1. Leben
  2. Gesundheit

Deutsche mögen keine Zahnseide

Deutsche mögen keine Zahnseide

Die Amerikaner benutzen den dünnen Faden regelmäßig – hierzulande hingegen sind es nur wenige. Dabei ist er hilfreich bei der Entfernung von Belägen aus den Zahnzwischenräumen. Zahnärzte empfehlen daher, dass sich die Benutzer professionell in die Anwendung einweisen lassen.

Die Amerikaner benutzen den dünnen Faden regelmäßig — hierzulande hingegen sind es nur wenige. Dabei ist er hilfreich bei der Entfernung von Belägen aus den Zahnzwischenräumen. Zahnärzte empfehlen daher, dass sich die Benutzer professionell in die Anwendung einweisen lassen.

Laut archäologischen Gebissfunden sollen schon unsere prähistorischen Vorfahren ihre Zahnzwischenräume mit Grashalmen oder ähnlichen Materialien gereinigt haben. Die Entwicklung der modernen Zahnseidenfäden erfolgte allerdings erst später, im Jahre 1815, durch den amerikanischen Zahnarzt Levi Spear Parmly. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den USA die Nylonseide zur Zahnpflege eingeführt. Seitdem hat sie sich dort zu einem Standard der Gesundheitsvorsorge gemausert: Für über 20 Prozent der Amerikaner gehört das Fädeln in den interdentalen Zwischenräumen zur täglichen Routine.

In Deutschland liegt hingegen der Zahnseide-Verbrauch pro Kopf gerade mal bei 0,1 Packungen pro Jahr, der Anteil regelmäßiger Zahnseideanwender liegt vermutlich unter fünf Prozent. 60 Prozent des Zahnpflegebudgets für Zahnpasten, doch nur zwei Prozent für die Anschaffung von Zahnseide. Eine "Seidenmüdigkeit" mit Folgen für die dentale Hygiene. Mit herkömmlichen Bürsten lassen sich nämlich nur knapp 70 Prozent der Zahnoberfläche erreichen: In den Zahnzwischenräumen streifen die Borsten nur parallel zur Oberfläche über den Zahn, so dass die "Rubbelkraft" zum Entfernen von Verschmutzungen und Belägen nicht ausreicht.

Zahnseide entfaltet dort weitaus höhere Wirksamkeit. Ihre Anwendung gilt daher als Vorbeuge von Zahnfleischentzündungen und approximaler Karies an den Zwischenräumen, die als besonders problematisch gilt, weil sie oft unerkannt abläuft und dadurch zu spät behandelt wird.

Andererseits sollte man den Vorbeuge-Effekt von Zahnseide nicht zu hoch gewichten. Amerikanische Forscher unter Leitung von Philippe Hujoel von der University of Washington analysierten nämlich das vorhandene Datenmaterial zu dem Thema — und ihr Fazit fällt keineswegs einhellig aus. "Zwar scheinen vor allem Kinder mit mangelnder Mundhygiene und schlechter Fluoridversorgung von einer regelmäßigen, engmaschigen und professionellen Behandlung mit Zahnseide zu profitieren", so Hujoel, "doch dieser Effekt könnte durch häufiges Zähneputzen und die regelmäßige Anwendung von Fluoridpräparaten reduziert oder sogar eliminiert werden." Was im Umkehrschluss bedeutet: Wer täglich drei Mal die Zähne putzt und noch Fluorid zur Härtung des Zahnschmelzes verwendet, erzielt mit der Seide kaum noch einen zusätzlichen Schutz für sein Gebiss.

  • Das Facebook-“f“ als drohender Schatten (Symbolbild).
    Soziales Netzwerk unter Druck : Facebooks Hexenküche
  • Corona-Newsblog : Erstmals mehr als 1000 Corona-Tote an einem Tag in Russland
  • Backpulver : Das Hausmittel für alle Fälle

Zahnmediziner Professor Stephan Zimmer von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf verglich in einer Studie die Effekte von Zahnseide und zwei antimikrobiellen Mundspüllösungen. Das Ergebnis: Zahnfleischbluten wurde von beiden Methoden gleichermaßen eingedämmt, beim Zahnbelag schnitten die Spülungen sogar etwas besser ab. Für Zimmer ein deutlicher Hinweis darauf, "dass Mundspülungen eine Alternative zur Zahnseide sein könnten". Das freut diejenigen, die mit der Seide ihre Probleme haben — und das sind nicht wenige. Allein die Tatsache, dass es maximal 30 Zahnzwischenräume durchzufädeln gilt, schreckt viele vor der täglichen Anwendung ab, wie es eigentlich erforderlich wäre. Zudem kann falsche Handhabung zu Verletzungen führen. Der "klassische Fehler": Der Seidenfaden wird zu sehr unter Spannung gehalten, so dass er wie ein winziges Messer ins Zahnfleisch schneidet. Schließlich haben vor allem Zähne mit Amalgamplomben mitunter scharfe Kanten, an denen die Seide hängen bleiben kann. Es bleiben Reste zurück, die später beim Kauen schmerzhaft ins Zahnfleisch gedrückt werden.

Zahnärzte empfehlen daher, sich professionell in die Anwendung der Seide einweisen zu lassen. Kinder sollten erst ab zwölf Jahren damit beginnen.

(RP)