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Essstörungen: Alle Infos zu Magersucht, Bulimie und Co.

Essstörungen : Wenn Nahrungsaufnahme zum Problem wird

Die einen Essen zu viel, die anderen gar nichts mehr: Essstörungen treffen Frauen und Männer und können schwerwiegende gesundheitliche Schäden hervorrufen, im schlimmsten Fall sogar mit dem Tod enden. Angehörige können helfen – sollten aber genau wissen, wie sie vorzugehen haben.

Thomas schlägt manchmal über die Stränge. Das Essen schmeckt so gut, da nimmt er gerne einen Nachschlag. Er nennt sich einen Genießer. Melissa macht gerade eine Diät und freut sich über jedes Pfund, das die Waage weniger anzeigt. Sie macht viel Sport und will sich nun gesünder ernähren. Weder Thomas noch Melissa sind krank. Wer mal ein bisschen mehr isst oder abnehmen will, leidet noch lange nicht an einer Essstörung. Beides kann aber einem krankhaften Essverhalten den Weg ebnen. Gerade das macht Essstörungen so gefährlich: Der Übergang ist schleichend.

Was ist eine Essstörung?

Wer unter einer Essstörung leidet, denkt ständig an das Thema Essen. Es scheint, als gebe es keine anderen Interessen, Sorgen und Projekte. Das Thema Essen verdrängt bei den Betroffenen alles andere. Ernährung und Genuss können in Ungleichgewicht geraten. Entweder bleibt der Genuss aus oder er wird nur im Essen gesucht. Hobbys und soziale Kontakte scheinen nicht die gleiche Befriedigung zu bringen. Essstörungen stellen eine kurzfristige Entlastung dar, wenn der Patient sich in einer für ihn schwierigen Situation befindet. So sorgt exzessives Essen für ein kurzes Glücksgefühl und das Erbrechen bei einer Bulimie gibt einem das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Die Dauerbeschäftigung mit Nahrung und Figur gibt einen inneren Halt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Eine Essstörung ist eine Verhaltensstörung, die viele psychosoziale Probleme mit sich bringt. Meistens ziehen sich die Erkrankten zurück, sind leicht reizbar und fühlen sich unverstanden. Die Spannweite des Oberbegriffs Essstörung reicht von einer extrem gesteigerten Nahrungsaufnahme bis hin zur kompletten Verweigerung. Die Betroffenen sind meist sehr unzufrieden mit ihrem eigenen Körper und ihrem Leben und versuchen über die Nahrungsaufnahme die Kontrolle zu behalten. Das kann ernsthafte Folgen haben, wenn die Essstörung nicht zeitnah behandelt wird. Je früher die Therapie beginnt, umso größer sind die Aussichten auf Erfolg.

Welche Essstörungen gibt es?

Das Wort Essstörung ist der Oberbegriff für viele von der Norm abweichende Veränderungen des Essverhaltens. Teilweise kommt es bei den Betroffenen zu einem stetigen Wechsel zwischen den Essstörungen – mit entsprechend schwerwiegenden Auswirkungen auf den Körper. Zu den bekanntesten Essstörungen gehört die Magersucht, in der Fachsprache Anorexia nervosa genannt. Sie beschreibt den Drang, möglichst wenig zu wiegen.

Ebenfalls eine gefährliche Essstörung ist die Bulimia nervosa, auch Ess-Brech-Sucht genannt. Diese psychosomatische Störung ist mit bloßem Auge meist nicht zu erkennen. Die Betroffenen sind weder extrem dünn noch sehr dick. Sie leiden regelmäßig an Essattacken. Dabei führen sie sich exzessiv Lebensmittel zu. Aus Angst davor, zuzunehmen, erbrechen Bulimiker ihr Essen wieder. Die Bulimie kommt phasenweise. Gute Tage wechseln schlechte ab, je nachdem, was der Betroffene gerade erlebt und welchen Herausforderungen er sich aktuell stellen muss. Langfristig führt die Ess-Brech-Sucht zu einem Nährstoffmangel. Die Mundwinkel reißen wegen des häufigen Erbrechens ein, die Zähne werden durch die Magensäure geschädigt. Der ganze Körper leidet unter der Bulimie. Reizbarkeit, Müdigkeit, niedriger Blutdruck, Nierenversagen, Verstopfung und Blutarmut sind die Folgen.

Viel Essen in kurzer Zeit führen diejenigen zu sich, die unter Essattacken leiden. Das sogenannte "Binge Eating" ist eine Esssucht ohne gewichtsreduzierende Maßnahmen. Das heißt: Die Betroffenen essen so lange, bis ihnen übel wird oder Bauchschmerzen auftreten. Essanfälle lösen Schuldgefühle und Scham aus. Die Betroffenen haben dennoch oft nicht die Kraft, ihr gestörtes Essverhalten selbst zu ändern. Typische Folgen sind Diabetes und Herzkreislauferkrankungen.

Wer sein zwanghaftes Verlangen nach Nahrungsmitteln mit ungeeigneten Diäten, Fasten und Bewegung zu kontrollieren versucht, der leidet unter der Ess-Sucht. Hier ist meist Adipositas die Folge. Die krankhafte Fettleibigkeit wirkt sich stark auf die körperliche und soziale Gesundheit aus.

