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Glutenfrei, Lactosearm und fettreduziert: Welche "Frei von"-Produkte schädlich sein können

Glutenfrei, Lactosearm und fettreduziert : Welche "Frei von"-Produkte schädlich sein können

Laktosefrei oder fettreduziert – auf vielen Produkten werben Lebensmittelhersteller mit solchen Labeln. Und immer sind sie teuer. Jetzt gibt es Hinweise darauf, dass einige von Ihnen für gesunde Menschen sogar schädlich sein könnten.

Laktosefrei oder fettreduziert — auf vielen Produkten werben Lebensmittelhersteller mit solchen Labeln. Und immer sind sie teuer. Jetzt gibt es Hinweise darauf, dass einige von Ihnen für gesunde Menschen sogar schädlich sein könnten.

Glutenfreie Backwaren oder laktosefreier Frischkäse oder Joghurt oder — was noch vor wenigen Jahren ausschließlich in den Sonderabteilungen der Reformhäuser zu bekommen war, hat inzwischen die Supermärkte und sogar Discounter erobert. "Sie erwecken den Eindruck, prinzipiell gesünder zu sein und das Wohlbefinden zu steigern", sagt Harald Seitz vom Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) in Bonn.

Promis wie Anna Hathaway, Lady Gaga, Miley Cyrus oder Victoria Beckham haben sich an die Spitze dieser Bewegung gesetzt, indem sie verkündeten, fortan gluten- oder gar zusätzlich laktosefrei leben zu wollen. Der serbische Tennisstart Novak Djoković propagierte in seinem Buch sogar "Glutenfreie Ernährung für Höchstleistung".

Fructose als Feind, Gluten als Gefahr?

Die Sorge, sich falsch zu ernähren, greift um sich. Fructose — in jedem Stück Obst enthalten — könnte womöglich für Bauchschmerzen sorgen, so die Angst. Manche kommen in Anbetracht der vielen Alternativnahrungsmittel selbst bei Brot oder Milch ins Zweifeln und befürchten negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden. Das aber ist laut Seitz unbegründet.

Das sind die häufigsten Unverträglichkeiten

Gesunde und allergiefreie Weizenalternativen

Neuere Untersuchungen zeigen, dass einer von hundert unter einer Zöliakie leidet. Das ist eine Allergie auf das Klebereiweiß Gluten, sagt die Deutschen Zöliakie Gesellschaft. Letzteres kommt in Getreidearten wie Weizen, Roggen und Dinkel vor und löst bei Menschen mit Zöliakie eine chronische Entzündung des Dünndarms aus. Für sie ist eine glutenfreie Ernährung ein Muss. Entsprechende Produkte machen ihnen das Leben leichter. "Für alle anderen aber hat eine solche Ernährung keinen Vorteil", sagt Setz. Dennoch aber verzichten viele aufgrund von Selbstannahmen auf Gluten. Eine beliebte Behauptung ist die, dass die Vermeidung von Getreidepro­dukten vor einer koronaren Herzkrankheit (KHK) schützen könne.

Jetzt zeigt die Auswertung von zwei Beobachtungsstudien jedoch, dass der Verzicht darauf sogar schädlich sein könnte. Dazu wurden über 26 Jahre hinweg rund 2,3 Millionen Menschen befragt. Dabei zeigte sich zweierlei:

  1. Menschen, die Gluten essen leiden nicht häufiger unter einer KHK.
  2. Der Verzicht auf Vollkornprodukte, der mit einer glutenfreien Ernährung verbunden ist, könnte schädlich sein. Sie haben laut Studienergebnis sogar eine um 15 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine koronare Herzerkrankung zu bekommen.

Die Menschen, die in den Studien regelmäßig Vollkornprodukte aßen, entwickelten hingegen seltener Herzkrankheiten.

80 Prozent der Käufer haben keine Unverträglichkeit

Neben Gluten verzichten viele Menschen auch auf Laktose, ohne sicher zu wissen, ob sie unter einer Milchzuckerunverträglichkeit, also Laktoseintoleranz leiden: Denn laut BZfE leiden lediglich 15 bis 20 Prozent der Deutschen daran. Für sie stellen laktosefreie Produkte eine sinnvolle Alternative dar. Für die meisten Käufer der Produkte hingegen nicht: "Rund 80 Prozent der Käufer laktosefreier Produkte haben laut einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung nämlich gar keine Milchzuckerunverträglichkeit", sagt Ernährungswissenschaftler Seitz. In der Regel ist die eigene Vermutung Grundlage für das Meiden bestimmter Lebensmittel. Eine ärztliche Diagnose liege meist nicht vor.

