Alkohol-Entzug: Behandlung, Folgen und Prognose

Volksdroge Alkohol : Wie verläuft ein Alkohol-Entzug?

Ein Bierchen nach Feierabend, ein Glas Wein zum Essen und ein Cocktail auf der Party - was ist schon dagegen zu sagen? Doch wer immer weiter und weiter trinken muss, der ist aller Wahrscheinlichkeit nach alkoholkrank und braucht Hilfe.

Eine Alkoholkrankheit entsteht nicht von heute auf morgen. Und genau deshalb ist sie so gefährlich. Alkohol ist eine Droge, an die man sich schleichend gewöhnt. Natürlich hat der übermäßige Genuss auch kurzfristige Folgen wie den Rauschzustand oder den Brummschädel oder den ausgewachsenen Kater. Das „Konterbier“, das einem am nächsten Morgen vermeintlich durch den Tag hilft, ist hingegen bereits ein Indiz für ein ernsteres Problem.

„Man darf sich keinerlei Illusionen hingeben. Eine Alkoholkrankheit kann man nicht heilen. Man muss stets daran arbeiten, stark zu bleiben", sagt Willi Klapper vom Blauen Kreuz in Solingen. Er leitet den Suchthilfeverband seit 30 Jahren und hat in dieser Zeit viele Betroffene kennengelernt.

Wann ist ein Alkohol-Entzug notwendig?

Wenn Konsumenten den unstillbaren Drang verspüren, zur Flasche zu greifen, Freunde und Familie vernachlässigen und ohne die Wirkung des Alkohols nicht mehr funktionieren - dann besteht der Verdacht auf ein Alkoholproblem. Der Körper benötigt den Alkohol, um seinen Dienst zu tun und das Gehirn belohnt den Süchtigen für jeden Schluck mit anhaltender Dopaminausschüttung. In diesem Fall ist eine Therapie notwendig, die sowohl körperliche als auch psychische Folgen für den Patienten hat und die nicht einfach ist. Grundlegend für den Erfolg ist der absolute Wille des Alkoholkranken, sich dem Problem und allem, was damit zusammenhängt, zu stellen.

Was passiert beim Alkohol-Entzug?

Um von den Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums loszukommen, steht zunächst die körperliche Entgiftung im Fokus. Erst danach können die psychischen Auswirkungen therapiert werden. Dennoch ist es unumgänglich, den Suchtkranken vom ersten Tag an zu begleiten und mit ihm gemeinsam zu ergründen, wie es überhaupt zu der Abhängigkeit kommen konnte. Je intensiver die Begleitung, desto höher die Erfolgschancen.

Wie äußern sich Alkohol-Entzugserscheinungen?

Viele Alkoholiker fürchten sich bereits vorab vor den drohenden Entzugserscheinungen. Und damit kann es bei körperlicher Abhängigkeit schon nach kurzer Zeit losgehen. Bereits vier bis fünf Stunden nach dem letzten Schluck Alkohol kann es zu Schweißausbrüchen, Unruhe und Nervosität kommen. Der Patient schläft schlechter, leidet unter Konzentrationsstörungen, Magenschmerzen und allgemeinem Unwohlsein. Mit fortschreitender Dauer des Entzugs können Krämpfe auftreten, im schlimmsten Fall kommt es zum Delirium tremens. Es treten epileptische Anfällen, unkontrolliertes Zittern, Angstzustände, Halluzinationen oder Bluthochdruck auf. Manchmal fällt der Patient ins Koma. Der Zustand kann bis zu vier Tage anhalten. Die Sterblichkeitsrate in dieser Phase bei 25 Prozent.

Wie lange haben Betroffene Entzugserscheinungen?

Ein Entzug kann nach einem Tag erledigt sein, aber auch eine Woche lang dauern. So lange muss man auch mit körperlichen Entzugserscheinungen rechnen. Allerdings treten auch danach psychischen Entzugserscheinungen auf. Dazu gehören Symptome wie Angst, Aggressionen, depressive Verstimmungen oder Verfolgungswahn. Wenn im Umfeld des Betroffenen häufig Alkohol konsumiert wird, ist die Gefahr eines Rückfalls besonders hoch. Festigung und Halt im sozialen Umfeld sind essenziell, um die psychische Entwöhnung erfolgreich abzuschließen. Viele Alkoholkranke nehmen aus diesem Grund Selbsthilfeangebote wie die der Anonymen Alkoholiker oder des Blauen Kreuzes wahr.

Was tun gegen Alkohol-Entzugserscheinungen?

Es gibt durchaus Alternativen zum abrupten „kalten“ Entzug. So kann man die Entwöhnung schrittweise angehen und den eigenen Konsum in Intervallen verringern. Hierzu bietet sich das Anlegen eines „Trink-Tagebuchs“ an, das dabei helfen soll, die konsumierten Alkoholmengen nachzuhalten. Eine gängige Therapieform ist der „warme Entzug“. Medikamente verhindern hierbei, dass allzu unangenehme Entzugserscheinungen auftreten. Zudem sollen Ängste gelöst werden. Der Vorteil für den Abhängigen liegt auf der Hand: Die Heilung der Alkoholsucht geht sehr viel sanfter vonstatten. Allerdings hat die Behandlung mit Medikamenten wie Clomethiazol, das in Verbindung mit Benzodiazepinen verabreicht wird, auch Nachteile. Denn auch diese Substanzen können zur Abhängigkeit führen. Auch ein „Turbo-Entzug“ unter Narkose, mit Medikamenten wie Naloxon oder Naltrexon kann eine Möglichkeit sein, seine Sucht loszuwerden. Die psychische Abhängigkeit bleibt allerdings weiterhin bestehen. Um dieser Gefahr zu begegnen, kommen vor allem Selbsthilfegruppen ins Spiel, die den Süchtigen teilweise für sehr lange Zeit Halt geben.

