Die Medizin wird weiblicher

Mehr Studentinnen, mehr Angestellte : Die Medizin wird weiblicher

Von wegen Männerfach: Immer mehr Frauen studieren Human- und Zahnmedizin – und immer mehr Ärztinnen arbeiten mit flexiblen Zeitmodellen als Angestellte.

Nein, dem Kranken hilft das ganz und gar nicht, wenn eine Ärztin an seinem Bett steht. Nutzen für die deutschen Hochschulen und die Wissenschaft erwächst von einer Frau im Weißkittel auch nicht – und das ärztliche Ansehen sinkt ebenfalls.

Mit diesen banalen, aber holzhammerhart vorgetragenen Argumenten versuchte der deutsche Ärztetag vor genau 120 Jahren in Wiesbaden die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium zu verhindern. Doch der Widerstand der ärztlichen Standesvertreter erwies sich als zwecklos. Frauen durften studieren, durften approbiert und promoviert werden. Gewiss scheint der lange Arm der Männer mit Stethoskop ungebrochen mächtig – wenn es nämlich um Frauen in Chefarztpositionen geht. Gleichwohl steigt der Anteil von Frauen in der Medizin unaufhörlich. Wird die Medizin der Zukunft weiblich sein?

Das Fach Humanmedizin studieren deutlich mehr Frauen als Männer

Noch vor ein paar Jahren machten Frauen fast zwei Drittel aller Studierenden im Fach Humanmedizin aus. Diese Zahl hat sich auf stabile 61 Prozent eingepegelt. Immer mehr Frauen als Männer wollen Arzt werden. Im Jahr 2000 hatte der Frauenanteil bei 53 Prozent gelegen.

Der Zuwachs der Frauen liegt aber nicht unbedingt an einem gesteigerten weiblichen Interesse am Arztberuf, es sinkt ja auch der Anteil von Männern, die Ärzte werden wollen. Prestige und Einkommen sind dramatisch gesunken, und sogar die Position eines Chefarztes ist nicht unbedingt mehr erstrebenswert, weil der Dreiviertelgott von damals heute vielerorts nur ein leitender Angestellter ist, dem die Geschäftsführung und das Controlling das Leben eher schwerer als leichter machen. Zielgespräche sind geeignete kommunikative Hebel, mit dem die Verwaltungsleute höhere Erlöse bei sinkendem Personalstand einfordern.

Selbst wenn solche Interna nicht zum Allgemeinwissen zählen: Die (männlichen) Abiturienten sehen, dass der Arztberuf sein Image verloren hat. Allgemeinmediziner möchte ohnedies kaum noch jemand werden: zu geringe Einnahmen bei zu hoher Verantwortung. Dann lieber Facharzt mit überschaubarem Zuständigkeitsprofil.

In diese Bresche springen nun Frauen, die allerdings berufs- und standespolitisch gegenüber den Männern noch viel aufzuholen haben. Sie sind aber auch traditionell weniger erpicht auf Standeszeichen wie ein hohes Einkommen. Für ein saftiges Gehalt und die Aussicht auf Karriere arbeiten Männer gern lang und viel, auch in der Forschung. Frauen setzen andere Prioritäten: Für sie sind geregelte Arbeitszeiten, auch in Teilzeitmodellen, deutlich wichtiger; zudem ist ihnen ein erfüllender, beglückender Beruf lieber als ein finanziell lukrativer.

Immer mehr Ärztinnen arbeiten im Angestelltenverhältnis

Wie die Deutsche Apotheker- und Ärztebank neulich vorgerechnet hat, ist der Anteil von angestellten Ärztinnen seit dem Jahr 2000 stark gestiegen. Lag er damals noch bei 36 Prozent (gegenüber 64 Prozent männlichen Angestellten), so ist er mittlerweile auf 48 Prozent gestiegen. Das hat unterschiedliche Gründe. Vor allem haben sich Arbeitgeber (zumal Krankenhäuser) angesichts des verheerenden Ärztemangels zu Arbeitszeitmodellen durchringen müssen, die früher nur schwer zu erstreiten waren. Von diesen Modellen profitieren Frauen besonders.

