Glück wird im Gehirn gemacht Die Happymacher

Düsseldorf · Wie werden wir wieder glücklich? Die Hirnforschung erweist: Gebe es das Glück nicht, der Mensch hätte nichts, wonach es sich zu streben lohnt. Zufriedenheit hingegen wird ihm in die Wiege gelegt.

Glück ist - ein Trick. Der wohl wunderbarste, den die Natur sich hat einfallen lassen, um den Menschen dazu zu bringen, das zu tun, was sie von ihm verlangt. Sich fortzupflanzen beispielsweise. Würde Sex keine Freude bereiten, keiner würde ihn haben wollen. "So aber drängt der Mensch nach dem rauschhaften Glück des Orgasmus. Und sichert damit den Fortbestand der Menschheit", sagt Gerhard Roth, Direktor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen und Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs in Delmenhorst.

Der Stoff, aus dem die Freude ist, wirkt im Gehirn

Glück ist - unser schönster Antrieb. Strebte der Mensch nicht nach Glück, er würde keinen Handschlag machen, hätte keine Interessen und auch keine Ziele, die es zu verfolgen sich lohnt. So aber setzt ihn die Aussicht auf befriedigende oder lustvolle Momente in Bewegung. "Unser Verhalten wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, dass wir Dinge tun, für die wir belohnt werden, oder die uns zumindest eine Belohnung verheißen", erklärt Roth.

Glück ist - Neurochemie. Woran wir Freude haben, eine Fuge von Bach, ein Himbeereis mit Sahne oder ein Waldlauf, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Nicht aber die Stoffe, aus denen Freude gemacht wird. "Die so genannten Neutransmitter, Neuropeptide und Neurohormone im Gehirn vermitteln unsere Glücksgefühle", sagt Roth. Allein der Gedanke an ein freudiges Ereignis - den Kinobesuch am Abend, einen Sieg von Borussia Mönchengladbach, das Wiedersehen mit einem, den man liebt - stimuliert das Belohnungssystem in unserem Gehirn, das mehrere Gebiete umfasst. Dort, ziemlich genau im Zentrum unseres Kopfes, schütten dann Nervenzellen den Neurotransmitter Dopamin aus. "Er ist kein Glücksstoff an sich", erklärt Roth, "er verspricht uns das Glück."

Dopamin treibt uns dazu, die Haare zu waschen, die Zähne zu putzen und zum Rendez-vous zu erscheinen, ins Konzert oder Fußballstadion zu gehen. Auch Genussmittel und Drogen wie Kaffee, Nikotin oder Kokain fördern - direkt oder indirekt - die Freisetzung von Dopamin, was ihre anregende Wirkung erklärt. Dagegen fühlen sich Patienten, die an Dopamin-Mangel leiden, schlaff, antriebslos und niedergeschlagen.

Halten wir das Glück erst in Händen, den Nobelpreis etwa oder einen Ehering, setzt das Belohnungszentrum unsere körpereigenen Opiate frei. Biochemisch gleichen sie Morphium, Opium und Heroin, die allerdings um ein Vielfaches stärker wirken. Die natürlichen Happymacher gelangen in die Großhirnrinde, wo sie an Rezeptoren andocken. "Dabei gilt: Je intensiver das momentane Glücksgefühl, desto schneller klingt es ab", meint Roth, "und je häufiger sich ein euphorisierendes Ereignis wiederholt, um so mehr verliert es von seiner Kraft." Das gilt selbst für das größte Glück, nämlich dem Tod entronnen zu sein.

Warum? Die Opiat-Rezeptoren gewöhnen sich offenbar schnell an die Glücksbringer. Das verkürzt den großen Rausch. Auch ein weiteres freudiges Erlebnis ganz anderer Art kann ein zuvor erlebtes Stimmungshoch nicht mehr wesentlich steigern oder auch nur an dieses heranreichen. Der Mensch hat sich erst einmal "ausgefreut". Mit zunehmenden Alter werden auch die Momente der Ekstase seltener, weil die Rezeptoren abstumpfen, das gesamte Belohnungssystem im Gehirn mit dem Körper ermüdet. Hinzu kommt die Erfahrung der gelebten Jahre, die unsere Glückserwartung dämpft. Da ist es nur gerecht, dass auch die Augenblicke großer Angst oder Beschämung im Alter seltener werden.

Glück - ist flüchtig. Zufriedenheit aber bleibt, unberührt von Alter und Erfahrung, ja selbst von Lebensumständen. Das belegen zahlreiche Untersuchungen von Meinungsforschern. Obgleich sich die Verhältnisse in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren erheblich verbessert haben, liegt der Anteil der Menschen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, nach wie vor bei 30 Prozent. "Zufriedenheit ist angeboren", urteilt Hirnforscher Roth. Der eine komme leicht positiv gestimmt zur Welt, der andere leicht negativ veranlagt.

Vom Serotonin verwöhnt

Dieser genetisch vorgegebene Blick auf die Welt macht unser Temperament aus, den Kern unseres Charakters. Frühkindliche Erfahrungen bauen darauf auf und formen die Persönlichkeit. Das erklärt, warum einer, den das Schicksal verwöhnt, unzufrieden ist, der andere aber, den das Leben beutelt, seine Heiterkeit nicht verliert.

Dopamin stachelt uns an, unser Glück zu suchen. Dagegen beruhigt uns der Neurotransmitter, der Zufriedenheit auslöst: das Serotonin. "Lehn' dich zurück, du bist satt, keiner bedroht dich", funkt es in unserem Hirn. Die von Geburt an heiteren Naturen werden also vielleicht nicht vom Schicksal, wohl aber vom Serotonin verwöhnt. Zufriedenheit in die Wiege gelegt zu bekommen - das ist sicherlich das größte Glück.

(RPO)
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