Die Immunabwehr - ewiger Kampf im Verborgenen

Die Immunabwehr - ewiger Kampf im Verborgenen

Rund um die Uhr, ein Leben lang, arbeitet unser Immunsystem gegen unerwünschte Eindringlinge. Aber wie? Helfer rackern an vielen Fronten und lernen bei jedem Infekt dazu.

Die Stunde null beginnt mit der Durchtrennung der Nabelschnur. Ab diesem Moment ist der Kampf eröffnet. Erreger aller Arten - Bakterien, Viren, Pilze - bombardieren fortan unseren Organismus. Was also tun? Wie sich schützen gegen unliebsame Eindringlinge? Wie unterscheiden zwischen Freund und Feind? Ein ausgeklügeltes System sorgt für die richtige Balance zwischen Gut und Böse. Und greift ein, wenn doch mal was schiefgeht: die Immunabwehr.

Nestschutz Neugeborene profitieren von einem Vorteil, den Mutter Natur ihnen mit auf den Weg gibt: Sie leihen sich fürs Erste die Immunabwehr der Mutter. Aus dem Nabelschnurblut bekommen Babys den Antikörper-Mix, den diese im Laufe ihres Lebens aufgebaut hat. Je mehr Impfungen bzw. Infekte die Mutter bekommen und erfolgreich abgewehrt hat, je besser ist die Starthilfe.Die ersten Wochen und Monate zehrt das Neugeborene vom Antikörper-Fundus der Mutter, verbreitete Alltags-Viren können ihm in der Regel nichts anhaben. Dieser Nestschutz lässt aber schon nach den ersten Lebenswochen langsam nach. Daher beginnt der kindliche Körper früh mit dem Aufbau der eigenen Immunabwehr. Mit jedem neuen Erreger, den er kennenlernt, trainiert seine Abwehr und wird stärker. Denn nur durch den Kontakt mit Bakterien, Viren und Pilzen kann der Körper lernen, wogegen er künftig kämpfen soll. Die ersten Impfungen, etwa gegen Keuchhusten, Diphterie und Tetanus, helfen dabei.

Die ausgereifte Immunabwehr stützt sich auf zwei starke Säulen, die eng zusammenarbeiten und dabei ganz unterschiedliche Aufgaben übernehmen: die angeborene und die erworbene Abwehr. Beide Systeme bestehen aus Zellen ("zelluläre Abwehr") und löslichen Stoffen ("humorale Abwehr"). Aber auch die körpereigenen Schleimhäute, etwa der Säureschutzmantel der Haut, die Darmschleimhaut, Speichel, Tränenflüssigkeit oder die Magensäure bilden erste wirksame Barrieren gegen unliebsame Eindringlinge.

Die angeborene Immunabwehr

Sie ist schnell und greift einfach alles an, was der Körper als fremd erkennt: die sogenannten Antigene. Daher heißt sie auch unspezifische Immunabwehr. Wenn durch eine Wunde zum Beispiel Bakterien eindringen, reagiert die erste Abwehrfront sofort: Fresszellen (Makrophagen), eine spezielle Unterart weißer Blutkörperchen, sind die Ersten am Ort des Geschehens. Angelockt durch Botenstoffe wandern sie durch das Gewebe zum Infektionsherd. Dort fressen sie die Bakterien auf, indem sie sich diese zunächst komplett einverleiben und dann "verdauen".

Eine andere Sorte von Makrophagen hat sich auf schädliche Substanzen wie etwa Teer spezialisiert. Virusinfizierte Zellen und Tumorzellen erregen die Aufmerksamkeit von Killerzellen. Ihre Kampfstrategie: Sie durchlöchern infizierte Zellen, sodass diese absterben und die Viren sich nicht weiter vermehren können. Angelockt werden Fress- und Killerzellen durch verschiedene Mechanismen: Dies können chemische Botenstoffe sein oder spezielle Oberflächenmerkmale auf dem Erreger, die ihn als als Antigen markieren.

Anzeichen einer solchen ersten Abwehrreaktionen merken wir zum Beispiel durch ein leichtes Krankheitsgefühl, Schwellungen, Rötungen oder schmerzende Lymphknoten. Auch Fieber kann dazugehören. Dann wissen wir: Das Immunsystem arbeitet! Reichen diese ersten, unspezifischen Abwehrmechanismen nicht aus, um die Erreger vollständig auszumerzen, kommt die zweite tragende Säule ins Spiel:

Die erworbene (adaptive) Immunabwehr

Sie kommt zwar langsamer in Schwung, ist dafür aber spezifisch auf bestimmte Erreger zugeschnitten. Und sie merkt sich, mit wem sie es bereits zu tun hatte. Bei einer wiederholten Infektion mit dem gleichen Antigen erfolgt die Immunantwort dann effektiv und schnell. Hauptdarsteller der erworbenen Immunantwort sind T-Lymphozyten: weiße Blutkörperchen, die in der Thymusdrüse zu Spezialkräften heranreifen. Diese T-Zellen patroullieren fortan durch unsere Blut- und Lymphbahnen. Bis sie zu "ihrem" Antigen gerufen werden. Dies geschieht so: Auf ihrer Oberfläche tragen die T-Zellen individuelle Rezeptoren. Diese passen wie ein Schlüssel nur in ein bestimmtes Schloss - dies ist das dazugehörige Antigen, welches der Erreger auf seiner Oberfläche mit sich herumträgt. Zusätzlich schüttet der Fremdling den Botenstoff Interleukin 1 aus, der "seine" T-Zellen anlockt.

Passt dann der Schlüssel ins Schloss, dockt also der T-Zell-Rezeptor an sein Ziel-Antigen an, ist dies der Startschuss, an die Arbeit zu gehen: Die T-Zelle beginnt sich rasant zu vermehren. Sie teilt sich und bildet dabei weitere Arbeitskollegen aus:

T-Helferzellen: Sie erkennen das spezielle Antigen und aktivieren ihrerseits

Zytotoxische T-Zellen: Sie agieren wie Killerzellen und sind spezialisiert auf die Virenabwehr.

T-Gedächtniszellen: Sie merken sich die einmal gelernte Immunreaktion. Bei einem späteren Zweitkontakt mit dem gleichen Antigen ermöglichen sie so eine schnelle und gezielte Abwehrreaktion.

T-Suppressorzellen: Sie sind die Kontrolleure der gesamten Immunantwort. So verhindern sie eine ungehemmte Dauerreaktion, indem sie die Ausschüttung der entsprechenden Botenstoffe je nach Bedarf anregen oder hemmen.

Als ob das nicht alles schon kompliziert genug wäre, dürfen weitere unentbehrliche Helfer nicht unerwähnt bleiben: B-Lymphozyten, die in großer Menge Antikörper bilden können. Im Knochenmark ("bone marrow") werden sie für das Aufspüren eines bestimmten Antigens trainiert, bevor sie in die Lymphbahnen entlassen werden. Ihre Initialzündung, an die Arbeit zu gehen, ist ebenfalls die Bindung an das passende Antigen: Dann werden aus B-Zellen massenhaft Antikörper-produzierende Plasmazellen.

Richtig zur Ruhe kommt das Immunsystem nie. Im Idealfall merken wir nur nichts von seinem ewigen Kampf im Verborgenen - und bleiben gesund.

(RP)