Wissenschaft: Der Verzehr saurer Lebensmittel macht mutig

Sauer macht mutig: Dieses Hausmittel hilft gegen Prüfungsangst

Wissenschaftler fanden heraus: Der Verzehr von sauren Lebensmitteln lässt uns weniger zaudern. Süße Speisen dagegen machen eher ängstlich. Bittere Stoffe steigern  die Risikofreude, was aber auch negative Folgen haben kann.

„Sauer macht lustig“. So heißt es im Volksmund. Was man kaum glauben mag, wenn man in das Gesicht von jemandem blickt, der gerade in eine Zitrone beißt; und wissenschaftlich bestätigen lässt es sich auch nicht. Doch dafür haben jetzt englischer Forscher herausgefunden, dass uns der saure Geschmack weniger zaudern lässt.

Chi Thanh Vi und Marianna Obrist von der University of Sussex baten 70 englische Männer und Frauen zu einem Experiment, bei dem man ihnen zunächst 20 Millimeter einer bitteren, salzigen, süßen, sauren oder umami, also würzig-fleischig schmecken Lösung zum Trinken kredenzte. Danach absolvierten die Probanden ein Computerspiel, bei dem sie einen Luftballon möglichst stark aufpumpen sollten. Sein Volumen nahm mit jedem Mausklick zu, bis er irgendwann platzte. Es sei denn, der Spieler beendete vorher die Pumpaktion. Dann bekam er umso mehr Geld, je größer der Ballon zu diesem Zeitpunkt war; im Falle eines geplatzten Spielgeräts ging er hingegen leer aus. Insgesamt gab es 30 Testreihen, und danach wurde ausgewertet. „Je mehr Klicks für einen nicht explodierten Ballon, umso größer wurde die Risikobereitschaft des Probanden eingestuft“, so die beiden Sensorik-Forscher.

Es zeigte sich: Wer vorher das saure Getränk verzehrt hatte, riskierte am meisten. Er kam auf durchschnittlich 39 Klicks pro heilem Ballon. Das waren 39 Prozent mehr als nach dem Süßerlebnis und 40 Prozent mehr als nach Umami. Salzig und Bitter lagen zwischen diesen Extremen auf dem Niveau von geschmacklosem Wasser, sie hatten also keinen Einfluss auf unsere Risikobereitschaft.

Um sicher zu gehen, dass ihr Ergebnis nicht nur eine englische Erscheinung ist, wiederholten die Forscher ihren Versuch mit 71 vietnamesischen Männern und Frauen, deren Geschmack ja bekanntlich mehr auf glutamathaltige Umami-Speisen geeicht ist. Sie reagierten genauso wie die Westeuropäer: Sauer machte ihnen Mut, während Umami und Süß sie eher ängstlich machte.

Was eigentlich ein Ergebnis ist, womit nicht zu rechnen war. „Denn prinzipiell ist Sauer ein Geschmackseindruck, der so explosiv und intensiv ist, dass er uns vorsichtiger und rationaler in unseren Entscheidungen machen sollte“, erläutert Obrist, die im kulinarischen Schlaraffenland Italien aufgewachsen ist. Doch in früheren Studien ließ sich bereits beobachten, dass starke Sauer-Impressionen die Aktivität der Amygdala herunterfahren. Dieses mandelförmige Organ im Gehirn spielt bei Angstempfindungen eine Schlüsselrolle, und wenn es sich beruhigt, weiß die Großhirnrinde, dass sie sich keine Sorgen machen muss.

Aus diesem Grunde könnte sich Obrist auch vorstellen, dass ein systematisches Sauerreiz-Training bei der Therapie von Angststörungen und Depressionen helfen könnte. Eine weitere Alternative wäre, die Ernährung insgesamt weniger süß und fleischig-würzig zu gestalten und stattdessen mehr Speisen mit Essig oder Zitrone zuzubereiten. Allerdings sollte man dies nicht unbedingt tun, wenn man ein ausgesprochener Liebhaber von bitteren Geschmacksnoten ist - denn das könnte des Guten zuviel sein.

Eine Studie der Universität Innsbruck ermittelte nämlich: Wer Bitteres mag, zeigt deutlich mehr Merkmale eines böswilligen Verhaltens. Bei ihm seien, wie Studienleiter Tobias Greitemeyer betont, insbesondere Sadismus und Psychopathie öfter zu finden als bei anderen Menschen. Der Grund liegt hier vermutlich in einem Hirnareal, das nicht weit von der Amygdala liegt: der Insula. Sie ist zuständig für die innere Wahrnehmung von Gefühlen, und wenn sie unteraktiviert ist, braucht der betreffende Mensch starke Reize, um etwas spüren zu können. Dazu gehört das Bittere im Essen, aber eben auch der Sadismus sowie die brutalen und zuweilen kriminellen Verhaltensweisen des Psychopathen.

Wenn also ein Bitter-Liebhaber, der auf Kaffee schwarz und besonders herbe Weine steht, ein Glas Zitronenessig trinkt, könnte sein psychopathischer Zug noch mit einer Portion Mut aufgeladen werden – und das Resultat möchte man sich nicht vorstellen. Da gibt man ihm doch lieber eine Tafel Vollmilchschokolade. Denn deren Geschmacknote ist eindeutig das Süße, und dessen Wahrnehmung macht, wie Obrist festgestellt hat, „konflikt- und risikoscheu“. Oder anders ausgedrückt: Man geht auf Schmusekurs. Nicht umsonst stehen auch bei Tarifverhandlungen neben dem Kaffee auch immer Kekse auf dem Tisch.

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