Andererseits sind Frauen häufig auch durchs Medizinstudium und entsprechendes Coaching orientierter und zielbewusster. Über Jahrzehnte war es keine Seltenheit, dass Studentinnen im Praktischen Jahr (PJ) im Gegensatz zu ihren männlichen Kommilitonen keine präzise Vorstellung von ihrer späteren ärztlichen Spezialisierung hatten. Das hat sich deutlich geändert.

Nicht geändert hat sich die Tatsache, dass viele junge Frauen allein durch ihren deutlich besseren Numerus clausus gleichsam automatisch ins Medizinstudium gespült werden – nach dem Motto: Wenn du schon 1,1 hast, dann studier halt auch Medizin! Früher brachen aber deutlich mehr Frauen als heute ihr Studium ab oder widmeten sich nach der Approbation vornehmlich ihren Familien. Längst schaffen es viele Frauen, Beruf und Familie durch ökonomisches Zeitmanagement zu vereinbaren.

Ob das in einer Klinik oder einer Praxis besser gelingt, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Praxis gewährt fraglos größere Freiheiten, ist aber auch mit erhöhter Verantwortungslast verbunden. Manche Klinik dagegen schneidert einer jungen qualifizierten Ärztin, die daheim zwei Kinder zu versorgen hat, ein Arbeitszeitmodell schier auf den Leib, nur damit sie überhaupt kommt. Für Klinik und Praxis gilt: Möglichkeiten der gesetzlich geregelten Unterstützung – etwa durch eine Befreiung vom Bereitschaftsdienst – gibt es überall.

Junge Ärztinnen treten selbstbewusster auf

Schaut man sich die Personallisten großer Kliniken an, so liegt die Zahl der Chefärztinnen weiterhin zwischen zehn und 13 Prozent. Andererseits ist die Zahl bei den Neuberufungen deutlich höher. Man könnte sagen: Den alten Männerrunden geht es ans Fell. Das hat damit zu tun, dass immer mehr Frauen alte „männliche“ Eigenschaften positiv verinnerlicht und veräußerlicht haben: Sie treten fordernder auf, sprechen mit ihren Chefs klare Regularien ab, wann und wie oft sie beispielsweise in den OP dürfen. Sie sprechen auch schon früh die Möglichkeit zur Forschung oder gar zu einer Habilitation an. Und sie reüssieren auch häufiger in männlichen Domänen. Früher mündete ein weibliches Medizinstudium gern automatisch in der Augen- oder HNO-Heilkunde, der Neurologie, der Dermatologie, der Gynäkologie, angeblich weichen Fächern. Das hat sich gewandelt. Die Zahl etwa der Herzchirurginnen in Deutschland ist ermutigend gestiegen.

In der Ärztezeitung wurde kürzlich ein Parameter identifiziert, der Frauen in Studium und Beruf das Leben angeblich leichter und die Karriere sicherer mache: „viriles Selbstbewusstsein“. Die Formulierung (Frauen sollten bewusst „männlich“ oder „maskulin“ auftreten) ist irritierend, wird aber durch die Realität bestätigt: Wer bei einer Bewerbung am Ende der Fahnenstange übrig geblieben ist und einen Posten als Chefärztin oder gar Klinikdirektorin ergattert hat, der hat etliche Stolpersteine aus dem Weg räumen und diverse Konkurrenten ausstechen müssen. Kurios ist, dass Männern solche Fähigkeiten stets als zielstrebig, Frauen aber als verbissen ausgelegt werden.

Ärztinnen sind nicht selten gründlicher in der Diagnostik

Sehr spezifische weibliche Kompetenzen gab es in der Medizin schon immer, aber sie werden heute gerade auch unter Haftungskriterien stärker wahrgenommen. Bei der Fahndung nach der Ursache einer diffusen Krankheit können Frauen als Diagnostiker hartnäckiger sein als Männer, sie machen einen Befund wasserdicht und runden ihn mitunter durch erweiterte, zuweilen auch aufwändige Diagnostik ab. Männer im Arztberuf verlassen sich oft auf ihre Erfahrung, auf die erste Intuition (die ja oft auch die richtige ist). Aber gerade weil Frauen befürchten, ihnen werde die Kompetenz abgesprochen, sichern sie eine Diagnose und ihr weiteres ärztliches Vorgehen nicht selten nach allen Seiten ab.

Fürs Budget kann das manchmal von Nachteil sein, für den Patienten auch lästig, für dessen Heilung aber unbedingt von Vorteil.