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Magersucht: Infos zur Krankheit und Hilfen für Betroffene

Magersucht : Freiwilliges Verhungern

Magersucht ist eine Erkrankung, die im schlimmsten Fall mit dem Tod enden kann. Von der Angst vorm Essen wieder wegzukommen, ist oft ein langwieriger Prozess. Eine Betroffene berichtet.

Ganz kommt man nie davon los. Nadine aus Wermelskirchen (Name von der Redaktion geändert) denkt auch heute noch an diese schwere Zeit zurück. Vor 20 Jahren litt die heute 40-Jährige an Magersucht. "Ich war unglücklich. Das hatte viel mit meiner damaligen Beziehung zu tun", berichtet sie. Für den Liebesfrust gab Nadine sich selbst die Schuld. Der Stress schlug ihr wortwörtlich auf den Magen. Der Appetit wurde immer kleiner. Irgendwann ekelte sie sich vor dem Essen und nahm in der Folge drastisch ab.

Nadine zog sich zurück, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, eine Einladung von Freunden ausschlagen zu müssen. "Eine Therapie hat mir geholfen", sagt die 40-Jährige, die mittlerweile Normalgewicht hält und mit sich selbst im Reinen ist. Eine wichtige Stütze ist dabei ihre neue Familie. Der neue Mann an ihrer Seite und die zwei gemeinsamen Kinder geben ihr Halt. An die Magersucht und den Ekel vor Nahrungsmitteln aller Art denkt sie aber heute noch. "Ich habe mich dazu entschieden, für meine Kinder zu essen. Ich will für sie da sein." Einen Weg zurück in die Sucht soll es für sie nicht geben.

Magersucht ist eine der schwersten psychischen Störungen. Der selbst herbeigeführte Gewichtsverlust hat unmittelbare körperliche Folgen, schwächt ihn immens und laugt ihn aus. Die Betroffenen leiden unter ihrem ungesunden Essverhalten: Sie hungern, bis nichts mehr geht. Und es fängt immer früher an. „Die Jüngsten, die zum Beratungsgespräch kommen, sind zehn bis elf Jahre alt“, berichtet Susanne Gronki. Die Sozialpädagogin des Vereins Bonner Zentrum für Essstörungen hilft Magersüchtigen dabei, wieder den Weg zurück in ein normales Leben zu finden. Die Therapie ist teils langwierig, aber unumgänglich. Denn alleine, das weiß Susanne Gronki, finden die wenigsten aus ihrer Sucht heraus und zu einem normalen Essverhalten zurück.

Was ist Magersucht?

Wie die Magersucht (lateinisch Anorexia nervosa) beginnt, ist individuell verschieden. Meist steht eine Diät am Anfang der Krankheit. „Die Frauen und Mädchen – es sind nur selten Männer – fühlen sich zu dick und wollen etwas an ihrem Körper verändern“, sagt Susanne Gronki. Oft gibt es Vorbilder aus dem Fernsehen und den sozialen Netzwerken. Schön und schlank zu sein, das gilt als das Maß der Dinge. „Das setzt die Frauen sehr unter Druck“, sagt Gronki. Machen sie dann eine Diät und werden auf ihre ersten Abnehmerfolge bewundernd angesprochen, fühlen sie sich bestärkt. Die Diät, die eigentlich nur kurzfristig sein sollte, wird zum Dauerzustand und immer weiter verschärft.

Auch eine Umstellung auf vegetarische oder vegane Ernährung kann den Grundstein für eine Magersucht legen. Und zwar dann, wenn die Betroffenen sich derart unter Druck setzen, sich gesund ernähren zu wollen, dass sie Ängste entwickeln. Sie schränken die Auswahl an Lebensmitteln stark ein und nehmen dadurch ab. „Sie entwickeln eine Angst vor dem Essen“, sagt Susanne Gronki. Und gerade die sei charakteristisch für alle Formen der Magersucht: Die Betroffenen haben große Angst davor zuzunehmen und nehmen daher möglichst wenig Kalorien zu sich.

Wer ist von Magersucht betroffen?

