Neue Regeln in NRW Das sollten Sie zur Cannabis-Legalisierung wissen

Düsseldorf · Seit Ostermontag ist der Anbau, Besitz und Konsum von Cannabis legal – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Das wirft viele Fragen auf: Wie sind die Regelungen in NRW?

Cannabis-Wirkung - Die 10 wichtigsten Fakten im Überblick
Infos

Cannabis-Wirkung – die zehn wichtigsten Fakten im Überblick

Infos
Foto: dpa/Annette Riedl

Die Cannabis-Teillegalisierung ist zum 1. April in Kraft getreten – und damit auch ein umfassendes Regelwerk. Zusätzlich stellen sich etwa Eltern von Heranwachsenden, aber auch potenzielle Konsumenten und Kritiker der neuen Verordnung viele Fragen. Wir geben Antworten.

Wo darf Cannabis konsumiert werden?

In der Öffentlichkeit und zu Hause darf grundsätzlich gekifft werden. Allerdings gelten einige Einschränkungen: Rund um Schulen, Kitas, Spielplätze und öffentliche Sportstätten ist der Cannabis-Konsum in einem Radius von 100 Metern verboten. In Fußgängerzonen darf laut Gesetz zwischen 7 und 20 Uhr nicht gekifft werden. Noch offen sind die Regelungen für Außengastronomien, hier dürfen Gastronomen aufgrund ihres Hausrechts selbst entscheiden. Ansonsten gilt: Dort, wo das Rauchen erlaubt ist, wird auch der Cannabis-Konsum gestattet sein.

Cannabis-Besitz – wie viel ist erlaubt?

Erwachsene dürfen in der Öffentlichkeit zukünftig 25 Gramm bei sich haben. Zu Hause sind bis zu 50 Gramm sowie bis zu drei weibliche, blühende Pflanzen pro Person erlaubt.

Was hat es mit den Cannabis-Clubs auf sich?

Vielerorts stehen sie bereits in den Startlöchern: Ab dem 1. Juli dürfen auch Cannabis-Clubs Pflanzen gemeinschaftlich anbauen und begrenzte Mengen an Vereinsmitglieder abgeben. Dafür braucht es allerdings eine behördliche Erlaubnis. Vorgesehen ist ein Limit von 25 Gramm am Tag und insgesamt 50 Gramm im Monat, für unter 21-Jährige gelten Sonderreglungen. In den Clubs selbst und im Umkreis darf allerdings nicht konsumiert werden.

Die Vereine dürfen nicht gewinnorientiert sein und maximal 500 Mitglieder haben, die mindestens 18 Jahre alt sein und seit sechs Monaten in Deutschland leben müssen. Die Weitergabe von Cannabis an Nicht-Mitglieder ist verboten, für Samen und Stecklinge gelten wiederum eigene Regeln. Jeder Club muss zudem Jugendschutz-, Sucht- und Präventionsbeauftragte benennen.

Welche Schutzmaßnahmen sind für Jugendliche vorgesehen?

Der Erwerb, Besitz und Konsum wird für Kinder und Jugendliche auch weiterhin verboten sein. Auch die Weitergabe von Cannabis an Jugendliche ist nicht erlaubt. Für 18- bis 21-Jährige, also noch Heranwachsende, gelten zudem besondere Regeln: Sie dürfen maximal 30 Gramm Cannabis im Monat mit maximal zehn Prozent THC in den Clubs ausgehändigt bekommen.

Das Bundesgesundheitsministerium plant zudem, Aufklärungs- und Präventionsangebote auszubauen. Cannabis-Clubs dürfen nicht näher als 200 Meter an Schulen, Kinder- und Jugendeinrichtungen oder Spielplätzen liegen. Für den Konsum gilt ein Abstand von 100 Metern zu diesen Einrichtungen, also außerhalb der Sichtweite.

Was gilt für den Eigenanbau zu Hause?

Erwachsene dürfen bis zu drei weibliche Cannabis-Pflanzen gleichzeitig zu Hause anbauen. Zudem ist der Besitz von getrocknetem Cannabis auf maximal 50 Gramm beschränkt. Diese Werte gelten pro Person im Haushalt, bei mehreren Erwachsenen steigen die jeweiligen Grenzen entsprechend.

Zum Eigenanbau braucht es Cannabis-Samen, die aus anderen EU-Staaten bestellt werden können. Dafür gibt es verschiedene Online-Portale. Auch den Clubs soll die Herausgabe von Samen und Stecklingen erlaubt sein, auch an Nicht-Mitglieder. Voraussetzung dafür: Die Cannabis-Samen und Stecklinge müssen im gemeinschaftlichen Anbau im Club entstanden sein. Die Grenze bei der Abgabe liegt bei sieben Samen oder fünf Stecklingen pro Monat, alternativ bei maximal fünf Stück aus einer Mischung von beiden.

Sollten Eltern etwa Cannabis-Pflanzen zu Hause anbauen, so sind sie verpflichtet, diese von den Kindern fernzuhalten. Gleiches gilt auch für Samen. Das bedeutet: Die Samen, Pflanzen und geerntetes Marihuana müssen sicher verwahrt werden, etwa in abschließbaren Schränken oder Räumen.

