Vorsicht mit Gesundheitspräparaten: Wie Vitaminzusätze krank machen können

Vorsicht mit Gesundheitspräparaten : Wie Vitaminzusätze krank machen können

Im Kampf gegen die allgegenwärtige Grippewelle greifen viele jetzt zu Vitamindrinks, -tabletten oder -pulvern. Doch wer sie falsch einnimmt, kann damit viel Schaden anrichten, anstatt das Immunsystem zu stärken. Zu viel davon kann Krebs, Nierensteine und Herzerkrankungen verursachen und dem Körper auch auf andere Weise übel mitspielen.

Ihre Gesundheit lassen sich die Deutschen etwas kosten: Rund 1,3 Millionen Euro geben sie im Schnitt jedes Jahr für Nahrungsergänzungsmittel aus, um ihren Körper zusätzlich mit Vitaminen und Mineralstoffen zu versorgen. Ein Mangel an Vitaminen macht krank, das weiß jeder. Doch auch ein Zuviel an Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen schadet der Gesundheit.

Ein Viertel aller Deutschen im Kapselwahn

Darüber täuschen Regale voller Vitaminpillen, Mineralstoffkapseln oder Pulver mit Spurenelementen hinweg, die die Wände in Drogeriemärkten, Apotheken und Discountern pflastern. Sie vermitteln den Eindruck, Deutschland sein ein Vitaminmangelland. Selbst in der Apotheke steckt die pharmazeutische Fachkraft lächelnd zur Erkältungszeit ein Beutelchen Heißgetränk mit in die Tüte. Es enthält zusätzlich Zink und Vitamin C und verspricht ,dem Immunsystem auf die Sprünge zu helfen.

Ob sprudelnde Tabletten mit Magnesium gegen Wadenkrämpfe oder Augenkapseln mit Vitamin A, sie verleiten auch vollkommen gesunde Menschen dazu, ein Plus an Vitaminen und Mineralstoffen zu sich zu nehmen. Ein Viertel aller Bundesbürger schluckt regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel, zeigt die Nationale Verzehrstudie. Am häufigsten tun es Frauen zwischen 35 und 50 Jahren.

Neben den bewusst selbst eingenommenen Nahrungsergänzungsmitteln überfluten viele ihren Körper durch Nahrungsmittel, die mit den vermeintlich gesunden Zusätzen versehen sind: Fruchtsäfte mit Vitaminplus, Margarine mit Vitamin A, D und E, Müsli, das statt bloßer Ballaststoffe auch noch Calcium und sieben weitere Mineralstoffe enthält, und Bonbons, die mit Vitamin C, E oder auch Niacin aufwarten.

Was aber macht das mit uns?

Möglich ist das deshalb, weil Nahrungsergänzungsmittel nicht unter das Arzneimittel-, sondern das Lebensmittelgesetz fallen. Ernährungsexperten, Verbraucherschützer und auch das Bundesinstitut für Risikobewertung warnen jedoch vor dem zu viel solcher Stoffe. Es "ist zumindest in Fachkreisen bekannt, dass falsch verwendete Vitamin- und Mineralstoffzusätze sowie speziell Pflanzenextrakte die Gesundheit schädigen können”, sagt Angela Clausen, Ernährungsexpertin von der Verbraucherzentrale NRW.

Calzium Wer zum Beispiel mehr als ein Gramm Calzium am Tag zu sich nimmt, erhöht sein Herzinfarktrisiko, so das Ergebnis einer Metaanalyse. Dabei ist es grundsätzlich lebenswichtig und als Nährstoff für den Aufbau von Zähnen, Knochen und Muskeln wichtig. Auch Hormone könnten ohne den Mineralstoff ihre Aufgabe im Körper nicht erledigen. Die Mengen allerdings, die der Mensch davon braucht, nimmt er in der Regel bereits über die tägliche Versorgung mit Milch, Käse und Mineralwasser zu sich. Wer zudem auf Nüsse steht, der holt sich dort schon eine Extraportion.

Eisen Ähnlich verhält es sich mit Eisen. Es gehört ebenfalls zu den essentiellen Spurenelementen. Fleisch gilt für viele als der Haupteisenlieferant. Daneben kommt es auch in Obst und Gemüse wie Roter Beete und Erbsen, anderen Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten vor. Besonders leicht kann der Mensch tierisches Eisen verwerten. Vegetarier erleichtern die Aufnahme des schwerer verwertbaren pflanzlichen Eisens durch Vitamin C. Wichtig ist der Mineralstoff, weil er an vielen Stoffwechselvorgängen im Körper beteiligt ist und für den Transport des Sauerstoffs dort verantwortlich ist. Damit dies stets problemlos funktioniert, lagert der Körper das Spurenelement in Ferritinspeichern ein. Von dort aus kann der Organismus den Stoff schnell mobilisieren.

