Depressionen: Google-Nutzer können testen, ob sie an der Krankheit leiden

Selbsttest bei Suchmaschine: Okay Google, bin ich depressiv?

In den USA können Menschen mit Google herausfinden, ob sie an einer Depression leiden: Die Suchmaschine bietet jetzt automatisch einen Selbsttest an, sobald jemand nach Informationen über die Krankheit googelt.

"Wie oft waren Sie in den vergangenen zwei Wochen lustlos?" Mit dieser Frage beginnt der Selbsttest, den Google im sogenannten Knowledge Panel ausspielt - einer Infobox ganz oben in den Suchergebnissen. Der Nutzer kann aus vier Antworten wählen: Überhaupt nicht, an einzelnen Tagen, an mehr als der Hälfte der Tage, an fast jedem Tag.

Insgesamt stellt Google seinen Nutzern neun Fragen, sobald sie "klinische Depressionen" eintippen und der Aufforderung folgen: "Teste, ob Du an einer klinischen Depression leidest". Der Konzern arbeitet dafür mit der National Alliance of Mental Illness (NAMI) zusammen, einer Organisation von Betroffenen in den USA. Für den Selbsttest verwendet Google den Fragebogen PHQ-9, der auch von Ärzten in Kliniken eingesetzt werde, schreibt NAMI-Chefin Mary Giliberti im Blog des Konzerns. Patienten könnten damit selbst den Schweregrad ihrer Krankheit einschätzen.

Depressionen seien in der amerikanischen Bevölkerung sehr verbreitet, berichtet Giliberti. Aber nur die Hälfte aller Betroffenen werde behandelt — im Durchschnitt auch erst sechs bis acht Jahre nach den ersten Symptomen. Mit dem Selbsttest auf Google wolle NAMI erreichen, dass sich Erkrankte früher Hilfe suchen. Zwar ersetzten die neun Fragen keine medizinische Untersuchung. Aber mit ihnen könne jeder herausfinden, ob er einen Arzt aufsuchen sollte — und Giliberti hofft, dass viele Nutzer der Empfehlung auch folgen: "Wir glauben, dass wir durch die Informationen auf Google mehr Menschen dazu bringen können, sich Hilfe zu suchen." Google ist auch in den USA die am meisten verwendete Suchmaschine.

Ähnliche Angebote in Deutschland

Bisher ist Googles neues Angebot nur in den USA und auch nur auf Smartphones verfügbar, wie die das Unternehmen in seinem Blog mitteilt. Ob der Konzern den PHQ-9-Fragebogen auch in anderen Ländern in seine Suche einbauen wird, blieb zunächst unklar. In Deutschland bieten Verbände bereits ähnliche Angebote an. Die Robert-Enke-Stiftung zum Beispiel verwendet einen Fragebogen der Weltgesundheitsorganisation, wie sie auf ihrer Webseite schreibt. Er besteht aus fünf Fragen und "kann den Verdacht auf das Vorliegen einer Depression erhärten". Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat ebenfalls den PHQ-9-Fragebogen in ihre Homepage integriert.

Trotzdem reagiert Prof. Ulrich Hegerl von der Uniklinik Leipzig skeptisch auf die Initiative von Google. Zwar bekomme die Krankheit dadurch mehr Aufmerksamkeit. Aber wenn Google den Selbsttest in seine Suchmaschine "flächendeckend" integriere, "werden auch viele Menschen ihn machen, die gar nicht erkrankt sind — und sie könnten durch das Ergebnis verunsichert werden", sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. "Dieses Risiko ist auf unserer Webseite nicht so groß." Denn ihre Homepage werde vor allem von Menschen aufgerufen, die von der Krankheit auch tatsächlich betroffen seien.

(wer)
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