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Bulimie: Ursache, Symptomen und Therapie der Essstörung

Bulimie : Ein Leben zwischen Kühlschrank und Toilette

Bulimie ist eine schwerwiegende Essstörung, um die sich das ganze Leben der Betroffenen dreht. Lesen Sie hier mehr zu Ursachen, Symptomen und Therapiemöglichkeiten.

Erst kommt die Essattacke, danach das schlechte Gewissen und die Angst, dick zu werden. Am Ende bringen sich die Betroffenen dazu, zu Erbrechen, missbrauchen Abführmittel oder treiben exzessiv Sport. Bulimie ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit hat.

Was ist Bulimie?

Bulimie ist eine Essstörung, die das Leben der Betroffenen gänzlich bestimmt. „Das Hauptsymptom einer Bulimie sind regelmäßige Essanfälle, bei denen große Mengen an Kalorien zu sich genommen werden“, erklärt Saskia Engelhardt, Suchtberaterin der Suchthilfe Aachen. „Betroffene haben dann das Gefühl, nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können und auch nicht kontrollieren zu können, was und wie viel sie essen.“ Aus Angst davor, dass sich die Essanfälle mit einer Gewichtszunahme rächen, greifen Menschen mit Bulimie zu drastischen Gegenmaßnahmen. Sie führen absichtlich das Erbrechen herbei, in dem sie mit den Fingern oder mit Gegenständen im Mund den Würgereflex provozieren. Daher spricht man umgangssprachlich von der Ess-Brech-Sucht.

Das Erbrechen ist ein häufiges Symptom der Bulimia nervosa, aber nicht die einzige Maßnahme gegen die ungewollte Gewichtszunahme. Betroffene treiben häufig exzessiv Sport und missbrauchen Abführmittel. An den Tagen, an denen sie ihre Essattacken unter Kontrolle haben, halten die Erkrankten eine strenge Diät ein, die sie aber nicht auf Dauer durchhalten können. Ihr Wunschgewicht liegt meist unterhalb dessen, was als gesund gilt. Bulimie-Kranke geraten durch ihr Essverhalten in einen Teufelskreis. Gerade weil sie hungern und Mahlzeiten weglassen, kommt es erst zu den extremen Heißhungerattacken. Durch den ständigen Wechsel zwischen extremes Essen und strenger Askese entwickelt sich ein Verlust des Sättigungsgefühls. Folge der Essattacken sind große Scham und Schuldgefühle. Erneut scheint das Erbrechen unumgänglich – die Spirale zieht sich immer weiter zu. „Alleine kommt man da nicht raus“, weiß Susanne Gronki, Sozialpädagogin des Bonner Zentrums für Essstörungen.

Symptome: Woran erkenne ich Bulimie?

Bulimie ist eine sehr komplexe Krankheit. Die Diagnose können nur Fachleute stellen. Betroffene, die das Gefühl haben, unter einer Essstörung zu leiden, sollten eine Beratungsstelle, einen Arzt oder einen Psychotherapeuten aufsuchen.

„Gleiches gilt für Angehörige, die sich um jemanden sorgen“, sagt Yvonne Michel von der Suchthilfe Aachen. Ein Anzeichen, das Angehörige wohl am besten deuten können, ist, wenn die Person sich immer mehr zurückzieht und Geselligkeit meidet. Bulimie-Kranke sind geübt darin, ihr gestörtes Essverhalten zu verheimlichen. Die Essattacken finden im Verborgenen statt, das Erbrechen erst recht. Dennoch könnte ein auffälliges Essverhalten an den guten Tagen ins Auge stechen. Betroffene achten penibel darauf, was sie essen, und zählen die Kalorien. Generell beschäftigen sie sich mehr mit dem Thema Essen, als Nicht-Essgestörte dies tun.

„Man spricht von einer Bulimie, wenn sich die Person über einen Zeitraum von mindestens sechs Wochen jeweils zweimal pro Woche übergibt“, erklärt Susanne Gronki vom Bonner Zentrum für Essstörungen.

Wer ist häufiger betroffen?

Magersüchtige entwickeln ihre Essstörung meist in jungen Jahren. Bulimie dagegen tritt häufig erst im späteren Jugendalter und im jungen Erwachsenenalter auf. Nach Statistiken der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind 0,5 bis 1,2 Prozent der Frauen im Alter von 12 bis 35 Jahren von Bulimie betroffen. Jungen und Männer sind deutlich seltener an Bulimie erkrankt. Im Alter von 13 bis 24 Jahren trifft diese Essstörung nur auf 0,1 bis 0,3 Prozent der männlichen Altersgruppe zu.

Werden beide Geschlechter zusammengefasst, häufen sich die Fälle vor allem in der Altersgruppe 15 bis 19 Jahren. In der Beratungspraxis gibt es aber auch durchaus Fälle, in denen die Erkrankten bereits im mittleren oder höheren Lebensalter sind. Essstörungen kennen grundsätzlich kein Alter. Statistisch gesehen aber sinkt die Wahrscheinlichkeit, eine Essstörung wie Bulimie zu entwickeln, mit zunehmenden Alter.