Was sind die Ursachen für Essstörungen?

Die Sucht spielt sich im Kopf ab. In der Regel gibt es keine körperlichen Probleme, die die Essstörung verursachen würde. In seltenen Fällen können genetische Faktoren bedingen, dass jemand von Natur aus dünner oder dicker ist. In der Regel sind es aber persönliche Probleme, die eine Essstörung verursachen. Die Neigung zum Perfektionismus, ein geringes Selbstwertgefühl oder auch traumatische Erlebnisse wie sexueller Missbrauch können Essstörungen auslösen. In manchen Fällen liegt der Konflikt im familiären Umfeld. Wenn beispielsweise ein Elternteil psychisch krank ist oder auf das Kind enormer Leistungsdruck und Kontrolle ausgeübt wird, kann sich der aufgestaute Frust in Form einer Essstörung entladen. Kommen dann noch stilisierte Schönheitsideale aus den Medien oder der Vergleich mit dem Freundeskreis hinzu, keimt schnell die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auf. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sagt ganz klar: „Essstörungen sind kein Schlankheitstick und keine vorübergehende Pubertätskrise. Sie sind vielmehr Ausdruck und Lösungsversuch tiefer liegender seelischer Probleme.“

Sind Frauen häufiger von Essstörungen betroffen?

Frauen sind tatsächlich häufiger von Essstörungen betroffen, wobei die Zahl der betroffenen Männer in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist. Dabei gibt es keine Altersgrenze. Eine Essstörung kann bereits im jungen Alter auftreten.

Die Essstörung wirkt sich bei Frauen negativ auf die Fruchtbarkeit aus. Sowohl bei krankhaften Über- und Untergewicht kann es zu einem dauerhaften Aussetzen der Menstruation, Amenorrhoe, kommen. Die Hormone sind nicht mehr im Gleichgewicht.

„Männer können grundsätzlich auch an allen Erscheinungsformen von Essstörungen erkranken“, teilt das Bonner Zentrum für Essstörungen mit. „Meist suchen sie viel seltener und noch später als Frauen das Gespräch mit Freunden, Ärzten oder Beratungsstellen.“ Essstörungen werden als „Frauenkrankheiten“ angesehen, was Männern das Eingeständnis nicht einfacher macht. Dabei gibt es auch eher männliche Formen von Essstörungen. Vom Adoniskomplex oder Muskelsucht sind vor allem Männer betroffen. Die Betroffenen sind auch hier unzufrieden mit ihrem Körper und versuchen durch exzessiven Sport, strenge Diäten und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln so viele Muskeln wie möglich aufzubauen. In einigen Fällen kommt es auch zu dem Missbrauch von Anabolika, die schwerwiegende gesundheitliche Schäden hervorrufen können.

Was passiert mit dem Körper?

Essstörungen können lebensgefährliche Schäden zur Folge haben. Daher ist es absolut notwendig, ein gestörtes Essverhalten schnell zu behandeln, um Folgeschäden zu vermeiden. Die schwerwiegendsten Komplikationen sind Untergewicht, Mangelernährung und Fettleibigkeit. Untergewicht ist lebensgefährlich. Es kann bei einem chronischen Verlauf zu Organschäden, Osteoporose und Unfruchtbarkeit kommen. Da Magersüchtigen meist die Einsicht fehlt und sie sich nicht therapieren lassen wollen, gehört die Magersucht zu einer der tödlichsten psychischen Erkrankungen.

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Was sollte man tun, wenn man bei Angehörigen eine Essstörung vermutet?

Meist sind Familienangehörige und enge Freunde die ersten, die die Anzeichen einer Essstörung wahrnehmen. Sie stehen in dem Spannungsfeld einerseits nicht die Beziehung zum Betroffenen zu gefährden und andererseits nicht tatenlos zuzusehen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt Angehörigen, das Gespräch mit der Person zu suchen. Dabei sollte nicht das Gewicht oder die Figur im Mittelpunkt stehen. Der Betroffene könnte dies als Vorwürfe wahrnehmen und sich dem Gespräch verweigern. Besser ist es, anzusprechen, dass sich der Betroffene zurückzieht und bedrückt oder gereizt erscheint. Man sollte ihm oder ihr klarmachen, dass man sich Sorgen macht. Im nächsten Schritt versucht der Angehörige, den Erkrankten dazu zu motivieren, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Sofern er oder sie das wünscht, kann man auch die eigene Hilfe anbieten, indem man Informationen heraussucht oder seine Begleitung zur Beratungsstelle anbietet. Die Angehörigen sollten sich dabei aber auch nicht vergessen. Vor allem nahe Familienmitglieder leiden mit. „Essstörungen werden von nahestehenden Personen meist als sehr belastend erlebt und sind oft mit Gefühlen wie Mitleid und Angst, aber auch Hilflosigkeit, Scham, Schuld und Wut verbunden“, teilt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit. Für Angehörige gibt es daher diverse Selbsthilfegruppen, in denen sie sich mit Menschen in der gleichen Situation austauschen können.