Viele Produkte von Natur aus laktosefrei

Indes boomt der Markt für die Spezialprodukte. Innerhalb eines Jahres habe der Umsatz 2015 um zehn Prozent zugenommen. Die Angabe "Frei von" hat sich zum Qualitätsmerkmal entwickelt. Allerdings zu einem falschen, hat die Verbraucherzentrale Hamburg herausgefunden. Sie hat laktosefreie Produkte unter die Lupe genommen. Dabei haben die Verbraucherschützer festgestellt, dass viele Produkte diesen Aufdruck trugen, die natürlicherweise gar keine Laktose enthalten. Dazu zählen beispielsweise Schinkenspeck, Salami oder lange gereiften Käsesorten wie Bergkäse.

Die Ergebnisse dieses Marktchecks seien zwar aus dem Jahr 2012, dennoch würden sie sich von der Situation heute nicht unterscheiden, sagt Armin Valet von der Hamburger Verbaucherzentrale. "Aus diesem Grund haben wir diesen Marktcheck nicht neu aufgelegt". Wie lukrativ solche Aufdrucke sein können, zeigen die Stichproben. Sie bescheren den Herstellern satte Gewinne von bis zu mehr als 380 Prozent. Ausgerechnet ein von Natur aus laktosefreies Produkt wie Schwarzbrot erzielte mit dem entsprechenden Stempel ein Preisplus von 383 Prozent. Lediglich der Hinweis "glutenfrei" würde sich für Verbraucher mit Glutenunverträglichkeit als hilfreich erweisen.

Warum Naturjoghurt auch von den meisten vertragen wird

Beispiel Naturjoghurt: während ein herkömmlicher probiotischer Joghurt pro 100 Gramm 13 Cent kostete, legte der Verbraucher für einen ebenfalls probiotischen, zudem aber mit dem Label "laktosefrei" versehenen Becher mehr als 350 Prozent mehr hin. Die Verbraucherschützer sehen das Label aber auch aus anderen Gründen kritisch. Zwar enthalte Joghurt von Natur aus Laktose, doch können die im Joghurt enthaltenen Bakterienkulturen den Laktoseabbau fördern, so dass selbst Menschen mit einer Intoleranz das Produkt häufig vertragen. Der Rat der Experten darum: Testen Sie lieber individuell die Verträglichkeit, statt blind mehr zu zahlen.

Noch eindeutiger ist es bei Mozzarella, zu dem die Verbraucherschützer feststellten: Er ist von Natur aus streng laktosearm (weniger als 0,1 g pro 100 g) und kann normalerweise bedenkenlos verzehrt werden. Dennoch wird ein laktosefreies Pendant dazu angeboten. Der Gewinn für den Hersteller lag bei über 200 Prozent.

"Zuckerfrei" oder "fettreduziert" oft irreführend

Zur Vorsicht mahnt Valet auch bei Produkten mit der Aufschrift "zuckerfrei", "zuckerarm" oder "ohne Zuckerzusatz". Hinter all diesen Begriffen stecken unterschiedliche gesetzlich festgelegte Regelungen. Nahrungsmittel mit dem Aufdruck "zuckerfrei" dürfen beispielsweise 0,5 Gramm Zucker pro 100 Gramm enthalten. Als zuckerarm gelten Lebensmittel, wenn sie fünf Gramm Zucker pro 100 Gramm beinhalten.

Oftmals werde zum Beispiel Maltodextrin als Austauschstoff zugesetzt. Der Kaloriengehalt ist dann trotz der Angabe "zuckerreduziert" gleich hoch. Ähnliche Fallen lauern laut Valet bei fettreduzierten Produkten. "Fett ist ein Geschmacksträger Werden Joghurts fettreduziert angeboten, enthalten sie oft mehr Zucker oder Aromen und bringen keine Kalorienersparnis."

Hier geht es zur Infostrecke: Ernährung – das sind die häufigsten Unverträglichkeiten

(wat)