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Der Mythos vom Fäden ziehen

Wuppertal : Der Mythos vom Fädenziehen

Ängste der Patienten sind nicht unbegründet, werden aber oft übertrieben. Das optische Ergebnis einer chirurgischen Naht dank moderner Technik heutzutage indes besser als je zuvor. Das liegt auch an innovativen Materialien.

In deutschen Kliniken wird Jahr für Jahr mehr operiert. Knapp 16 Millionen Eingriffe haben Ärzte hierzulande in Krankenhäusern im Jahr 2012 an stationären Patienten durchgeführt, Tendenz steigend. Am häufigsten bereiten den Deutschen Gelenke wie Knie und Hüfte Probleme, aber auch an Darm und Nase wird immer häufiger operiert. Und wenn der Chirurg dann das OP-Besteck beiseitegelegt hat, greift er fast immer zu Nadel und Faden. Ein Thema, das vielen Patienten Angst macht, wenn sie nach überstandener OP ans Ziehen der Fäden oder mögliche Narben denken.

Fast immer, nämlich stets dann, wenn konventionell operiert wurde, es also am Ende eine Schnittnaht gibt. "Mit Nadel und Faden wird die Wunde spannungsfrei verschlossen und so die physiologische Wundheilung unterstützt", sagt Afshin Rahmanian-Schwarz, Chefarzt der Klinik für Plastische und Handchirurgie, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie am Helios Klinikum Wuppertal. Ziel dabei ist natürlich immer, die Naht so klein wie möglich zu halten.

Es gibt Fäden, die sich mit der Zeit selbst auflösen (sogenannte resorbierbare Fäden) und solche, die dies nicht tun und daher nach einer gewissen Zeit gezogen werden müssen (nicht-resorbierbare Fäden). "In der Regel verwenden wir für tiefe Wunden meist selbst auflösendes Material", erklärt Rahmanian-Schwarz. Dieses wird mit der Zeit von der Gewebeflüssigkeit des Körpers aufgeweicht und schließlich aufgelöst. Das dauert in der Regel mehrere Wochen. Bei Wunden an der Oberfläche nähen die Operateure meist mit nicht-auflösbarem Material — diese Fäden müssen nach etwa 14 Tagen gezogen werden.

"Das ist tatsächlich meist die erste Frage unserer Patienten nach einer OP", sagt Rahmanian-Schwarz. Leider sei die Angst "nicht ganz unberechtigt. Je nach Art der Wunde und Lage kann das unangenehm sein oder auch mal wehtun." In den meisten Fällen ist es eher ein kurzes und erträgliches Ziehen. Wichtig ist aber, dass die Fäden nicht zu lange in der Wunde bleiben. Dann kann es zu Verwachsungen mit dem Gewebe oder zu entzündlichen Abstoßungsreaktionen kommen.

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In der plastischen Chirurgie zählt neben Wundheilung und Stabilität ein anderer Aspekt: Was ist mit der Ästhetik?

Damit die Narbe später so unauffällig wie möglich aussieht, gibt es zwei Stellschrauben für den Chirurgen: die Nahttechnik und die Eigenschaft des Fadens. In beiden Bereichen gibt es vielfältige Möglichkeiten. Wenn möglich, näht der plastische Chirurg intrakutan, das heißt, er führt die Nadel knapp unter der obersten Hautschicht. Rahmanian-Schwarz: "So gibt es dann nur einen sichtbaren Einstich- und einen Ausstichkanal." Diese Methode kommt allerdings nicht infrage, wenn erhöhte Gefahr besteht, dass die Naht später noch einmal geöffnet werden muss, etwa wegen einer Infektion.

Dies sind die Fäden selbst: einsträngige (monofile) Fäden sind glatt, gleiten leicht und weitgehend spurlos durch die Haut. Sie haben aber den Nachteil, dass sie recht starr und für den Operateur schwierig zu verknoten sind. Er nutzt sie daher für Eingriffe an der Hautoberfläche, sie müssen gezogen werden. Geflochtene Fäden sind zwar weich und daher besser zu handhaben. Sie raspeln aber wie eine Säge durch die Haut und hinterlassen entsprechende Spuren. Daher kommen sie eher bei tiefen Wunden zum Einsatz und lösen sich irgendwann auf.

In der Unfallchirurgie und Orthopädie müssen häufig tiefe Wunden und mehrere Hautschichten genäht werden. Liegt hier der Schwerpunkt vermutlich eher auf der Belastbarkeit der Naht?

"Ja, entscheidend für die Haltbarkeit ist die Fadenstärke", sagt Andreas Dávid, Chefarzt des Zentrums für Unfallchirurgie und Orthopädie am Helios Klinikum Wuppertal. Eine gerissene Sehne etwa braucht bis zu sechs Monate, bis sie zusammengewachsen ist — so lange muss die Naht halten. Der Grad zwischen gewünschter Mobilität des Patienten und Stabilität ist schmal: "Jeder Mensch kann durch Muskelkraft die Fäden zerreißen", so Dávid. Von Extrembewegungen der operierten Gliedmaßen rät er daher stark ab.

Zum Glück passiert dies nur sehr selten. Im glimpflichsten Fall ist dann nur die Haltefunktion weg, die die Naht ursprünglich übernommen hat. "Im schlimmsten Fall kann ein Nahtriss lebensgefährlich sein", sagt Dávid, etwa wenn eine Naht am Darm reiße oder eine größere Gefäßnaht. Dann kommt es zu gefährlichen inneren Blutungen.

(RP)