Ernährung: Essen wir uns psychisch krank?

Was wir essen, hat nicht nur Einfluss auf die Anzeige auf unserer Waage. Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass fett- und zuckerreiches Essen auch seelisch krank machen könnte. Welche Auswirkungen haben Nährstoffe auf unsere Psyche?

Die Zahl psychisch kranker Menschen in Deutschland ist hoch. Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Oft nehmen die Betroffenen starke Medikamente ein, um das Leiden zu schmälern. Könnte ihnen statt durch Medikamente vielleicht auch durch eine gesündere Ernährung geholfen werden?

Was unglaublich klingt, ist Inhalt eines noch jungen Forschungszweigs: der Nutritional Psychology. Sie nimmt unter die Lupe, welche Auswirkungen Ernährung und Nährstoffaufnahme auf das psychische Wohlbefinden haben. Bislang wurde Ernährung allenfalls mit körperlichen Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Wer sich zum Beispiel dauerhaft hoch kalorisch und fettreich ernährt, der riskiert an Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck zu erkranken. Ernährungsforscher wie auch Kardiologen, Gastroenterologen oder Stoffwechselexperten haben deshalb ein gemeinsames Interesse daran, zu sehen, was durch den Magen und den Darm rutscht.

Suche nach Ernährungsfaktoren, die psychiche Leiden beeinflussen

Neuerdings suchen jedoch auch Psychiater unterhalb des Halses nach Ursachen für Probleme, die bislang ausschließlich dem Kopf zugeschrieben worden waren. Damit rücken Fragen in den Fokus, die noch vor einigen Jahren müde belächelt wurden: Kann eine ungesunde Ernährungsweise unglücklich und im äußersten Fall sogar depressiv machen?

Eine zunehmende Zahl an Studien deutet darauf hin. So zeigte eine Untersuchung aus Spanien an mehr als 10.000 Probanden, dass eine mediterrane Kost mit Omega-3-Fettsäuren das Depressionsrisiko um 30 Prozent senken kann.

Wie Omega-3 die Stimmung beeinfussen kann

Solche Ergebnisse zeigen, dass ungesättigte Fettsäuren, die in Seefisch wie Lachs, Hering oder Makrele stecken, nicht nur für das Gehirn wichtig, sondern auch der Stimmung zuträglich sein könnten. Davon ist auch Neurowissenschaftler Fernando Gómez-Pinilla von der University of California in Los Angeles überzeugt. Seine Erklärung: Die gesunden Omega-3-Fettsäuren sorgen für eine bessere Neuverschaltung der Nervenzellen und wirken so ähnlich wie moderne Antidepressiva, die die Produktion von Serotonin anregen. Es gibt Hinweise darauf, dass das sogar bei bipolaren Störungen oder Borderline-Störung helfen könnte.

Lange Zeit ging man davon aus, dass sich dieser Botenstoff ausschließlich im Hirn befinde. "Heute wissen wir jedoch, dass 95 Prozent des Serotonins im Körper in spezialisierten Zellen im Darm gespeichert ist", sagt Gastroenterologe Emeran Mayer. Er erforscht seit vielen Jahren an der University of California, wie Darm und Gehirn miteinander in Interaktion treten. Eine der Erkenntnisse: Die dafür verantwortlichen Zellen werden von unserer Ernährung beeinflusst, sagt Mayer und sind "eng mit den Sinnesnerven verbunden, die die Signale unmittelbar zurück in das Gehirnzentrum senden, das die Emotionen steuert".

Probiotika als Angstbremse?

Aus Tierexperimenten weiß man, dass Mäuse bei Veränderung der Darmflora auch ihre Stimmung veränderten und ängstlicher sowie scheuer wurden. "Es gibt mehrere Studien, die auch beim Menschen Auswirkungen von Probiotika auf Symptome von Depressionen und Angst zeigen", sagt Mayer im Gespräch mit unserer Redaktion. Jedoch sei die Datenlage zu schwach, ein echter Beleg sei das nicht. Mehr Informationen rund um das Thema Gesundheit finden Sie hier.

Daneben schreibt der Gastroenterologe dem Darm und seinen Mikroorganismen aus verschiedenen anderen Gründen die Fähigkeit zu, unsere Emotionen beeinflussen zu können. "Es gibt ziemlich gute Beweise für die Vorteile von mediterranen Diäten bei spezifischen psychiatrischen Erkrankungen", sagt er. Auch australische Wissenschaftler fanden dafür Hinweise. Sie verfolgten die Ernährungsweise und das Auftreten von Depressionen bei rund 1050 Frauen über zehn Jahre. Dabei kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass Menschen, die sich mit frischem Gemüse, Obst, Fisch und Vollwertprodukten ernährten, ein geringeres Risiko aufwiesen, an Depressionen zu erkranken. Auch eine mediterrane Ernährung, die durch Nüsse ergänzt wurde, senkte in einer Studie dieses Risiko.

Ernährung alleine macht nicht psychisch krank

Alleine Nahrungszusätze wie Folsäure oder Vitamin D könnten Linderung bringen. Davon ist Pharmakologe Uwe Gröber überzeugt: "Für die Psychiatrie und die Onkologie ist die Datenlage sehr gut", sagt er. Zwar schließt er aus, dass man alleine aufgrund seiner Ernährungsweise psychisch krank werden könne, dennoch könne man durch die richtige Ernährung zur psychischen Gesundheit beitragen.

Ein grundsätzliches Problem: Kommt es erst einmal zu einem Nährstoffmangel, kann man den oftmals nicht ohne weiteres über die Ernährung ausgleichen. "Beispiel Vitamin D: Ein Großteil der Bevölkerung ist mit Vitamin D unterversorgt", sagt Gröber. Es bildet sich in erster Linie in den Sonnenmonaten durch die Sonneneinstrahlung über die Haut. Nur in vergleichsweise geringem Maße kommt es in Nahrungsmitteln vor. "Um eine ausreichende Vitamin-D-Aufnahme sicherzustellen, müsste man beispielsweise zwei bis fünf Kilo Butter am Tag essen", sagt der Experte für Mikronährstoffe.

Mangelerscheinungen können zu Osteoporose führen und können Auswirkungen auf Blutdruck und das Diabetes-Risiko haben. Ältere Menschen mit Vitamin D-Mangel leiden häufiger unter kognitiven Beeinträchtigungen, Angst und Depressionen.

Diese Nährstoffe sollten Sie im Auge behalten

Für die psychische Gesundheit seien unter anderem Eisen, Vitamin D, Folsäure und Vitamin B12 relevant. Über das Blut lässt sich im Zweifelsfall im Labor ermitteln, ob die Werte im entsprechenden Bereich liegen. Ab Mitte 40 empfiehlt Gröber zudem die gelegentliche Überprüfung des Selen-Haushalts, des Omega-3-Wertes und des Vitamin-D-Spiegels. Dies komme vor allem der körperlichen Gesundheit zugute.

(wat)
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