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Massentierhaltung: Warum essen wir eigentlich noch Fleisch?

Konsum oder Gewissen : Warum essen wir eigentlich noch Fleisch?

Es ist längst kein Geheimnis mehr, welches Leid Rinder, Kühe und Schweine in der Massentierhaltung über sich ergehen lassen müssen. Trotzdem greifen die meisten ungehemmt in der Fleischtheke zu. Die Gründe für dieses Verhalten sind zahlreich.

Als wären Antibiotikaresistenzen, Treibhausgase, Nitratbelastungen im Boden und Feinstaub nicht schon schlimm genug. Nun rückt zur Massentierhaltung dank Corona auch noch die „Massenmenschhaltung“ in den Schlachthöfen in den Fokus. Doch warum fällt es trotz aller negativer Kritik so schwer, vom Fleisch abzulassen? Der Trend, sich vegan oder vegetarisch zu ernähren, ist kein neuer. Die Lebensmittelindustrie bestückt die Supermarktregale seit vielen Jahren mit immer neuen Alternativen. Die breite Mehrheit jedoch beharrt auf dem, was sie kennt.

„Bei der Ernährung werden Menschen faszinierenderweise schnell emotional“, sagt Nanette Ströbele-Benschop, Professorin für angewandte Ernährungspsychologie an der Universität Hohenheim. „Der Vegetarier“ verteidige seine Sicht wie die Mutter ihr Kind, und bei vielen Fleischessern sei das ähnlich. Der Grund dafür sei aber nicht nur die Industrie, „auch viele (männliche) Verbraucher möchten Fleisch“, erklärt sie. Der Geschmack ist für sie der größte treibende Faktor. „Warum verzichten nicht mehr Menschen auf Schokolade, obwohl sie wissen, dass es gesündere Alternativen gibt? Weil es schmeckt.“

Fakt ist, wer sich keine Gedanken über seinen Konsum tierischer Produkte macht, macht es sich einfach – und das in mehrerlei Hinsicht. Ernährungsphysiologisch ist es für den Menschen schlicht einfach, auf eine Mischkost aus tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln zu setzen. Besonders gut zeigt das die biologische Wertigkeit. Diese gibt an, wie sehr das Verhältnis der Aminosäuren eines Lebensmittels mit dem Verhältnis in unserem Körper übereinstimmt. Ein Hühnerei hat den Wert 100. Daran müssen sich alle anderen Lebensmittel messen. Weizenmehl kommt bei diesem Vergleich auf gerade einmal 59. Fladen aus Wasser und Mehl würden unseren Bedarf also nicht ausreichend decken. Milch kommt zwar auf 88, aber eine Kombination aus Milch und Mehl auf 123. Ein Pfannkuchen, auch ohne Ei, deckt unseren Bedarf also überproportional gut. Auch bei Vitaminen, Fettsäuren und Mineralien ist es einfacher, eine mangelfreie Abdeckung zu erzielen, wenn tierische und pflanzliche Lebensmittel kombiniert werden.

Was Menschen seit Jahrtausenden machen, tun sie aber nicht nur, weil es schmeckt. Sondern weil es sich als praktisch erwiesen hat. Historisch hat das Essen von Fleisch vor allem einen Vorteil mitgebracht: Es spart Zeit. Fleisch hat mitunter zehnmal so viele Kalorien wie Gemüse. Wer Fleisch isst, muss also weniger davon essen, um den Energiebedarf seines Körpers zu decken. Als es noch darum ging, seine Mahlzeit zu jagen, anstatt sie im Supermarkt aus dem Regal zu nehmen, bedeutete der Verzehr von Fleisch, mehr Zeit für den Aufbau einer Zivilisation zu haben.

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Einfach ist es aber auch, weil alle Probleme ausgeblendet werden, die der Konsum tierischer Produkte mit sich bringt. Zu Tausenden und Zehntausenden müssen Hühner, Schweine und Kühe täglich auf engstem Raum ausharren, bis sie nach einem sehr kurzen Leben geschlachtet werden. Die in den Mastbetrieben anfallenden Mengen Gülle sind so riesig, dass sie schon lange nicht mehr auf den umliegenden Äckern verteilt werden können. Sie müssen mit Tanklastern dorthin transportiert werden, wo das Grundwasser noch weitere Nitratbelastungen aushält. Und spätestens seit dem Corona-Ausbruch in mehreren Schlachtbetrieben wissen die meisten, dass auch die Mitarbeit in dieser Industrie gesundheitsschädlich sein kann.