Meist sind es Mädchen und junge Frauen, die unter der psychosomatischen Erkrankung leiden. Die Mehrheit derer, die die Beratung im Bonner Zentrum für Essstörungen in Anspruch nehmen, sind 14 bis 16 Jahre alt und damit in der Pubertät. Es gibt aber auch deutlich jüngere Patientinnen. Magersucht kann aber auch noch später im Leben auftreten. Zum Beispiel, wenn Frauen in den Wechseljahren sich ihre Jugendlichkeit zurücksehnen und ihren Körper neu formen möchten, weiß Gronki aus Erfahrung. Auch Menschen, die an Demenz erkrankt sind, verweigern in manchen Fällen die Nahrungsaufnahme. „Das Hauptaugenmerk liegt aber bei jungen Frauen“, betont Susanne Gronki. Sie erwartet im Herbst wieder mehr Fälle. Ebenso hat der Lockdown in der Corona-Zeit für einen Anstieg der Fallzahlen im Bonner Zentrum für Essstörungen gesorgt. „Durch den Lockdown und den damit verbundenen Ängsten und Verunsicherungen sind bei vielen Essstörungen ausgebrochen. Viele Patienten haben über die Essstörung versucht, mit der Situation klar zu kommen.“

Symptome: Daran erkennen Sie Magersucht

Das deutlichste Symptom der Magersucht ist körperlich: das Untergewicht. Die Betroffenen nehmen so wenig Kalorien zu sich, dass sie stark abnehmen. Sollten sie doch etwas essen, haben sie große Schuldgefühle und Scham. In der Folge treiben sie exzessiv Sport, um die zugeführten Kalorien wieder zu verbrennen. „Viele denken, sie haben es nicht verdient, mehr zu essen. Ihr Selbstwertgefühl ist sehr gering“, erklärt die Bonner Sozialpädagogin.

Der größte Kalorienverbraucher im menschlichen Körper ist das Gehirn. Gerade dieses Organ leidet unter der Magersucht. „Das Gehirn fängt an, sich zu verändern“, erklärt die Sozialpädagogin. „Oft fehlt die Energie, irgendwas zu tun.“ Ein ebenso auffälliges Symptom ist die Unruhe der Patientinnen. Sie haben große Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren oder still zu sitzen. Auch schnelle Reizbarkeit ist kein seltenes Symptom.

Je länger die Anorexia nervosa andauert, entwickeln sich weitere psychische Probleme und daraus folgende Symptome. Magersüchtige ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück und werden depressiv. „Sie treffen keine Freunde mehr, weil sie das gemeinsame Essen vermeiden wollen“, sagt Susanne Gronki.

Was sind die Ursachen?

Das Gewicht ist bei Magersüchtigen ein Dauerthema. Sie befassen sich ständig damit. Die Ursachen dafür können unter anderem in der Kindheit liegen. „Kinder werden groß mit dem Gedanken, dass es wichtig ist, dünn zu sein. Kommen kleine Krisen wie Mobbing, ein Umzug oder die Trennung der Eltern hinzu, kann eine Essstörung die Folge sein“, erklärt Susanne Gronki. Eine schlanke Erscheinung sei gesellschaftlich erwünscht. Hinzu kommt, dass man bei vielen Sportarten wie beispielsweise Ballett dünn sein müsse. Es gebe viele Gründe, weshalb man meint, dünn sein zu müssen, so Gronki. Gerade Mädchen und junge Frauen seien dafür sehr empfänglich.

Wie sieht die Prognose von Magersucht aus?

Die Sozialpädagogin hat es sich abgewöhnt, ihren Patienten eine Prognose zu geben, wie lange die Behandlung der Magersucht wohl dauern könnte. Fakt ist: Die Therapie ist langwierig und intensiv, besonders dann, wenn die Magersucht bereits chronisch geworden ist. Susanne Gronki erinnert sich gerne an die Patienten, die Erfolg hatten und nun wieder ein normales Leben führen. Es gibt aber auch diejenigen, die es nicht schaffen. „Wir haben eine Patientin in der Beratung, die bereits diverse Kliniken und Wohngruppen besucht hat. Sie ist bereits seit sechs Jahren magersüchtig.“

Leider finden einige Betroffene nie den Weg zurück ins normale Leben. Die Mortalitätsrate ist hoch. Für 15 bis 20 Prozent der Patienten endet die Anorexia nervosa tödlich. Sie sterben entweder an den medizinischen Folgen ihres Untergewichtes oder an Suizid. „Essstörungen sind eine der schwersten und häufigsten psychischen Erkrankungen bei Mädchen und Frauen“, betont Susanne Gronki.