Was geht in jemanden vor, der Bulimie hat?

Bulimie-Kranke sind genau wie Menschen, die unter Magersucht leiden, mit ihrem Körper sehr unzufrieden. Ihr Selbstwertgefühl machen sie davon abhängig, was auf der Waage steht. Bis es zum ersten Mal zum Erbrechen kommt, machen die Betroffenen viele Krisen durch. Sie sehen keinen anderen Ausweg aus ihrer Scham über die extremen Essattacken. „Es gibt keine festen Regeln bei Bulimie“, sagt Susanne Gronki, Sozialpädagogin des Bonner Zentrums für Essstörungen. „Es gibt Menschen, die nach jeder Mahlzeit erbrechen. Andere seltener. Und dann gibt es die Bulimie-Kranken, die gar nicht erbrechen, sondern als Gegenmaßnahme sehr viel Sport treiben.“

Patienten mit Essstörungen wie der Bulimia nervosa planen die Nahrungsaufnahme sehr genau. Vor einem Essanfall kaufen sie häufig sehr viele Lebensmittel im Voraus ein, die dann nach einer speziellen Reihenfolge verzehrt werden. „Das schwer Verdauliche kommt zuerst. Kuchen und Eis oben drauf. Dazu trinken die Betroffenen viele verschiedene Getränke, was das Erbrechen erleichtern soll“, erklärt Susanne Gronki. Möglichst wenig von dem, was Bulimie-Kranke während ihrer Heißhungerattacken essen, soll verdaut werden. „Die Menschen finden das, was sie tun, sehr eklig. Das macht die Offenbarung sehr schwierig“, sagt Gronki. Der ganze Tag dreht sich darum, wann, wie und wo gegessen wird. „Essanfälle betäuben die Gefühle auf eine gewisse Art und gleichzeitig lösen sie starke Schamgefühle aus“, erklärt Saskia Engelhardt von der Suchthilfe Aachen. „Der tägliche Gang auf die Waage entscheidet darüber, wie der Tag wird.“

Auf den ersten Blick sind Bulimie-Kranke meist sehr angepasst. Sie sind erfolgreich in ihrem Beruf oder in der Schule und scheinen mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen. Im Inneren sieht es aber ganz anders aus. „Sie halten sich oft für Versager“, erklärt Gronki. „Und das Übergeben macht sie auch nicht gerade stolz auf sich.“

Was sind die Folgen von Bulimie?

Bulimie hat viele gesundheitliche Folgen. Vor allem das Erbrechen schwächt den Körper. Die Mundwinkel reißen ein. Die Zähne werden durch die aufsteigende Magensäure angegriffen. Wer häufig erbricht, spült ständig Magensäure in die Mundhöhle. „Bei an Bulimie Erkrankten kommt es zu Säureschäden, die zuerst an der Innenseite der Oberkieferzähne auftreten“, teilt die Initiative „proDente“ mit, eine Interessenvertretung deutscher Zahnärzte, Zahntechniker und der Dentalindustrie. Die Schäden bleiben erst unbemerkt. Ein erstes Anzeichen ist eine hohe Empfindlichkeit der Zähne bei kalten, sehr warmen und sauren Speisen. Im weiteren Verlauf der Bulimie-Erkrankung werden die Schneidekanten der Front- und Eckzähne beschädigt. Es bilden sich Mulden und die Schneidekanten verkürzen sich, weil der Zahnschmelz bei jedem Erbrechen mehr abgetragen wird. Diese Zahnschäden sind irreversibel.

Die Speiseröhre wird durch das regelmäßige Würgen und Erbrechen stark gereizt. In schweren Fällen kann es zu einer Magenruptur kommen. Das bedeutet, dass die Magenwand einreißt und blutet. Dies ist eine lebensgefährliche Komplikation, die operativ behandelt werden muss.

Des Weiteren können sich die Ohrspeicheldrüsen entzünden. Sie produzieren vermehrt Speichel und schwellen dadurch an. So kommt es zu den für Bulimie typischen Hamsterbacken. Das häufige Erbrechen bringt wie beispielsweise im Rahmen einer Magen-Darm-Infektion den Elektrolyt- und Wasserhaushalt durcheinander, weil Kalium, Magnesium und Calcium ausgeschwemmt werden. Das kann im schlimmsten Fall zu Herzrhythmusstörungen führen.

Viele Betroffene nutzen zudem Medikamente wie Abführmittel und harntreibende Mittel wie Entwässerungstabletten. Durchfall und schwere Verstopfungen können die Folge sein.

Der Mangel an Nährstoffen macht sich ebenfalls schnell bemerkbar. Häufig fallen die Haare aus und die Nägel werden brüchig. Betroffene können sich schlechter konzentrieren. Frauen und Mädchen, die unter Bulimie leiden, haben einen unregelmäßigen Zyklus. In machen Fällen bleibt die Menstruation aus.

