Sprechstunde: Böses Östrogen?

Sprechstunde : Böses Östrogen?

Viele Frauen leiden in den Wechseljahren unter Folgen des Hormonmangels. Sie haben Zweifel, ob eine Östrogen-Therapie gut für sie ist.

Unsere Leserin Maria B. (54) aus Wegberg fragt: "Ist eine Wechseljahresbehandlung mit Östrogen gut oder schlecht? Ich erhalte so widersprüchliche Antworten."

Mechthild Schulze-Hagen Wenn die Eierstöcke keine Östrogene mehr produzieren, spüren das viele Frauen an Hitzewellen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Das sind Wechseljahresbeschwerden, die man mit Östrogenen gut behandeln kann, aber nicht muss. Viele Frauen verzichten auf eine Hormonersatztherapie aus Angst vor Risiken und Nebenwirkungen. Hatte doch 2002 die größte Studie über die Wirkungen von Östrogen in den USA gezeigt, dass Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Brustkrebs erhöht sein können. Und jetzt das: Autoren dieser Studie entschuldigen sich für die Fehlinterpretation ihrer Daten. Das ist in der Medizin noch nie vorgekommen.

Heute wissen wir viel mehr über den Nutzen von Östrogen in der Menopause. Wer unter den Folgen des Östrogenmangels leidet, darf und soll Östrogene nehmen, und das ohne schlechtes Gewissen; am besten über die Haut als Gel, Spray oder Pflaster. Über die Haut wird das Hormon unter Umgehung des Leberstoffwechsels direkt in die Blutbahn aufgenommen. Die nötige Dosis bleibt so viel niedriger als bei Tabletten. Die Tagesdosis lässt sich sogar individuell anpassen und im Lauf der Zeit reduzieren. Jene Komplikationen treten bei solcher Behandlung nicht auf, im Gegenteil, unter Östrogenen über die Haut sind sie seltener als bei Frauen, die keine Hormone nehmen.

Der Ersatz von Östrogen und Gelbkörperhormon hat zwei Vorteile: erstens die Linderung akuter Beschwerden, zweitens die Vorbeugung jener Östrogenmangel-Probleme. Dieser zweite Aspekt ist der wichtigere. Denn besonders Frauen haben das Potenzial, sehr alt zu werden. Weil ab der Menopause kein Östrogen mehr gebildet wird, kommt es aber auch zu gesundheitlichen Defiziten. Jetzt nimmt die Knochenmasse ab, die Osteoporose, der Kalziumverlust der Knochen, zu. Das bedeutet mehr Knochenbrüche. Dem kann man mit Östrogenersatz, mit Vitamin D und sportlicher Aktivität vorbeugen. Auch der Zucker- und Fettstoffwechsel werden günstig beeinflusst, somit das Risiko für Diabetes, Adipositas und Arteriosklerose gemindert. Es sind die Frauen ohne Östrogenzufuhr, die in der Postmenopause an Gewicht zunehmen, nicht umgekehrt. Östrogen verbessert die Pumpleistung des Herzens und verringert das Risiko für Alzheimer-Demenz. Der Nutzen für Haut und Haare ist fast Nebensache.

Östrogene verringern auch das Risiko für Darmkrebs. Und, bei alleiniger Östrogengabe wird das Risiko für Brustkrebs nicht erhöht, sondern vermindert.

(RP)
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