Kann man Essstörungen vorbeugen?

Ein gesundes Essverhalten beginnt im Elternhaus. Hier kommen die Kinder im Idealfall schon früh mit Lebensmitteln in Kontakt und können dabei helfen, sie zu ausgewogenen Mahlzeiten zu verarbeiten. Wichtig ist das gemeinsame Essen ganze ohne Ablenkung. Fernsehen sollte während des Essens tabu sein. Hat das Kind keinen Appetit mehr, muss es nicht aufessen. Am Esstisch haben Zwang, Belohnungen und Bestrafungen nichts verloren. Eltern leben ihren Kindern vor, wie man sich ernähren sollte. Sie sollten ihrem Nachwuchs ein gutes Vorbild sein, indem sie ein positives Körperbild prägen und sagen: „Du bist toll, so wie du bist!“

Für die Psyche der Mädchen und Jungs ist es sehr wichtig, dass ihre Meinung gehört wird. Kinder und Jugendliche sollen sich in eine Diskussion einbringen dürfen – und auch mal Kontra geben. Das stärkt das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein, das leider bei vielen, die unter einer Essstörung leiden, gering ausgeprägt ist. Zudem braucht ein junger Mensch ein verlässliches Umfeld, stabile Beziehungen zu Mutter und Vater und eigene Hobbys und Interessen.

Wo bekommen Menschen Hilfe, die von einer Essstörung betroffen sind?

Es gibt mittlerweile bundesweit ein gutes Netz aus Selbsthilfegruppen, ambulante Therapien, Tageskliniken und Wohngruppen, die auf das Thema krankhaftes Essverhalten spezialisiert sind. Der Hausarzt vermittelt Kontakte zu entsprechenden Hilfsangeboten. Er beurteilt auch, ob womöglich eine stationäre Therapie nötig wird. Das ist dann der Fall, wenn der Body Mass Index unter dem Wert 15 liegt, der Patient Abführmittel missbraucht und sehr häufig erbricht. Gerade bei Magersucht ist das Sterberisiko deutlich erhöht. Hier ist schnelle und effektive Hilfe erforderlich. Vorsicht ist auch geboten, wenn es bereits zu Selbstverletzungen gekommen ist oder der Betroffene Selbstmordgedanken geäußert hat.

Wie behandelt man Essstörungen?

Am Anfang steht die Ermittlung des Startgewichtes. Ärzte und Psychiater errechnen den Body Mass Index, der wichtige Anhaltspunkte dazu gibt, ob der Patient im Normbereich liegt oder unter- oder übergewichtig ist. Dazu werden Körpergröße und Gewicht zueinander in Relation gesetzt. Ist der BMI niedrig, spricht das für Magersucht. Hohe Werte deuten auf eine Binge-Eating-Störung hin. Nicht ganz eindeutig ist die Einordnung der Bulimie. Meist haben die Betroffenen Normalgewicht und liegen mit ihrem Body Mass Index also auch im mittleren Bereich. Der Mediziner, Hausarzt oder Internist, beobachtet den weiteren Verlauf. Er kontrolliert das Gewicht und überprüft die Laborwerte, um medizinische Komplikationen auszuschließen oder schnell behandeln zu können.

Die Hauptarbeit kommt auf die Betroffenen aber in der Psychotherapie zu. Da Essstörungen mit Verhaltensstörungen gleichzusetzen sind, muss die Seele beleuchtet werden. Das Mitteln der Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie. Hierbei lernen die Patienten beispielsweise alternativen Methoden zur Stressbewältigung. Stress gilt als ein häufiger Auslöser für Essattacken.

Wenn der Patient noch jugendlich ist, wird die Familie in die Therapie einbezogen. So können die Eltern, die oft der Essstörung hilflos gegenüberstehen, lernen, wie auch sie mit der Situation umgehen können. So gibt es vieles, was Familien vorbeugend tun können, um aus den Kindern starke und selbstbewusste Persönlichkeiten zu machen.

Ein weiterer Baustein ist die Ernährungstherapie. Der Therapeut bringt den Patienten bei, wie ausgewogene Mahlzeiten aussehen und wie man sich gesund ernährt.

Besteht die Essstörung schon über eine lange Zeit, kann es sinnvoll sein, zusätzlich einen Sozialpädagogen zu Rate zu ziehen. Er hilft den Patienten, sich in der Gesellschaft wieder zurecht zu finden. So kann er zum Beispiel eine wichtige Stütze bei der Wiedereingliederung in den Beruf beziehungsweise in den Klassenverbund sein.

Meist ist denjenigen, die an einer Essstörung leiden, bewusst, dass es so nicht weitergehen kann und dass sie unter ihrem Zustand leiden. Meist fehlt ihnen aber die Kraft oder Motivation, ihr Leben zu verändern. Andere wiederum würden sich nicht als krank bezeichnen. Aber gerade diese Krankheitseinsicht ist für eine erfolgreiche Behandlung der Essstörung immens wichtig. Nur wenn der Betroffene einsichtig ist, kann die Therapie gelingen.

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