Tipps von der Psychologin: Wie Sie Ihr Urlaubsgefühl in den Alltag retten

Interview mit einer Psychologin : Wie Sie Ihr Urlaubsgefühl in den Alltag retten

Die Ferien neigen sich ihrem Ende zu. Viele Arbeitnehmer haben das Gefühl, die Erholung hält nicht lange genug an. Wir haben eine Psychologin gefragt, wie man das Urlaubsgefühl noch ein bisschen länger konserviert.

Erholung ist das Heilmittel für die gestresste Gesellschaft. Vor allem die Sommerfrische ist für viele Arbeitnehmer der wichtigste Zeitpunkt im Jahr für Stressabbau und Entspannung. Doch was tun, damit die Entspannung möglichst lange vorhält? Darüber haben wir mit der Psychologin Jo Annika Reins gesprochen. Sie untersucht, wie man mit Hilfe der App „Holidaily“ fürs Smartphone den Urlaubseffekt verlängern kann. Der Name ist Programm. Reins Ansatz ist es, jeden Tag kleine Erholungsmomente zu schaffen.

Es ist Montag, die Ferien sind fast zu Ende, vor allem die Kollegen mit schulpflichtigen Kindern kehren nach und nach aus dem Urlaub zurück. Wie kommt man am besten wieder in den Arbeitsrhythmus?

Jo Annika Reins Da gibt es ein paar Tipps. Zum Beispiel kann man den Arbeitsanfang auf die Mitte der Woche legen. Dann ist die erste Arbeitswoche nicht so lang und das Wochenende schon in Sicht. Den ersten Arbeitstag nach dem Urlaub sollte man frei von Terminen und Meetings halten. Stattdessen sollte man seine E-Mails oder die Schreibtischablage von neu nach alt sortieren, damit man sich nicht mit Dingen aufhält, die sich längst erledigt haben.

Der ein oder andere neigt dazu, dem Urlaub noch nachzuhängen. Wie schafft man es, sich mental auf den Arbeitsbeginn zu fokussieren?

Reins Grundsätzlich ist es gut, wenn man sich an den Urlaub erinnert. Das konserviert das Urlaubsgefühl. Aber Tagträume oder Gespräche über den Urlaub sollte man eher auf die Kaffeepause verlegen. Man kann sich zum Beispiel ein Getränk mitbringen, das man im Urlaub immer getrunken hat oder den Kollegen Fotos zeigen.

Helfen Erinnerungen wirklich, das Erholungsgefühl zu verlängern?

Reins Ja, denn es geht ja darum, gute Gewohnheiten aus dem Urlaub in den Arbeitsalltag zu übernehmen. Das Ziel unserer Studie ist: jeden Tag kleine Erholungsmomente zu erleben. Die Erfahrungen aus dem Urlaub sind da hilfreich. Man kann sich zum Beispiel Kräuter oder Gewürze aus dem Urlaubsland mitbringen oder Rezepte aus dem Urlaubsland kochen. Gerüche oder Musik lösen starke Erinnerungen aus. Beides hilft, die Urlaubserfahrung möglichst lange lebendig zu halten.

Wie lange hält die Erholung denn wirklich vor?

Reins Das ist unterschiedlich. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Urlaubseffekt meist bereits nach zwei Wochen verflogen ist und Arbeitnehmer sich dann schon wieder genauso urlaubsreif wie vor dem Urlaub fühlen. Manch einer hat das Gefühl sogar schon am ersten Arbeitstag. Oft kommen die Aufgaben dann geballt. Das kennt jeder. Das Ziel unserer App ist es, dass die Erholung nicht schon nach wenigen Tagen verfliegt. Dazu machen wir jeden Tag drei Vorschläge für erholsame Aktivitäten.

Wie gehen Sie vor?

Reins Unsere Maßnahmen beschränken sich nicht auf die Zeit nach dem Urlaub. Die Erholung fängt schon vor dem Urlaub an. Man sollte sich gut auf die Auszeit vorbereiten und zum Beispiel mit dem Arbeitgeber klären, ob oder wenn ja wie man im Urlaub erreichbar ist. Die Bedürfnisse sind unterschiedlich: Manche brauchen den Abstand, manche können sich erst erholen, wenn sie das Gefühl haben, trotzdem auf dem Laufenden zu sein. Während des Urlaubs geht es darum, Spaß zu haben, aus der eigenen Komfort-Zone herauszukommen, etwas mit Menschen zu unternehmen, die einem wichtig sind. Nach dem Urlaub geht es uns darum, die Erinnerung zu bewahren und verträglich wieder in den Arbeitsalltag zu starten.

Muss man eigentlich wegfahren, um sich gut zu erholen?

Reins Unsere Studie zeigt, dass das keinen Unterschied macht: Es gibt viele, die in den Ferien zu Hause bleiben. Es kommt dabei darauf an, seine Alltagsroutinen zu unterbrechen. Die Zeit zu Hause also tatsächlich als Urlaub zu gestalten, sich zum Beispiel Zeit für andere Menschen zu nehmen, seine Umgebung bewusst zu erkunden und zu genießen.

Gibt es so etwas wie nachhaltige Erholung?

Reins Wir arbeiten mit einem Modell, das sechs verschiedene Faktoren berücksichtigt: Gedanklichen Abstand, körperliche Entspannung, Selbstbestimmung, Herausforderung, Verbundenheit mit anderen und so etwas wie die Bedeutung des eigenen Tuns. Also die Frage, hat es Sinn, was ich gerade tue? Diese Faktoren werden je nach Phase, also vor, während oder nach dem Urlaub unterschiedlich betont. Für ein ausgewogenes und nachhaltiges Erholungsgefühl ist das wichtig.

Es heißt ja immer, drei Wochen sind nötig, um sich richtig zu erholen. Stimmt das?

Reins Unsere vorläufigen Studienergebnisse können das so nicht bestätigen. Auch ein Kurzurlaub wirkt erholsam. Wir empfehlen, regelmäßig übers Jahr verteilt Erholungsphasen einzuplanen, um sich zu besinnen. Und zusätzlich jeden Tag kleine Entspannungsmomente zu etablieren.

Psychologin Jo Annika Reins (35). Foto: Leuphana-Universität/Reins

Jo Annika Reins (35) koordiniert das Forschungsprojekt „Holidaily“ an der Leuphana-Universität in Lüneburg. Über die App „Holidaily“ sollen die Teilnehmer der Studie lernen, wie man den Erholungseffekt verlängern und Erholungsmomente auch im Alltag erleben kann.

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