte die medizinisch wichtigen Wirkstoffe an sich binden und somit für den Organismus unnutzbar machen. Wichtige Arzneimittel oder die Antibabypille beispielsweise sollten daher keinesfalls mit Getränken eingenommen werden, die mit Aktivkohle angereichert sind."

Ein entscheidendes Experiment

Aussagen wie diese wurden im Jahr 2019 wissenschaftlich untermauert, als ein Team der Hochschule Biberach untersuchte, ob die Verabreichung von Aktivkohle Auswirkungen auf die Wirkung der gleichzeitig eingenommenen Anti-Baby-Pille hat. Die Studierenden der Fakultät Biotechnologie kamen dabei zu erstaunlichen Ergebnissen. Zunächst fanden sie heraus, dass der in dem für die Studie herangezogenen Medikament enthaltene Wirkstoff Desogestrel zu mindestens 80 Prozent vom Organismus aufgenommen werden müsse, um die beabsichtigte Wirkung zu entfalten. Danach lösten sie je eine Pille in einem Glas mit reinem Wasser und einem Glas mit Wasser auf, dem vorher Aktivkohle beigemengt worden war.

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Das Ergebnis dürfte für einige Menschen regelrecht schockierend sein. In dem Glas, das mit reinem Wasser gefüllt war, ließ sich problemlos eine ausreichende Menge des Wirkstoffs Desogestrel nachweisen. Im schwarzen Wasser hingegen war überhaupt kein Wirkstoff mehr nachzuweisen. Das überraschte selbst die Forscherinnen und Forscher, die sich das Experiment ausgedacht hatten. Wohl hatten sie angenommen, dass ein Teil des Wirkstoffes von der Kohle adsorbiert würde. "Allerdings haben wir nicht erwartet, dass kein Desogestrel mehr nachweisbar ist“, sagt Isabel Fouquet aus dem Forscherteam. „Mit ihrem Experiment haben die Studierenden eine sehr ernsthafte Problematik aufgedeckt, die für sämtliche gleichzeitig eingenommenen Medikamente, eventuell sogar für Vitamine eine Rolle zu spielen scheint“, stellt Professorin Dr. Katharina Zimmermann fest, die die Studie betreute.

Man kann also zusammenfassen, dass Aktivkohle keinesfalls als Lebensmittel oder dauerhaftes Nahrungsergänzungsmittel zu taugen scheint. Daher sollte man die Einnahme auf die bewährte medizinische Anwendung bei Durchfallerkrankungen oder anderen Magen-Darm-Beschwerden beschränken.

Auch die Verwendung von Wasserfiltern mit Aktivkohle ist nicht immer unproblematisch. Darauf weist auch die Verbraucherzentrale hin: "Ist der Filter voll beladen, können die angelagerten Stoffe konzentriert wieder ins Wasser durchbrechen". Aktivkohle bietet einen hervorragenden Nährboden für Mikroorganismen. Deshalb enthalten die Filter oft keimtötendes Silber, das aber ausgewaschen wird. Werden die Geräte länger nicht betrieben oder steht das Wasser im Behälter, besteht so trotzdem die Gefahr, dass sich im Wasser Keime vermehren."

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