Masern und die fatalen Folgen der Impfmüdigkeit

Schutz vor Krankheiten : Warum Impfmuffel so gefährlich sind

Gesundheitsminister Jens Spahn möchte eine Impfpflicht gegen Masern einführen - notfalls mit empfindlichen Strafen. Gegner protestieren heftig. Wir haben die Fakten zum Thema gesammelt.

Man stelle sich vor, man könne den Ausbruch von Krankheiten verhindern, die möglicherweise zum Tod führen – würde nicht jeder sofort alles Mögliche unternehmen, um von dieser Bedrohung befreit zu werden? Viele Menschen sind in dieser Frage ahnunglos, leichtfertig, ignorant oder alles zusammen. Einige sind auch eingeschüchtert durch den Spiralnebel aus Unwahrheiten, der ums Thema Impfen mittlerweile wabert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will nun eine Impfpflicht gegen Masern einführen. Hier alle Fakten rund ums Impfen.

Was können Impfungen leisten? Wie funktionieren sie?

Auf den Oberflächen von Keimen (Bakterien, Viren, Pilzen) sitzen sogenannte Antigene. Das sind oftmals Proteine, die eine Antwort des Immunsystems auslösen. Antikörper, also Gegentruppen, werden aktiviert, die das Antigen erkennen, dort andocken und den Keim bekämpfen. Bei einer Impfung wird der Keim abgeschwächt (Lebendimpfstoff) oder abgetötet (Tot­impfstoff), Struktur und Wirkweise des Antigens aber werden genutzt: Der Körper aktiviert Antikörper, die zum Teil lebenslang wirken, manchmal aber auch aufgefrischt werden müssen. Diese Antikörper vermitteln den Impfschutz.

Wie hoch ist der erwartbare Effekt einer Impfung?

Das hängt vom Erreger ab. Wenn er eine hohe genetische Wandlungsfähigkeit besitzt (wie Grippeviren), fällt die Impf­reaktion schon mal schwächer aus. Trotzdem sagen Statistiker, dass selbst eine schwache Impfung viel besser ist als gar keine Impfung, vor allem für Risikogruppen. Bei Kinderkrankheiten wie Masern ist die Impfsicherheit noch höher: Nach der ersten Impfung liegt sie bei 95, nach der dringend empfohlenen zweiten Impfung (frühestens vier Wochen später) bei 99 Prozent. Dabei ist es im Fall von Masern immunologisch egal, ob es sich um einen Einzel- oder einen Kombinationsimpfstoff handelt.

Warum reicht bei Masern eine einzige Impfung nicht aus, wenn sie eine 95-prozentige Sicherheit bietet?

95 Prozent sind eben nicht 99 Prozent. Bei der Masern-Impfung ist das aber entscheidend, denn auch bei ihr gibt es Impfversager, bei denen sich nach einer Impfung nicht genügend Antikörper bilden. Deshalb ist es wichtig, dass um solche Menschen herum Impflücken geschlossen werden, um Impfversagern Impfschutz zu gewähren. Nach aktueller Datenlage sind bis zu zehn Prozent der geimpften Kinder aufgrund des verwendeten Impfstoffes oder ihrer genetischen Disposition Impfversager. Für sie ist eine Zweitimpfung besonders empfohlen.

Gibt es zuverlässige Zahlen, was Impfungen generell bringen?

Impfungen verhindern laut der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich zwei bis drei Millionen Todesfälle. Weitere 1,5 Millionen Menschen könnten gerettet werden, wenn weltweit mehr Menschen geimpft würden. Die WHO hält Impfmüdigkeit für eine der schlimmsten Bedrohungen der Weltgesundheit.

Und wie sieht es beim Thema Masern aus?

Weltweit ist laut WHO die Zahl der Fälle im Jahr 2017 um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Auch in einigen Ländern, die bereits kurz vor der Ausrottung der Krankheit gestanden hätten, gebe es wieder mehr Fälle. Zu einem Anstieg der Zahl der Masern-Fälle kam es zuletzt auch in Europa: Dort seien im Jahr 2017 genau 23.927 Menschen erkrankt gewesen – im Jahr zuvor waren es nur 5273. Auch in Deutschland gibt es immer wieder Ausbrüche. Von ihrem Ziel, die Masern bis 2020 auszurotten, ist die WHO derzeit so weit entfernt wie nie. Dabei sind gelegentlich lokale Ausbrüche, die allerdings begrenzt sind, durchaus einkalkuliert.

Wie ist die statistische Lage bei Masern in anderen Ländern?

In den USA liegen die Infektionszahlen dank konsequenter Impfprogramme unter der Nachweisgrenze. Beispielhaft funktioniert dort das System der Herdenimmunität. Das bedeutet: Menschen, die noch nicht geimpft sind oder deren Impfschutz nicht vollständig ist, werden durch die Geimpften in ihrer Umgebung geschützt. Masernausbrüche lassen sich verhindern, wenn weit über 90 Prozent der Bevölkerung Immunität erworben haben.

Gibt es jenseits der Senkung der Infektionsrate einen methodischen Ansatz in Spahns Aktion gegen die Impfmüdigkeit bei Masern?

