Fehlernährung: Warum gesunde Ernährung krank machen kann

Ernährung : Warum ein Apfel gesund ist, zu viele aber eine Fettleber machen

Bluthochdruck oder Vergesslichkeit können Symptome schwerer Krankheiten sein - oder die Folge von Fehlernährung. Wie aber findet man heraus, was wirklich der Grund ist?

Obst ist gesund, das weiß jeder. Falsch jedoch ist die Annahme, dass man Gesundes in unbegrenzten Mengen zu sich nehmen sollte. Denn was in kleiner Dosis gesundheitsförderlich sein kann, kann in größerer Menge die Gesundheit belasten oder gar schwer krank machen. Oft ist das ein schleichender Prozess, an dessen Ende Symptome wie Herzstolpern, Schmerzen, Schwindel, hoher Blutdruck oder Vergesslichkeit stehen. Viele wissen nicht, dass auch solch gravierende körperliche Symptome mit der Ernährung in Zusammenhang stehen können.

„One apple a day keeps a doctor away“, heißt es sprichwörtlich. Äpfel enthalten rund 30 Vitamine und zusätzlich Mineralstoffe sowie Spurenelemente. Es ist logisch, dass sie gesünder sind als beispielsweise Gummibärchen. Denn Gummibärchen enthalten vor allem Zucker. Was man beim Apfel übersehen mag: Auch er enthält jede Menge Zucker – wenn auch Fruchtzucker. Auf zehn Gramm Fruchtzucker bringt es diese Obstsorte durchschnittlich. Wissenschaftler gingen davon aus, dass bereits eine Menge von 50 Gramm Fruchtzucker pro Tag für den menschlichen Körper gefährlich werden könne, sagt Allgemeinmediziner und Fernseharzt Carsten Lekutat.

Diese Menge ist schon mit fünf Äpfeln oder einem halben Liter Apfelsaft erreicht. Zucker – gleich aus welchem Lebensmittel - bringt leicht verfügbare Energie in den Körper. Das ist kein Problem, solange sie in Bewegung umgesetzt wird. Wird jedoch mehr Energie aufgenommen als verbrannt, hat das gesundheitliche Nachteile, auch wenn der Zucker aus Obst statt aus Gummibärchen oder Schokolade kommt. Folge: „Das Risiko für Übergewicht steigt“, sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Viele schätzen gesund anmutende Fruchtsäfte oder Smoothies in Bezug auf ihren Zuckergehalt falsch ein - vor allem Kinder.

Gefährlich ist das für die Leber. Sie speichert die überschüssige Energie und verfettet mit der Zeit. Ungefähr ein Viertel der Deutschen leidet unter einer solchen Fettlebererkrankung, die zu einer Leberentzündung, Zirrhose oder Leberkrebs führen kann. Oft bleibt sie lange Zeit unbemerkt. Erst durch Symptome wie Müdigkeit, Blähungen oder Völlegefühl werden die Betroffenen aufmerksam. Das Problem dieser Beschwerden ist allerdings, dass sie unspezifisch sind – also kein eindeutiges Indiz für diese Erkrankung. Sie können auch andere Ursachen haben. Blähungen können beispielsweise durch Lebensmittelunverträglichkeiten hervorgerufen sein, Völlegefühl kann auch ein Symptom einer Magenschleimhautentzündung sein.

Beispiel Salz: Salz kann den Blutdruck erhöhen. Sollte man darum konsequent darauf verzichten? Auch für Kochsalz gilt die Feststellung von Paracelsus aus dem 16. Jahrhundert: „All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.“ Denn Salz ist lebensnotwendig. Es ist für die Erregbarkeit von Nerven und Muskeln wichtig und hält den Wassergehalt in unserem Körper aufrecht. Wir brauchen es also – aber nicht in rauen Mengen. Drei bis vier Gramm Salz am Tag wären laut Hochdruckliga die optimale Menge, sechs Gramm noch tolerabel.

Tatsächlich nehmen Frauen im Schnitt jedoch 8,4 Gramm Salz täglich zu sich, Männer sogar 10 Gramm, fand die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland heraus, die das Robert-Koch-Institut fortwährend durchführt. Schon vier Scheiben Brot beinhalten zwei Gramm Salz. Die täglich aufgenommene Menge summiert sich vor allem durch Fertiggerichte und Wurstwaren. Sogar Tomatensauce enthält große Mengen Salz – wenn man sie gebrauchsfertig kauft. Zu viel davon erzeugt Bluthochdruck und erhöht die Gefahr für Herz-Kreislauferkrankungen, weiß man aus Studien.

„Wir müssen viel mehr ernährungsbedingte Faktoren in die ärztliche Diagnose miteinbeziehen“, sagt Carsten Lekutat. Dass die Ernährung die Ursache für körperliche Symptome sein kann, erlebte Lekutat jüngst am eigenen Leib: Nach einem sportlichen Lauf von zwei Stunden bekam der Arzt Herzstolpern. „Ein Kardiologe verschreibt in solchen Fällen im Zweifel Betablocker“, sagt Lekutat. Er schätzt, dass die meisten seiner Kollegen in solch einem Fall eher nicht auf den Kalium- und Magnesiumwert schauen würden. Dieser war jedoch die Ursache für die Herzrhythmusstörungen. Denn manchmal ist einfach Fehlernährung die Ursache solcher Beschwerden.

Das Problem: Die Symptome können häufig auf vieles hindeuten. Müdigkeit könnte eine Ursache in Nährstoffmangel haben. Sie kann aber auch eine Reaktion auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit sein. Oder aber einfach die Folge von zu wenig Schlaf.

Bei der Suche nach Ursachen für Beschwerden lohnt es sich darum, auf das eigene Essverhalten zu schauen. Hier sei der mündige Patient gefragt, der den Dingen selbst auf den Grund gehen wolle, sagt Lekutat. Allerdings ist jeder Stoffwechsel anders, die Zubereitung der Nahrungsmittel spielt eine Rolle und auch körperliche Reaktionen und Verträglichkeiten sind höchst individuell.

„Es gibt Menschen, die keine Tomaten vertragen. Manche bekommen vom Verzehr von Nudeln Blähungen, andere vom Genuss von Schokolade Kopfschmerzen“, sagt der Mediziner. Sein Rat: Bei Symptomen selbst die Ursachen einkreisen und ein Ernährungstagebuch führen. Darin werden mit Datum und Uhrzeit alle aufgenommenen Speisen und Getränke vermerkt. Hilfreich ist das, weil sich so bei immer wieder gleich auftretenden Symptomen nach Parallelen suchen lässt. Wichtig: Beschwerden müssen nicht sofort nach dem Konsum des Lebensmittels auftreten. Umgekehrt zeigt sich ein Mangel an Nährstoffen nicht nach Stunden oder Tagen. Das macht das Erkennen einer Fehlernährung seiner Ansicht nach so schwierig. Unterstützen kann der Arzt mit einer gezielten Labordiagnostik. Das Bestimmen vieler Mikronährstoffe – wie zum Beispiel Selen oder Kalium – ist allerdings keine Kassenleistung.

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