Selbsthilfegruppen bieten schnelle und persönliche Hilfe

Willi Klapper vom Blauen Kreuzes in Solingen rät: „Man sollte sich eine Gruppe suchen, die zu einem passt und sich dort austauschen. In den meisten Fällen vermitteln Entgiftungsstationen bereits den Kontakt zu Angeboten wie dem unsrigen.“ In der Selbsthilfegruppe tauscht man seine Erfahrungen aus und stützt sich gegenseitig. Für viele ist sie nichts weniger als eine Lebensversicherung. Klapper: „Die Menschen, die zu uns kommen, beschäftigt eine Frage: Wie schaffe ich es, nie wieder zur Flasche zu greifen. Es gibt Gruppenmitglieder, die 15 bis 16 Jahre bleiben. Manchmal werden sie dann doch wieder rückfällig. Es ist ein Kampf, der sehr lange dauert.“Um den oft verunsicherten Alkoholkranken die Scham zu nehmen, vereinbart der Gruppenleiter einen Erstkontakt. Personen, die zu diesem Termin schon angetrunken erscheinen, werden darauf hingewiesen, beim nächsten Mal nüchtern zu kommen. „Wir müssen unsere Mitglieder schützen. Wenn so etwas ein paar Mal passiert, dann folgt ein ernstes Vier-Augen-Gespräch mit dem Betroffenen, der im schlimmsten Fall nicht mehr zu uns kommen kann. Letztlich muss der Wille erkennbar sein, sich von der Sucht nach alkoholischen Getränken loszusagen. Die Absprungrate liegt bei gut zehn Prozent. Dann gibt es Fälle von trockenen Alkoholikern, bei denen es lange gut geht, die aber dann plötzlich und scheinbar unvermittelt wieder rückfällig werden. So etwas nimmt einen schon mit“, erklärt Klapper.

Warum kann es beim Alkohol-Entzug zu einer Psychose kommen?

Diplom Psychologe Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer ist Direktor der Salus Klinik, Fachklinik für Sucht und Psychosomatik. Er weiß: „Während des entzugsbedingten Deliriums kann es vorübergehend zu Halluzinationen und psychotischen Zuständen kommen. Dauerhafte Psychosen werden allerdings meist nicht erst durch den Entzug sondern den hohen Alkoholkonsum davor verursacht.“

Die Alkoholpsychose kann demnach als Phänomen schon beim unvorsichtigen Umgang mit großen Mengen Alkohol auftreten. Zudem bestehen beim Alkoholkranken selbst in vielen Fällen schon vorher Basissymptome für psychotische Erkrankungen. Manchmal sind diese Symptome auch der Auslöser für das abnorme Trinkverhalten, quasi die Medizin gegen die Psychose. Wenn dann plötzlich auf Alkohol verzichtet wird, kommt die psychische Erkrankung wieder ans Tageslicht. Man spricht auch von paranoider Psychose durch Alkoholentzug.

Welcher Arzt hilft beim Alkohol-Entzug?

Wenn Betroffene einen guten Kontakt zum Hausarzt haben, dann ist dieser Mediziner der erste Ansprechpartner. Auch wenn die meisten Allgemeinmediziner keine Fachleute auf dem Gebiet der Suchterkrankungen sind, so ist das Vertrauen zwischen Arzt und Patienten ein entscheidender Faktor. Der Hausarzt kann zunächst mit dem Kranken gemeinsam erörtern, seit wann das Alkoholproblem besteht und wie es den Alltag beeinflusst.

Die weitere Strategie und eine medikamentöse Behandlung sollten von Arzt und Patient gemeinsam besprochen werden, auch wenn am Ende natürlich eine professionelle Therapie steht. Zu Beginn geht es jedoch darum, das Selbstwertgefühl des Patienten zu steigern und zu verhindern, dass der Alkoholkonsum weiterhin Mittelpunkt des Alltags ist. Auch der weitere Verlauf der Entgiftung und die Folgen sollten beim ersten Gespräch mit dem Hausarzt besprochen werden.

Warum sollten Betroffene zum Alkohol-Entzug eine Klinik aufsuchen?

Ob man den Alkoholentzug ambulant oder stationär angeht, hängt stark von der körperlichen und mentalen Verfassung des Patienten ab. Wenn es dem Alkoholkranken an Unterstützung durch ein stabiles Umfeld fehlt und vorherige Entgiftungen erfolglos waren, dann ist eine stationäre Behandlung in einer Entzugsklinik unumgänglich.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Thema Alkohol.

Foto: Shutterstock.com / AndreyCherkasov

Dort geht es zunächst um den körperlichen Entzug und dessen fachkundige Begleitung, um die negativen Begleiterscheinungen und Alkoholentzug-Symptome möglichst gering zu halten. Der Vorteil am Entzug in einer Klinik: Begleiterscheinungen wie Delirium, Herz-Kreislauf-Probleme oder Krämpfe können dort umgehend medizinisch vom Fachpersonal versorgt werden.

Hier geht es zur Infostrecke: So entkommen Sie der Sucht - 10 Tipps zum Alkohol-Entzug

(MI)