Warum also essen wir noch immer Fleisch, obwohl wir eindeutig wissen, dass es Leid verursacht? Ströbele-Benschop verweist an dieser Stelle auf eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Jahr 2017. Brock Bastian und Steve Loughnan haben sich in ihrer an der Universität von Edinburgh veröffentlichten Arbeit „Resolving the meat-paradox“ (Auflösung des Fleisch-Paradoxons) des Themas angenommen. An mangelnden moralischen Standards liegt es den Autoren zufolge jedenfalls nicht. Der Mensch neige stets dazu, sich selbst an überdurchschnittlich hohen moralischen Maßstäben zu bewerten. Wissentlich Leid zu verursachen, wie etwa durch das Essen von Fleisch, führe daher auch immer zu einem inneren Konflikt. Dieser Konflikt sorgt dafür, dass wir uns schlecht fühlen. Die Wissenschaftler sprechen von kognitiver Dissonanz. Diese tritt ein, wenn unser Handeln nicht mit unseren moralischen Wertvorstellungen übereinstimmt.

Um diesen Konflikt zu verringern, haben sich den Wissenschaftlern zufolge Mensch und Gesellschaft eine ganze Reihe von Strategien einfallen lassen. So wurde Tieren früher etwa das Vorhandensein einer Seele abgesprochen, ohne die wiederum kein Leid erfahren werden könne. Religionen erheben in ihren Schriften den Menschen zum Herrscher über Land und Tier. Viele der mit Fleisch verbundenen Traditionen sind dementsprechend religiöser Herkunft: das Osterlamm, die Weihnachtsgans, das Schaf zum islamischen Opferfest, um nur einige zu nennen.

Der Mensch seinerseits klopfe sich währenddessen für vermeintlich „humane“ Tötungsmethoden auf die Schulter. Diese verringern nun plötzlich das Leid, anstatt es zu verursachen. Die Darstellung fröhlicher Tiere in der Werbung vermittele zudem das verquere Bild, dass sich diese Tiere willentlich und glücklich unserem Urteil ergeben würden. Den eigentlichen Akt des Tierleids haben moderne Gesellschaften aus dem Sichtfeld entfernt. Massentierhaltung und -schlachtung geschehen hinter hohen Mauern und in abgelegenen Regionen. Die Zeiten, in denen das Schwein auf dem Markt vor den Augen aller geschlachtet wurde, sind lange vorbei.

Damit ein solcher Konflikt aber überhaupt entstehen kann, muss sich der Mensch den Autoren zufolge für sein Handeln frei entscheiden können. Wer zu einer Tat gezwungen wird, kann die Verantwortung dafür also leicht abtreten. In einer Gesellschaft, in der die Mehrheit Fleisch isst, falle der Konsum des Einzelnen hingegen nicht auf. Wenn alle am Tisch Fleisch essen, sticht der Einzelne daraus möglicherweise sogar hervor, wenn er es nicht tut. Gerne würde argumentiert, Fleischessen sei natürlich, normal oder notwendig. Sogar Nationalgerichte können in diesem Kontext ihren Beitrag leisten. Ob Walfleisch in Norwegen, Froschschenkel in Frankreich oder das Schnitzel in Deutschland – das richtige Essen kann dazu beitragen, sich einer Nation zugehörig zu fühlen. Fleischesser reduzieren ihren inneren Widerspruch also, indem sie ihre Verantwortung auf die Mehrheit abschieben.

