Abstinenz : Mein so genanntes Leben ohne Kaffee

Zwei Tassen Kaffee gehörten für mich morgens dazu - leider sah mein Magen das anders, und ich ließ es vor drei Jahren sein. Der Phantomschmerz quält mich noch immer.

Es ist ein Duft, der sofort gute Vibes verbreitet. Hier sind Leute, die sich auch mal eine Pause gönnen, die wissen, dass Arbeit nicht alles ist. Büro, Behörde, Praxis — wenn es nach Kaffee duftet, ist alles nur halb so schlimm. Ich habe jahrelang dafür gesorgt, dass dieser Duft morgens meine Wohnung durchdringt. Ich war einer von denen, die behauptet haben, dass sie erst mal einen Kaffee brauchen, um ein menschliches Wesen zu werden. Der dampfende Becher hat den bevorstehenden Tag abgemildert, ich hatte das Gefühl, mir damit das nötige Rüstzeug zu verabreichen. Kaffee, Koffein, was liegt an, ich schaff alles. Blöderweise hat mein Körper das irgendwann nicht mehr so gesehen. Ich bekam Bauchweh vom Kaffee. Lange wollte ich nicht wahrhaben, dass er der Grund dafür war. Als ich mal die hässliche kleine Schwester des Kaffees, Tee, probierte, blieben die Schmerzen aus.

Schweren Herzens verbannte ich dieses großartigste aller Getränke aus meinem Leben. Doch ich habe nie aufgehört, es zu vermissen. Das geht auch kaum, weil natürlich alle anderen Menschen um mich herum Kaffee saufen, als gebe es kein Morgen. Ich stehe dann da mit meinem Tee, oder, wenn ich crazy drauf bin, einer heißen Schokolade und denk mir: verdammt.

Viel zu koffeinfrei

Sicher, Kaffee ist gar nicht mal so gesund. Und bei einigen Leuten, die ich so kenne, hat der Konsum bedenkliche Dimensionen erreicht. Der gemeine Kaffee-Junkie ist nicht unbedingt derjenige, der seinen 100. Geburtstag planen sollte. Da ist deutlich früher Sense. Aber ist nicht ein kurzes Leben mit Kaffee besser als ein langes ohne? Diese Frage sollte ich lieber mit Nein beantworten, sonst könnte der Rest meines Daseins eine trübe Angelegenheit werden.

Doch dem Thema kann man kaum entfliehen. "Komm, wir gehen erst mal einen Kaffee trinken", höre ich ständig von Menschen, die ich gerade kennengelernt habe, und dann muss ich ihnen die traurige Mitteilung machen, die die meisten einfach nur entsetzt. "Was?! Du trinkst keinen Kaffee???? Warum das denn????" Es ist so, als würde man gestehen, statt des ersten WM-Spiels der Deutschen einen tschechischen Kunstfilm im Programmkino zu gucken.

Falls nicht irgendwer eine Magen schonende Version dieses schwarzen Golds erfindet, werde ich mit diesem Defizit weiter leben müssen. Ja, es gibt schlimmeres. Aber jeder, der morgens im Bett liegt und weiß, dass ihn gleich vor dem ganzen Stress erst mal ein heißer Kaffee erwartet, wird verstehen, dass alles andere ein Frühstück zweiter Klasse ist. Ein Leben ohne Kaffee ist zwar möglich, aber viel zu koffeinfrei.

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