Lediglich zehn Prozent der Frauen und nur drei Prozent der Männer weisen unter bestimmten Umständen einen Eisenmangel auf. Heftige Monatsblutungen oder ein hoher Blutverlust bei Verletzungen oder Operationen kann zum Beispiel dazu führen. Ein Mangel äußert sich dann in Erschöpfung, entzündeten Mundwinkeln, einer höheren Infektanfälligkeit oder rissiger Haut und einem gestörten Haar- und Nagelwachstum. Obwohl jedoch diese Anzeichen beim Großteil der Bevölkerung keine Rolle spielen, sind viele Frühstückscerealien künstlich mit dem Mineralstoff versehen. Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen verleibt sich so beim täglichen Frühstück eine hohe Menge Eisen ein.

Vergiftung und Herzkrankheit durch ein Zuviel

Nach Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) nehmen manche Bevölkerungsgruppen so deutlich mehr davon auf als notwendig. Das könne in Extremfällen zu Vergiftungserscheinungen wie Erbrechen, Durchfall und auch zu Blutgerinnungsstörungen, Leber- und Nierenschäden kommen. Besonders Männer und Frauen in den Wechseljahren haben nach heutigem Kenntnisstand "ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von chronischen Erkrankungen, wie koronare Herzkrankheiten und Krebs", so das BfR.

Als riskant stufen die Risikobewerter ebenfallsebenfalls eine höhere Dosierung von Natrium, Mangan, Kalium, Kupfer, Jod und Zink ein. Auch diese Mineralstoffe sind als Extraportion nicht nur in Pillen, sondern auch Nahrungsmitteln, Fruchtsäften und sogar in Süßigkeiten vorhanden. So kann zu viel Jod zum Beispiel die Schilddrüsenfunktion stören. Kalzium in Überdosis bringt Leistungsschwäche, Verstopfung und sogar Verwirrtheit mit sich. Nach einer zu hohen Aufnahme von Kupfer können sich Zeichen einer Leberzirrhose einstellen, extrem hohe Mengen an Magnesium provozieren Atemprobleme und neuromuskuläre Störungen.

Zink Vielfach wird mit dem immunfördernden Nutzen von Zink geworben. Das allerdings ist mit Vorsicht zu genießen. Denn es kann im Übermaß das Abwehrsystem schwächen und zu einer Blutarmut führen. Vor allem Kinder und Jugendliche sollten es aus diesem Grund auf keinen Fall zusätzlich zu sich nehmen.

Selen Als Baustoff vieler Enzyme gehört auch Selen zu den lebenswichtigen Mineralstoffen. Er wirkt antioxidativ und soll die Immunabwehr verbessern. Auf eigene Faust jedoch sollte man den so viel versprechenden Stoff nicht zusätzlich zu sich nehmen, denn der Grat zwischen gut und giftig ist auch hier schnell überschritten. Personen, die über einen längeren Zeitraum täglich 200 Mikrogramm schluckten, verdreifachten ihr Risiko für Diabetes. Zur Vorbeugung verschiedener Erkrankung wird diese Dosis jedoch häufig in Netz genannt. Nach Angaben der Verbraucherzentrale NRW reicht für einen Erwachsenen die tägliche Menge von 30 bis 70 Mikrogramm über die normale Nahrung.

Vitamin E Wie schädlich die Einnahme von Selen und Vitamin E sein kann, zeigt eine Studie aus den USA. Die Kombination galt einige Zeit als eine Art Wundermittel gegen gefürchtete Krankheiten wie Krebs und Herz- Kreislauferkrankungen. Heute allerdings weiß man, dass deren Einnahme bei Männern die Gefahr erhöht, an Prostatakrebs zu erkranken.

Vitamin A braucht der Körper für gesunde Haut, Augen, das Wachstum und die Knochenentwicklung. Es steht im Übermaß zu sich genommen jedoch auch in Verdacht Haarausfall zu fördern. Das oft auch als Farbstoff verwendete Beta-Carotin, beziehungsweise Provitamin A führt nach heutigen Erkenntnissen bei Rauchern häufiger zu Lungenkrebs, Bluthochdruck und anderen Herz-Kreislauferkrankungen. Schon 20 Milligramm am Tag können zu diesen Gesundheitsschäden führen. Trotzdem wird es hierzulande oft Margarine und anderen Lebensmitteln beigemengt.

Noch schwieriger wird es die Wirkung von Nahrungsergänzungsmitteln zu beurteilen, wenn die in Wechselwirkung mit anderen treten. Darum empfehlen Ernährungsexperten dazu, nur nach ärztlicher Verordnung gezielt zu Vitamin- und Mineralstoffen zu greifen und einen Bogen um Nahrungsmittel mit besonderen Zusätzen zu machen.

Ob man tatsächlich an einer Mangelerkrankung leidet, lässt sich nur über das Blut zweifelsfrei feststellen. Gilt das als nachgewiesen, sollte man nach genauer ärztlicher Dosierung vorgehen, um seinen Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wenig hilfreich sind auch dann Müsli, Margarine und Fitnessdrink, die künstlich mit Vitaminen oder Spurenelementen aufgepeppt wurden. Denn der Verbraucher kann selbst nach einem Brot mit Margarinebestrich kaum ermitteln, wie viel Beta-Carotin er beispielsweise zu sich genommen hat.

Hier geht es zur Infostrecke: Was Vitaminpräparate anrichten

(wat)
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