Auch das, was landläufig als Ausrede abgetan wird, kommt als Strategie zum Einsatz. Fleischesser betonen etwa, wie selten oder wie wenig Fleisch sie eigentlich essen würden. Andere äßen schließlich viel mehr. Und in China „essen sie Hunde“, das sei noch viel schlimmer. Andere schlechter dastehen zu lassen und sogar für ihre moralischen Überzeugungen zu verfolgen, auch das ist den Autoren zufolge historisch gesehen nichts Neues. So wurden Vegetarier zur Zeit der Inquisition als Ketzer verfolgt. Und noch in den 1940er-Jahren wurden sie als Sadisten beschrieben und Vegetarismus als Ursache für das Stottern benannt. Auch heute noch gebe es ausgeprägte Feindbilder gegenüber Vegetariern. Sie würden als Pazifisten, Hypochonder und Drogenkonsumenten verschrien. Und welcher Comedian hat nicht schon Witze über Vegetarier gemacht? Je stärker das Feindbild, umso besser fühlt sich der Fleischesser.

Die stete Leugnung unmoralischen Verhaltens wird den Autoren zufolge zum Automatismus. Informationen, die nicht in dieses Bild passen, würden automatisch ignoriert. Diese Menschen können Bastian und Loughnan zufolge dann konfliktfrei Fleisch essen, solange sie nicht bewusst darüber nachdenken und sie niemand daran erinnert. Rituale wie feste Essenszeiten, der Sonntagsbraten oder das „gute Essen“ im Restaurant verstärkten die Bildung eines solchen Automatismus. Und solange mögliche Alternativen nur ausreichend schlecht gemacht würden, wozu dann über das eigene Verhalten nachdenken, wenn es doch augenscheinlich keine Alternative gibt.

Bastian und Loughnan argumentieren: Je mehr Menschen ein bestimmtes Verhalten öffentlich zeigen, auch wenn es schädlich ist, desto einfacher fällt es dem Einzelnen, entgegen seiner Überzeugung zu handeln. Gute Beispiele dafür seien Alkohol und Zigaretten. Den Wissenschaftlern zufolge gilt das auch für Fleisch. Je mehr Menschen in der Öffentlichkeit, in Filmen oder im Bekanntenkreis Fleisch essen und dabei keine moralischen Konflikte erkennen lassen, desto weniger verwerflich erscheint es.

Als hätten die beiden Autoren die Ereignisse beim Schlachtbetrieb von Tönnies vorhergesehen, ziehen auch sie schon 2017 die Parallele zum Chef, der seine Mitarbeiter ausbeutet. Auch dieser handele entgegen seines moralischen Verständnisses. Aber auch er nutze dieselben psychologischen Mechanismen, um sich des inneren Konfliktes zu entziehen. Der Preisdruck, die allgemeine Akzeptanz solcher Praktiken in seinem Geschäftsfeld, aber auch das vermeintliche Wohlwollen, Tausenden Menschen ja schließlich Arbeit zu geben – mit diesen Strategien verschiebt und verschleiert er seine Verantwortung.

Dieses Verhalten lässt sich den Autoren zufolge aber nicht so einfach ändern. Wer einer Gruppe unmoralisches Verhalten vorwirft, löse damit einen sehr großen Konflikt aus. Um diesem zu entgehen, suche sich die Gruppe weitere Mitglieder – weitere Verbündete –, um ihren Standpunkt zu legitimieren. Dies führt allerdings den Wissenschaftlern zufolge zu einer Polarisierung und einem „Wir gegen die“-Denken. Ausbrecher würden von der Gruppe nicht selten mit Spott und sozialer Ächtung bestraft. Der Ausschluss von Andersdenkenden diene dem Schutz der Gruppenmitglieder, damit die Verleugnungsfassade keine Löcher bekomme.

Daher gehen die Autoren auch nicht davon aus, dass bei dem Thema eine schrittweise Veränderung Erfolg haben könne. Nur wenn sich ein Großteil der Fleischesser gleichzeitig entscheide, sein Verhalten zu ändern, könne sich am Gesamtsystem etwas ändern. Denn je länger ein Mensch die genannten Strategien zur Verleugnung automatisiert habe, desto mehr Schuld müsse er sich bei einem Sinneswandel eingestehen. Denn schließlich habe er dann ja all die Jahre wissentlich entgegen seiner moralischen Vorstellungen gehandelt.