Kann man mit Krebs überleben?

Analyse: Überleben mit Krebs

Analyse Ein „Sieg“ über eine onkologische Erkrankung ist in vielen Fällen längst Realität, in anderen utopisch. Moderne Medizin kann die Prognose oft verbessern. Vorbeugung verhindert Krebs fast immer zuverlässig.

Es ist ein Wunschtraum der Menschheit, der ausnahmsweise nichts mit der Landung auf dem Mars oder dem Ende der Erderwärmung zu tun hat. Dieser Traum richtet sich auf uns selbst, auf unsere Gesundheit und das Ende unserer Ängste. Vor Krebs fürchten sich die Menschen mehr als vor Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krankenhauskeimen. Krebs gilt als Killer, gefräßig und unersättlich. Aber die Medizin ruht nicht, sie hat viele Waffen entwickelt, um seinen Fortschritt zu stoppen oder zu verlangsamen – und nicht selten hören wir, dass jemand von einer Krebserkrankung sogar geheilt worden sei.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat nun in die Zukunft geschaut und eine steile Prognose abgegeben: In zehn bis zwanzig Jahren könne „der Krebs besiegt“ sein. Die Fortschritte in der Medizin seien gewaltig, und Früherkennung funktioniere immer präziser. Doch kann das so schnell wahr werden – jeden Krebs besiegen?

In der Tat ist eine Darmkrebs-Erkrankung sehr unwahrscheinlich, wenn man in regelmäßigen Abständen eine Darmspiegelung vornehmen lässt. Ähnlich ist es mit Hautkrebs: Wer früh genug zum Dermatologen geht und sich ein verdächtiges Muttermal entfernen lässt, bekommt mit großer Wahrscheinlichkeit kein tödliches Melanom, den Schwarzen Hautkrebs. Je mehr Menschen aufs Rauchen verzichten, desto weniger Bronchialkarzinome wird es geben (andererseits steigert die E-Zigarette, wie eine aktuelle Studie zeigt, das Risiko eines Schlaganfalls). Und die HPV-Impfung junger Mädchen kann Gebärmutterhalskrebs weitgehend verhindern.

Außerdem hat auch die Chirurgie einen nicht unerheblichen Anteil an den gewonnenen Kämpfen gegen Krebs: Eine Klinik mit Erfahrung bei der Operation von Speiseröhrenkrebs kann den sogenannten Magenhochzug so raffiniert hinkriegen, dass der Patient plötzlich nicht nur eine viel höhere Lebenserwartung, sondern auch deutlich weniger Einschränkungen etwa bei der Nahrungsaufnahme hat. Sogar der berüchtigte Krebs der Bauchspeicheldrüse ist nicht mehr zwingend ein Todesurteil, das binnen Jahresfrist vollstreckt wird. Alexis Ulrich, Chirurg am Lukas-Krankenhaus in Neuss, sagt, dass durch „eine erweiterte Radikalität bei der Operation, die den Rand der Gefäße erreicht, die bisher schlechte Prognose der Patienten deutlich verbessert werden kann, ohne dass sich die Komplikationsrate erhöht“.

Nun hat sich Jens Spahn die Vokabel vom „Sieg“ aus der Medizin selbst geliehen; allerdings wird sie in der Krebstherapie – das sagen auch die meisten Onkologen – manchmal vorläufig verwendet. So bitter es ist: Oft genug kehrt ein Krebs wieder zurück, indem er ein sogenanntes Rezidiv bildet. Manchmal geht das schnell, manchmal lässt sich das Rezidiv Zeit. Beim Prostatakarzinom tritt es bei einem Teil der radikal operierten Patienten irgendwann wieder auf. Neuerdings kann man das Merkmal, welches ein Rezidiv befördert, genauer bestimmen. Nach der Operation lässt es sich im entfernten Gewebe per Mikroskop identifizieren; genannt wird es lymphovaskuläre Invasion. Darunter versteht man die Fähigkeit der Krebszellen, in Lymph- und Blutgefäße „einzubrechen“ und mitverantwortlich für Metastasen zu sein.

Unser Wissen, wie und wann sich Metastasen bilden, hat sich ohnedies verändert. Früher dachte man, ein Krebs wachse vor sich hin und beginne irgendwann Krebszellen abzusiedeln; je früher man einen Tumor entdecke und mit allen Waffen behandle, desto wahrscheinlicher sei eine Heilung. Das ist so falsch nicht; jedoch bilden sich Metastasen häufig nach einem anderen Schema. „Schon deutlich früher hat mancher Tumor Satelliten gebildet“, sagt Norbert Gattermann, Leiter des Düsseldorfer Universitätstumorzentrums. „Diese Satelliten sind vorerst außer Funktion, sie schlafen nur – bis sie aktiv werden.“ Der Tumor kann also klein sein und doch früh streuen; dann gehen die gewanderten Zellen ins Schläfertum über, die „tumor dormancy“. Die sieht kein CT, weil diese Saat nur aus kleinen Tumorhäufchen oder Einzelzellen im Gewebe oder Knochenmark besteht. „Diese Tumorzellen können tatsächlich über Jahre ruhen“, weiß Gattermann, „bei Brustkrebs ist das Phänomen bekannt.“ Aber das Wissen um die Prozesse ist oft der erste Schritt für neue Therapien. Ohnedies hat die individualisierte Bekämpfung von Krebsarten wie Brust- oder Lungenkrebs durch ausgetüftelte molekulare und Immuntherapien entscheidende Schritte nach vorn gemacht.

Und dann wird ja nicht nur geforscht, sondern auch in Netzwerken behandelt. Ein ideales Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit der Universitätskliniken Aachen, Bonn, Düsseldorf und Köln. Während früher Chefärzte in engen Räumen dachten und eifersüchtig auf die Nachbarschaft schauten, hat sich das Phänomen des Teamworks gerade bei Krebs deutlich verbessert. Michael Hallek, Onkologe an der Uniklinik Köln, beschreibt den Sinn dieser universitären Task-Force so: „Angesichts der Vernetzung in der Onkologie ist es nur konsequent, uns auch in den Versorgungsstrukturen regional zu verzahnen und Synergien in der Forschung zu schaffen, um international wettbewerbsfähig zu sein.“ Profiteure dieser Allianz sind die Patienten, denn Krebstherapien werden immer individueller, da sich auch häufige Krebserkrankungen in kleine Subtypen unterteilen lassen, die unterschiedlich behandelt werden müssen.

Zehn oder gar 20 Jahre bis zum „Sieg“, die der Mutmacher Jens Spahn vorgibt, sind fromme Utopie, zumal die Menschen immer älter werden, was die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung steigert. Aber in manchen Teilbereichen stimmt die Parole schon. Und wenn der Sieg nicht gelingt, gibt es am Ende des Kampfes immer noch segensreiche Optionen wie die Palliativmedizin – um dem Krebs seinen finalen Schrecken zu nehmen.

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