Ja, er schließt eine Sonderform der „Impflücke“, die in Deutschland schon von Anfang an bestand, seit die Masern-Krankheit über das Robert-Koch-Institut, über die Landes- und kommunalen Gesundheitsbehörden erfasst wird. Immer gab es eine Melde-, doch keine Impfpflicht, das heißt: Die Krankheit wurde ernst genommen, aber nicht mit normativem Ansatz bekämpft. Diese Diskrepanz schließt Spahns Plan; er könnte auch auf andere Infektionskrankheiten ausgeweitet werden, gegen die geimpft werden kann.

Wie steht es um die Masern-Impfung für Jugendliche und Erwachsene?

Die Stiko (Ständige Impfkommission) empfiehlt allen nach 1970 Geborenen, die nicht oder nur einmal in der Kindheit gegen Masern geimpft wurden oder deren Impfstatus unklar ist, eine einmalige Impfung gegen Masern mit einem MMR-Kombinationsimpfstoff (gegen Masern, Mumps und Röteln). Dies gilt besonders für Personen, die im Gesundheitsdienst oder in Gemeinschaftseinrichtungen beschäftigt sind. Die Empfehlung hilft, jene Herdenimmunität zu stärken und so Personen zu schützen, die selbst nicht aktiv geimpft werden können.

Wie ansteckend ist das Masernvirus im Vergleich zu anderen Erregern?

Sehr ansteckend. Von allen Keimen besitzt das Masernvirus den höchsten Ansteckungsindex: Von 100 nicht geimpften Leuten, die ein Masernkranker anhustet, infizieren sich 95. Bei Scharlach, der durch Streptokokken ausgelöst wird, liegt der Index bei 50, bei Röteln beträgt er 15. Die Infektionsrate ist deshalb so gefährlich, weil ein ungeimpfter Erwachsener einen ungeimpften Säugling mit verheerenden Folgen infizieren kann.

Gibt es wirklich gefährliche Spätfolgen einer Masern-Infektion?

Ohne Zweifel durchlaufen die meisten Kinder die Krankheit mit ihren typischen Symptomen ohne nenenswerte Komplikation – zuerst melden sich die Zeichen eines grippalen Infekts, danach tritt der typische Ausschlag auf. Ein Teil aber entwickelt eine Bronchitis, eine Entzündung der Lunge oder des Gehirns. Im schlimmsten Fall kommt es zur „subakuten sklerosierenden Panenzephalitis“ (SSPE), einer fulminanten Komplikation im zentralen Nervensystem. Man rechnet zehn SSPE-Fälle auf 100.000 Masern-Infektionen; fast immer verlaufen sie tödlich.

Kann es durch die Masern-Impfung zu Nebenwirkungen oder gar Komplikationen kommen?

In den allermeisten Fällen wird die Impfung sehr gut vertragen. Wenn die körpereigene Abwehr durch die Impfung angeregt wird, kann es an der Einstichstelle zu einer Rötung oder Schwellung kommen, die auch schmerzen kann. Ebenso kennt man nach der Impfung Fälle von mäßiger Temperaturerhöhung, Frösteln, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit oder Magen-Darm-Beschwerden. Solche Impfreaktionen klingen in der Regel nach kurzer Zeit wieder ab.

Da die Masern-Impfung eine Impfung mit lebenden, abgeschwächten Viren ist, treten bei etwa zwei bis fünf von 100 Geimpften ein bis vier Wochen nach der Impfung vorübergehend sogenannte „Impf-Masern“ auf, die allerdings nicht ansteckend sind. Sie sind verbunden mit Fieber, einem deutlich schwächeren masernähnlichen Hautausschlag, Schwellungen der Ohrspeicheldrüse oder der Hoden; Gelenke können schmerzen. Dies sind allerdings immer noch statistisch erwartbare Fälle einer normalen Impfreaktion.

Gibt es auch schwere Nebenwirkungen einer Impfung – im Sinne eines sogenannten „Impfschadens“?

Das Infektionsschutzgesetz sagt es eindeutig: Ein Impfschaden ist „die gesundheitliche und wirtschaftliche Folge einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung durch die Schutzimpfung; ein Impfschaden liegt auch vor, wenn mit vermehrungsfähigen Erregern geimpft wurde und eine andere als die geimpfte Person geschädigt wurde“. Solche Fälle sind bei allen Impfungen außerordentlich selten.

Gibt es ein Recht auf Impfung?

Vereinte Nationen und Unicef haben 2002 dargelegt, dass jedes Kind ein Recht auf Impfung gegen verhütbare Krankheiten hat. Dies ist in Paragraf 24 der UN-Kinderrechtskonvention erfasst: das Recht auf größtmögliche Gesundheit auch durch Routineimpfungen.

Wie kam es zur Impfmüdigkeit?

Sicher durch das verschwörungstheoretische Wirken von Impfgegnern, aber auch durch den großen Erfolg staatlicher Impfprogramme. Zahlreiche Krankheiten, die früher gefürchtet waren, haben ihren Schrecken verloren, weil sie keiner mehr aus eigener Anschauung kennt. Infolgedessen bestehen bei Kindern große Impflücken. Termine zur Nachimpfung werden häufiger nicht wahrgenommen; Erwachsene versäumen oft Auffrischimpfungen gegen Tetanus und Diphtherie.

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