Fitness-Trend: Welche Risiken EMS-Training haben kann

Fitness: Welche Risiken EMS-Training haben kann

Mit wenig Aufwand zu einem trainierten Körper kommen - das versprechen Studios, die ein Ganzkörpertraining unter Reizstrom anbieten. Elektromyostimulationstraining (EMS) nennt sich dies. Doch die Methode ist umstritten.

Wer jemals ein Bein oder einen Arm in Gips hatte weiß, wie schnell zu Untätigkeit verdammte Muskulatur verschwindet. Dieser Effekt lässt sich auch nach Knie-Operationen oder langer Bettlägerigkeit beobachten. Aus diesem Grund bemühen sich Physiotherapeuten in Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen, dem Abbau möglichst schon im Krankenbett entgegenzuwirken. Das tun sie unter anderem mit einem Reizstromtraining, das den Namen Elektromyostimulation (EMS) trägt.

Doch nicht nur dort kommt es zum Einsatz. Fitness- und EMS-Studios locken Kunden mit dem durchschnittlich 20-minütigen Ganzkörpertraining zur Muskelstimulation. Durch gezielte Stromzufuhr kommt es dabei zu einer starken Muskelkontraktion. Dabei soll auch tiefer liegende Muskulatur zum Wachstum angeregt werden.

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Während die einen von den Ergebnissen des kurzen Trainings begeistert sind, warnen andere vor möglichen Risiken. So zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN). Deren Experten fürchten Schäden an Muskeln und Nieren. Im schlimmsten Fall könnte EMS sogar zum Nierenversagen führen, sagt Stefan Knecht, Sprecher der Gesellschaft und Chefarzt der Klinik für Neurologie der St. Mauritius-Klinik in Meerbusch. Der Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen sieht vor allem Trainingseinheiten, die ohne Trainerbetreuung stattfinden als problematisch an.

Wie funktioniert EMS?

Muskelbewegung funktioniert durch elektrische Reize. Der Bizeps beispielsweise bewegt sich, wenn er durch Stromimpulse über unsere Nervenbahnen dazu angeregt wird. "In der Muskulatur gibt es Spannungsrezeptoren, die merken, dass Strom ankommt und die Kontraktion steuern", sagt Physiologe und Sportmediziner Michael Behringer von der Goethe-Universität in Frankfurt. Beim EMS-Training trägt der Sportler einen speziellen Anzug, der Strom in die Muskeln leitet und sie während des normalen Trainings zusätzlich stimuliert. Der Trainer begleitet das Workout und gibt Anweisungen zu Halteübungen für einzelne Muskelgruppen. Das können zum Beispiel Ausfallschritte sein oder auch Liegestütze. Über ein Kontrollpanel reguliert er die Stromintensität für die einzelnen Körperregionen wie Brust, Bauch, Beine und Arme.

Der Unterschied zwischen der eigenen Bewegung und EMS: Der Körper selbst setzt für bestimmte Bewegungen nur die Muskelfasern ein, die nötig sind, um die Bewegung sinnvoll auszuführen. Der EMS-Impuls steuert hingegen die ganze Muskulatur an. Er wird zudem vom Trainer von außen gesteuert.

Experten warnen vor Übertraining

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Neurophysiologen wie Stefan Knecht fürchten, dass es dabei im Vergleich zum normalen Sporttraining viel schneller zu einem Übertraining kommen könnte. Auch der geringe Aufwand, den man beim EMS habe, könne dazu verleiten, häufiger und ausgiebiger zu trainieren als empfohlen. "EMS sollte nicht häufiger als ein- bis zweimal in der Woche absolviert werden", sagt Knecht.

Der Grund: Wird Muskulatur stark belastet, führt das zu einer erhöhten Ausschüttung von Creatinkinase (CK). Dieses Enzym ist an der Energieversorgung in den Muskeln beteiligt. Knecht verweist auf eine Studie der Sporthochschule Köln, laut der der Anstieg der CK bis zu 18 Mal höher sei als bei einem herkömmlichen Training.

Welche Schäden drohen

Bei der CK handelt es sich um ein relativ großes Molekül, das sich normalerweise in der Muskelzelle befindet. Die Zellmembran hindert es daran, in die Blutbahn zu gelangen. Steigen nun die CK-Werte im Blut, so werde das laut Behringer als indirekter Hinweis dafür angesehen, dass die Membran der Muskelzelle geschädigt wurde.

Gleichzeitig gelangt vermehrt das Protein Myoglobin in die Blutbahn. Bei sehr hohen Konzentrationen kann es die Nieren schädigen oder sogar ein akutes Nierenversagen verursachen, sagt Knecht. Kommt es dazu, besteht Lebensgefahr. In einzelnen Fällen sei es nach EMS zur Muskelauflösung gekommen, sagt Knecht. Solche Fälle seien beispielweise aus Großbritannien bekannt.

Zwar kommt es laut Experten bei allen unregelmäßigen Belastungen zu einem deutlichen CK-Anstieg. Vor allem elektrisch induzierte Kontraktionen wie beim EMS scheinen jedoch die Zunahme von Muskelschädigungsmarkern im Blut zu provozieren. Nicht immer gehe das laut Studien jedoch mit Nierenschäden einher, sagt Behringer. Die Wissenschaftler werten das als Hinweis darauf, dass es nur unter bestimmten Voraussetzungen zu gefürchteten Organschäden kommt. Bereits eine Trainingseinheit könne sogar bei nachfolgenden Trainings einen schützenden Effekt auf die Muskulatur haben, so dass der Anstieg von Schädigungsmarkern im Blut geringer ausfalle, sagt Behringer. Damit sinke das Risiko für Nierenschäden ebenso, wie durch ein angepasstes EMS-Training, das langsam gesteigert werde.

Auf diese Dinge sollte man vor einen EMS-Training achten:

(wat)