In der Statistik des Bonner Zentrums für Essstörungen werden Magersüchtige anhand ihrer Prognose in Drittel unterteilt. „Ein Drittel schafft die Therapie sehr gut, ein Drittel braucht sehr lang dafür und bei einem weiteren Drittel bleibt die Magersucht chronisch bestehen“, erklärt Gronki. Bei denen, die eine langfristige Behandlung benötigen, bleibt die Essstörung meist latent vorhanden. Das heißt, die Magersucht wird immer ein Teil von ihnen sein, auch wenn sie mittlerweile wieder Normalgewicht erreicht haben. „Diese Frauen achten nach wie vor sehr viel mehr aufs Essen, als es normal wäre“, sagt die Sozialpädagogin. „Die Essstörung bleibt als Alarmanlage im Körper. Wenn es zu großem Stress kommt, gibt sie den Betroffenen ein Zeichen, wieder auf sich selbst zu achten.“ Magersucht beziehungsweise die Gedanken daran bleiben also als eine Reaktion auf Stress bestehen. Und das führt zu den Hauptcharakterzug der Essstörung: Magersucht ist ein Versuch, mit Problemen klar zu kommen.

Was sind die Folgen von Magersucht?

Durch die Anorexia nervosa baut der Körper schnell und auf ungesunde Weise Gewicht ab. Haare und Haut werden dünner. Das Erscheinungsbild des Betroffenen wirkt kränklich. Die Lippen werden rissig. Der Stoffwechsel verlangsamt sich. „Die Patienten frieren verstärkt, weil sich durch die Magersucht das Unterfettgewebe abbaut“, erklärt die Sozialpädagogin. Es kommt die sogenannte Lanugo-Behaarung zum Vorschein. Normalerweise haben nur Säuglinge kurz nach der Geburt noch einen Rest der Lanugo-Behaarung, die im Bauch der Mutter gebildet wird. Durch die feinen Haare haftet die Käseschmiere am Körper des Babys, was die Haut wiederum davor schützt, vom Fruchtwasser aufgeweicht zu werden. Eben jene Lanugo-Haare bildet der Körper wieder, wenn er auf Sparflamme fahren muss. Sie sollen den Körper in diesem Fall vor einer Austrocknung schützen.

Des Weiteren kommt es durch die Magersucht zu Mangelerscheinungen. Der Hormonhaushalt der weiblichen Patienten gerät ins Ungleichgewicht. Die Menstruation bleibt gänzlich aus. Somit werden die Frauen unfruchtbar. „Die Nieren werden auch in Mitleidenschaft gezogen, weil sie nicht mehr in der Lage sind, das Eiweiß abzubauen“, sagt Susanne Gronki. Unter der Magersucht leidet also der gesamte Körper. Die gute Nachricht: Alle aufgeführten Folgen der Magersucht verschwinden wieder, sobald Normalgewicht erreicht wird. „Der Körper kann sich sehr gut wieder regulieren“, bestätigt Susanne Gronki. Frauen nach überstandener Magersucht können also ein normales Leben führen und auch eine Familie gründen, sofern nicht andere medizinische Gründe dagegen sprechen.

Kann man Magersucht vorbeugen?

„Die beste Prävention ist ein gutes Selbstwertgefühl“, sagt die Sozialpädagogin des Bonner Zentrums für Essstörungen. Dem Thema Essen sollte man keinen großen Stellenwert einräumen. Festigend wirken gute Bindungen zu engen Verwandten oder guten Freunden. Wer ein stabiles, soziales Umfeld hat, ist weniger anfällig für ein gestörtes Essverhalten. „Man kann nicht sagen, dass Magersucht nur durch eine einzige Sache verursacht wird. Es kommen viele Dinge zusammen. Das ist gerade für die Angehörigen wichtig zu wissen“, sagt Susanne Gronki. Die Angehörigen leiden ebenfalls sehr unter dem gestörten Essverhalten ihres Kindes.