Warum ist Bulimie gefährlich?

Bulimie ist eine psychische Erkrankung, die die Betroffenen gut verheimlichen können. Auf den ersten Blick ist die Ess-Brech-Sucht für einen Laien nicht erkennbar. Während bei Magersüchtigen das Untergewicht ins Auge fällt, bringen die meisten Bulimiker Normalgewicht auf die Waage. Zudem leben sie ihre Essattacken und das anschließende Erbrechen im Verborgenen aus. So kommt es, dass Betroffene erst nach Jahrzehnten eines Lebens mit der Erkrankung Hilfe suchen. „Es braucht in der Regel professionelle Hilfe, um gesund zu werden“, betont Yvonne Michel von der Suchthilfe Aachen. „Je länger die Erkrankung andauert, desto schwieriger wird es, wieder ein gesundes und geregeltes Essverhalten zu erlernen.“ Oft leiden Menschen mit einer Bulimie auch unter anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Ängsten, bei denen meist eine medikamentöse Behandlung notwendig ist. Die Essstörung kann diese Probleme verstärken.

Warum ist Bulimie eine Sucht?

Bei der Frage, ob Bulimie eine Sucht ist, gehen die Meinungen auseinander. „Eine Bulimie ist keine Sucht“, sagt Yvonne Michel von der Suchthilfe Aachen. „Essstörungen sind Erkrankungen, bei denen es aufgrund von seelischen Belastungen zu körperlichen, psychischen und sozialen Schäden kommt. Es wird dann von psychosomatischen Störungen mit Suchtcharakter gesprochen.“ Susanne Gronki vom Bonner Zentrum für Essstörungen würde Bulimie durchaus als eine Art Sucht bezeichnen: „Bulimie ist eine Sucht. Man muss davon ausgehen, dass sie sich steigert. Zu essen, ohne dick zu werden – dieser Gedanke kann süchtig machen.“ Die Erkrankung kann ein gutes Jahrzehnt unentdeckt bleiben. „Manche werden durch die Bulimie sehr arm, weil sie einen Großteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben“, berichtet Gronki. „Sie können ihr Verhalten nicht stoppen. Sie können sich einfach nicht regulieren.“

Welche Ursachen hat Bulimie?

Bei der Bulimie geht es nicht um einen vorübergehenden Schlankheitstick. Die Ursachen und Auslöser dieser Essstörungen liegen in der Tiefe der Psyche begründet. „Bulimie ist eine Art emotionaler Hunger, der sich körperlich ausdrückt“, erklärt Susanne Gronki. „Viele sagen in der Beratung, dass die Zeit des Essens die Zeit ist, in der sie nicht denken.“

Die Bulimie ist ein Versuch, Probleme zu verdrängen. Daher ist die Psychotherapie ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Heilung. Die Betroffenen müssen lernen, mit Konflikten gesund umzugehen, sich ihnen zu stellen und sie zu bewältigen. Zu diesen Problem können beispielsweise Gewalterfahrungen, Perfektionismus, Dauerstress oder der Verlust einer nahestehenden Person sein. Auch beginnende körperliche Veränderungen in der Pubertät können eine Bulimie auslösen.

Wo bekommen Betroffene Hilfe?

„Niederschwellige Hilfe finden Betroffene zunächst in einer Beratungsstelle“, sagt Marina Müller-Klösel, Sprecherin des Düsseldorfer Vereins „Werkstatt Lebenshunger“. „Hier erhalten sie Informationen und Entscheidungshilfen für weitere Behandlungswege.“ Je nach Schwere der Erkrankung wird eine ambulante oder eine stationäre Therapie empfohlen. Diese finden in psychiatrischen Kliniken, Spezialkliniken für Essstörungen und in jugendpsychiatrischen Kliniken statt. „Auch Selbsthilfegruppen können begleitend zur Therapie für Menschen mit Bulimie und für Angehörige ein wichtiges Element bei der Bewältigung der Krankheit darstellen“, betont Marina Müller-Klösel.

Wie wird Bulimie therapiert?

Eine Behandlung kann die Symptome der Bulimie lindern und auch eine Heilung erreichen. Die Patienten lernen in der Therapie, wie man sich normal und gesund ernährt. Ein wichtiger Bestandteil der Behandlung ist die Psychotherapie. Hierbei arbeiten die Betroffenen in Einzel- oder Gruppengesprächen ihre psychischen Probleme auf und lernen Strategien kennen, wie sie künftig Konflikte lösen und mit Stress umgehen können. Das Selbstwertgefühl wird wieder aufgebaut. In den meisten Einrichtungen arbeiten Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und Ernährungsberater eng zusammen. „Ziel der Behandlung ist es, dass die Betroffenen lernen, sich selbst zu akzeptieren und vor allem wieder normal zu essen“, sagt Yvonne Michel von der Suchthilfe Aachen. Je nach Schwere der Bulimie kann die Therapie ambulant, tagesklinisch oder stationär erfolgen.

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