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Orthorexia nervosa - Wenn gesunde Ernährung zur krankhaften Sucht wird

Orthorexia nervosa : Wenn gesunde Ernährung zur krankhaften Sucht wird

Sich gesund zu ernähren ist zweifellos ein guter und vernünftiger Vorsatz. Wenn gesunde Ernährung aber zum Zwang und Lebensmittel zum Lebensmittelpunkt werden, sprechen Experten von einer ernsten Krankheit: "Orthorexia nervosa" - die zwanghaft gesunde Ernährung.

Erstmals beschrieben wurde diese Form der Zwangs- und Ernährungsstörung durch den Mediziner Steven Bratman. Betroffene versuchen seiner Aussage nach zwanghaft, nur solche Lebensmittel zu essen, die eine für sie perfekte Qualität haben. Die Regeln sind dabei hausgemacht: Ungesunde und vermeintlich schädliche Lebensmittel werden aus dem Speiseplan verbannt. Fett, Fleisch, Zucker oder Kaffee - das alles ist tabu. Was genau als ungesund gilt, legt der Betroffene selbst fest. Die Spannweite reicht von Fertigprodukten und jeder Form von industriell gefertigter Nahrung bis zu Obst und Gemüse, das vor mehr als 15 Minuten geerntet wurde - und danach als ungenießbar und eben nicht mehr gesund gilt. Dabei ist per se kein Lebensmittel gesund oder ungesund. Entscheidend ist vielmehr die Menge eines Lebensmittels, sagt Reinhard Pietrowsky, Professor für Psychologie an der Universität Düsseldorf, in einem Interview mit dem SWR.

Betroffene leiden an sozialer Isolation

Die Beschaffung von gesunder Nahrung nimmt nicht nur enorm viel Raum im täglichen Leben ein, sie führt auch zu weitreichenden Problemen. Denn die zwanghafte und rigide Einteilung von Nahrung in gesunde und ungesunde Lebensmittel kann zu Mangelerscheinungen und Untergewicht führen. Ein weiteres Kennzeichen für Orthorektiker ist die soziale Isolation: Ein Mittagessen in der Kantine, ein Restaurantbesuch mit Freunden oder die Einladung zu einem privaten Essen sind für Betroffene undenkbar, sagt Dr. Bernhard Osen, Chefarzt für psychosomatische Medizin an der Schön-Klinik Bad Bramstedt. Sobald Herkunft, Inhaltsstoffe oder der Herstellungsprozess der Zutaten nicht genau nachvollzogen werden können, werden Lebensmittel nicht konsumiert.

Orthorektiker empfinden durch ihre Art der Ernährung ein Gefühl von Reinheit und erhabener Selbstkontrolle. Nicht selten entwickeln Betroffene einen missionarischen Eifer und versuchen, andere von ihrer Ernährungsweise zu überzeugen. Für die Behandlung ergibt sich hieraus eine Schwierigkeit: Denn oft haben Orthorektiker selbst kein Störungsbewusstsein und sehen sich als Vorbild in Sachen Ernährung. Das Gefühl etwas Falsches zu tun, fehlt ihnen. Angehörige sollten deshalb bei einem Verdacht vorsichtig auf eine flexiblere Gestaltung der Ernährung hinweisen. Droht eine Mangelernährung oder wird das tägliche Leben durch die Zwangsstörung erheblich eingeschränkt, hilft eine Therapie.

Therapie hilft

Orthorexia nervosa wird behandelt, wie eine Essstörung. Gemeinsam mit Patienten, die an Magersucht leiden, werden Betroffene in einer Gruppentherapie langsam an normales Essen herangeführt. Eine umfassende psychologische Betreuung sowie eine Verhaltenstherapie gehören ebenfalls zu den Maßnahmen, um Orthorexia nervosa zu bekämpfen. Denn die Ursache für die Erkrankung liegt häufig tiefer und sind auf Lebensunzufriedenheit und Unsicherheiten zurückzuführen.

Aber Achtung: Nicht jeder, der sich bewusst ernährt, läuft automatisch Gefahr, zum Orthorektiker zu werden. Denn die Diagnose ist durchaus umstritten. "Es ist eine Frage des Maßes. Wer morgens gern ein Obstmüsli und mittags einen Salat zu sich nimmt, ist bestimmt noch nicht gefährdet. Erst, wenn etwas aus einem inneren Zwang geschieht, wird es kritisch", erklärt die Bremer Suchtexpertin Margrit Hasselmann.

Düsseldorfer Psychologen haben nun einen Fragebogen entwickelt, um das orthorektische Essverhalten in Deutschland zu untersuchen. Die Schwelle von gesunder Ernährung zu krankhaftem Essverhalten liegt darin deutlich höher, als es oft vermutet wird. Nur bei ein bis zwei Prozent der Befragten besteht der Verdacht auf eine orthorektische Essstörung. "Das ist ungefähr die Größenordnung, in der auch Magersucht oder Bulimie auftreten", sagt Mitentwicklerin Friederike Barthels.

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(ape)