Was sollte man als Angehöriger tun?

Wer bei einem nahestehenden Menschen die Anzeichen von Anorexia nervosa bemerkt oder vermutet, sollte sich das Herz fassen, die Person anzusprechen. Eine schnelle Behandlung der Krankheit ist absolut notwendig. Wichtig ist, dem Betroffenen keine Vorwürfe zu machen. Eher sollte man seine Sorgen äußern, empfiehlt die Sozialpädagogin. So könnte man ansprechen, dass man bemerkt hat, dass sich das Kind oder die Frau zurückzieht und bedrückt wirkt. Auch den Gewichtsverlust kann man ansprechen, aber bitte nicht bewerten. Im nächsten Schritt sollte man mit dem Betroffenen eine der vielen Beratungsstellen in der Nähe aufsuchen.

Wo bekommen Betroffene Hilfe?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung listet alle Hilfsangebote bundesweit auf. Dazu zählt auch das Bonner Zentrum für Essstörungen. Der Verein bekommt jede Woche zwei bis drei Anfragen von Magersüchtigen unterschiedlichen Alters. Susanne Gronki und ihre Kollegen führen das Erstgespräch und besprechen mit dem Patienten, wie man weiter vorgehen kann. Der wohl wichtigste Baustein der Therapie ist die psychotherapeutische Behandlung. Denn: Die Magersucht ist in der Regel ein Ventil für tiefer liegende Probleme. „Es steckt mehr dahinter als nur das Abnehmen. Magersucht ist eine tiefe Erkrankung, die schnell chronisch wird“, sagt Susanne Gronki. Eine Depression kann beispielsweise eine Begleiterkrankung der Anorexia nervosa sein. Missbrauchserfahrungen oder andere Traumata können die Entstehung einer Essstörung ebenfalls begünstigen. Diesen Problemen muss sich der Patient in einer Psychotherapie stellen. Er muss lernen, sich selbst und den eigenen Körper wieder wertzuschätzen. Erst dann hat eine Ernährungstherapie eine Aussicht auf Erfolg.

Wie kann man Magersucht überwinden?

„Nur mit einer Therapie“, betont Susanne Gronki. „Es mag vereinzelt Menschen geben, die alleine wieder zunehmen. Die meisten schaffen es aber nicht.“ Die meisten Patienten überwinden die Krankheit nur, wenn sie sich in Psychotherapie begeben. Sie müssten mit professioneller Unterstützung lernen, ihre Angst vor Lebensmitteln abzulegen. „Viele haben Angst davor, Nudeln oder Öl zu essen. Es dauert Monate, bis sie diese Lebensmittel wieder anrühren“, sagt Gronki. „Die restriktive Form der Magersucht kann manchmal auch zwanghafte Verhaltensweisen zur Folge haben.“

Was ist der Unterschied zu Bulimie?

Menschen, die magersüchtig sind, hungern. Sie nehmen kaum Nahrung zu sich und versuchen so, die Kalorienzufuhr klein zu halten. Menschen, die an Bulimie erkrankt sind, dagegen essen durchaus. Bei ihnen kann es zu regelrechten Essattacken kommen. Innerhalb kürzester Zeit nehmen sie viele Lebensmittel zu sich. Auch sie haben Angst zuzunehmen. Daher kommt es zu dem für Bulimie typischen Erbrechen kurz nach dem Essen. Menschen, die von Bulimie betroffen sind, leiden genau wie Magersüchtige an körperliche Folgen ihres gestörten Essverhaltens. Ganz klar voneinander lassen sich Magersucht und Bulimie meist nur in der Theorie trennen. In der medizinischen und therapeutischen Praxis gibt es viele Mischformen, wie Susanne Gronki berichtet. So würden auch Magersüchtige gelegentlich ihr Essen erbrechen und Bulimie-Patienten die Nahrungsaufnahme verweigern.

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