Gibt es einen Grenzwert hinsichtlich der Fahrtüchtigkeit am Steuer?

Nein, bislang nicht. Etabliert hat sich in der Rechtsprechung aber ein Wert von einem Nanogramm THC, dem Wirkstoff von Cannabis, ab dann drohen bisher Sanktionen. Einen ersten Vorschlag hat nun eine Expertenkommission aus dem Bundesverkehrsministerium vorgelegt. Sie schlägt vor, dass künftig ein Grenzwert von 3,5 Nanogramm THC je Milliliter Blutserum gelten könnte. Ein entsprechendes Gesetz müsste vom Bundestag verabschiedet werden, gilt also noch nicht. Der vorgeschlagene Grenzwert von 3,5 Nanogramm ist nach Ansicht der Experten ein „konservativer Ansatz, der vom Risiko vergleichbar sei mit einer Blutalkoholkonzentration von 0,2 Promille“.

Sollte man vor oder mit seinen jugendlichen Kindern Cannabis konsumieren?

Erziehungsexperten raten dringend davon ab, weil bei Teenagern die Gehirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist und sich der Cannabis-Konsum bei ihnen sehr negativ auswirken kann. Was den Anbau von Pflanzen zu Hause und das Kiffen vor Kindern angeht, gelte es, verantwortungsvoll damit umzugehen, da Eltern eine Vorbildrolle zukomme. Möglicherweise würden die Kinder einen entsprechend freizügigen Umgang mit Cannabis auch für sich reklamieren. Die Antwort auf die Frage lautet also nein, auch wenn der Gesetzgeber den Konsum und den Anbau für Erwachsene legalisiert hat.

Kann man durch Passivrauchen high werden?

Verschiedene Versuche, bei denen man mehrere Personen in einem Raum über Stunden Cannabis-Rauch aussetzte, ergaben bei den Probanden keine signifikant erhöhten THC-Werte. Dabei wurden zu mehreren Zeitpunkten THC-Konzentrationen in Blut und Urin gemessen. Kein Teilnehmer fühlte sich berauscht. Je nach Intensität der Cannabis-Wolken und Dauer des Einatmens sei aber ein Anstieg des THC-Wertes nicht auszuschließen, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich. Bei erhöhten Werten müssen auch Passivraucher mit Konsequenzen rechnen, etwa im Straßenverkehr. Sicher ist: Wer kurz durch Cannabis-Wolken läuft, wird nicht high.

Was berauscht mehr – ein Keks oder ein Joint?

Durch das Rauchen wirkt Cannabis deutlich schneller, als wenn ein Keks oder ein Muffin gegessen wird. Laut Barmer Ersatzkasse (BEK) tritt beim Rauchen bereits nach zehn Minuten eine Wirkung ein, beim Essen nach etwa 30 Minuten bis zu zwei Stunden je nach Menge des Wirkstoffs. Beim Rauchen überwindet das THC schneller die Blut-Hirn-Schranke, über den gelangt es langsamer in den Stoffwechsel. Dafür lässt sich dabei schlecht einschätzen, wie viel Cannabis man gegessen hat, und damit leicht überdosieren. Die Wirkung kommt dann mit Wucht und hält auch länger an. Bei einem Joint verfliegt der Rausch relativ schnell.

Hilft Cannabis bei Krankheiten?

Laut BEK gibt es nur für wenige Indikationen, etwa bei chronischen Schmerzen oder bei Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie, wissenschaftliche Belege, dass Cannabis wirkt. Die Studienlage sei sehr dünn. Vor allem wird Cannabis eingesetzt zur Behandlung von chronischen Schmerzen, bei Spastik und schmerzhaften Muskel- und Blasenkrämpfen, bei Multipler Sklerose (MS) und bei Aids- und Krebspatienten. Bei diesen Erkrankungen sei sowohl die schmerzlindernde, aber auch appetitsteigernde Wirkung von Cannabis wirksam, erklärt die Krankenkasse. Cannabis wird häufig zusätzlich in Behandlungskonzepten eingesetzt, die schon andere Medikamente und nicht-medikamentöse Behandlungsverfahren wie etwa Krankengymnastik umfassen.

Wirkt Cannabis schmerzlindernd?

Sogenannte Cannabinoide wie THC oder CBD haben eine entspannende Wirkung, wodurch die Schmerzen bei den Patienten in den Hintergrund treten. Sie werden als erträglicher empfunden. Die BEK weist aber darauf hin, dass laut einem Report der US-amerikanischen National Academies of Sciences, medizinisches Cannabis nicht bei akuten Schmerzen eingesetzt werden sollte.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Cannabis-Konsum und psychischen Störungen?

Laut Studien ist das Risiko für psychische Störungen durch den Konsum von Cannabis erhöht. Dazu gehören laut BEK Angststörungen, psychotische und bipolare Störungen sowie Depressivität und Suizidgedanken. Besonders hoch sei demnach die Gefahr für jene, die jung mit dem Kiffen anfangen und täglich konsumieren. Die Krankenkasse verweist auf Forschende der Uni Ulm, die herausgefunden haben, dass zwischen 2000 und 2018 fast fünfmal mehr Menschen wegen psychischer Störungen nach Cannabis-Konsum in der Klinik behandelt werden mussten.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort