Besuch in einer Reha-Klink: Immer mehr Menschen werden hier behandelt

Der Mensch im Krankenhaus : Ohne Reha geht es nicht

Immer mehr Patienten werden in einer Rehabilitations-Klinik behandelt. Was passiert da mit ihnen? Wir haben zwei Häuser besucht.

Es war der Tag, an dem Frank Lamfried von einer Faust getroffen wurde. Er war beim Arzt gewesen, denn unerklärlich hatte er an Gewicht verloren, außerdem sah er verdickte Finger an sich, sogenannte „Trommelschlägelfinger“, die meist auf eine Herz- oder Lungenerkrankung hinweisen. Diese Organe aber waren in Ordnung. Es musste eine andere Ursache geben.

Bald war sie gefunden: ein Ösophagus-Karzinom, ein Krebs der Speiseröhre. Die Diagnose war die Faust. Nach dem Niederschlag stand Frank Lamfried, Stadtplaner aus Gelsenkirchen, wieder auf und entschied sich gemäß seiner Profession für strategisches Vorgehen. Der 61-Jährige fand eine spezialisierte Uniklinik (in Köln), bekam Chemotherapie und Bestrahlung, wurde operiert – und plante seine Rückkehr ins Leben. „Ich habe mir eine Reha-Klinik ausgesucht, die mir optimal erschien.“ Sie sollte den Wortsinn seiner Rehabilitation erfüllen: Wiederherstellung.

Von Anfang an habe er, erzählt Lamfried, das Visier geöffnet und gesagt: „Dem Ding zeig ich’s!“ In der Niederrhein Klinik in Korschenbroich, die onkologische, orthopädische und neurologische Fälle behandelt, kennt man diese Patienten, die trotz der belastenden Diagnose mit ungeduldigem Enthusiasmus anreisen. „Diese Patienten sind sehr motiviert, denn sie haben in der Akutphase ihrer Krankheit einen Kontrollverlust erlebt, den sie nicht hinnehmen wollen.“ Das sagt Dominik Groß, er ist Arzt, Philosoph und Professor für Medizinethik an der Uniklinik Aachen. „Ein Glück für ihn, dass er direkt in eine gute Klinik zur OP und danach in eine gut aufgestellte Reha-Klinik kam. Beides verbessert seine Prognose.“

Es gibt aber auch die anderen Patienten, die eine Tumorerkrankung „in ein Loch oder gar in eine Depression stürzt, aus dem sie erst einmal nicht herauskommen“, sagt Klaus Wehle, onkologischer Chefarzt in Korschenbroich. Solche Patienten vergraben sich, sie ziehen sich zurück – und es wird, weiß Wehle, eine anstrengende Aufgabe, „sie wieder fürs Leben zu motivieren“.

In Korschenbroich wird Herr Lamfried, der Macher, wieder zum Lernenden. Morgens findet er in einem Briefkasten an der Rezeption seinen Stundenplan; Urlaub hat er hier auch nicht erwartet. Vielmehr wird die Reha zur Task Force für seine Zukunft: „Mir hat man bei der Operation den Magen hochgezogen, jetzt muss ich häufiger kleine Mahlzeiten zu mir nehmen.“ Das habe ihm auch schon der Kölner Chirurg gesagt, „aber wir zeigen ihm, wie und was er essen kann“, erklärt Wehle. Eine Ernährungsberaterin macht Lamfried zu seinem eigenen Küchenchef. Das mit dem Magen ist nicht die einzige Operationsfolge: Auch trockener Husten ärgert ihn. Den lindert eine spezielle Atemtherapie. Außerdem kümmert man sich um seine Kraft. „Onkologische Patienten sollen bei uns ihre Ausdauer zurückgewinnen“, sagt Wehle.

Früher wurden die Kranken in der Akutklinik aufgepäppelt, bis sie fit für die Reha waren. Seit es Fallpauschalen gibt, ist das anders. Wehle: „Heutzutage ist die Verweildauer in der Akutklinik verkürzt, die Patienten werden früher entlassen. So kommen enorme Aufgaben auf die Reha-Klinik zu.“ Bert Bosche, leitender Neurologe an der MediClin Klinik in Reichshof-Eckenhagen, bringt das auf den Punkt: „Mittlerweile ist in NRW die Frührehabilitation keine klassische Reha-, sondern eine Krankenhausbehandlung.“ In Korschenbroich kennt man das auch von den Patienten, die anderswo etwa ein künstliches Kniegelenk eingebaut bekamen. Früher musste die 90-Grad-Beugung in der operierenden Klinik erreicht werden, heutzutage lastet diese Aufgabe auf den Physiotherapeuten in der Reha.

Nicht viel anders die Anwendungen im Herzpark Mönchengladbach, in dem kardiologische Reha-Patienten betreut werden. Die Korschenbroicher Klinik ist ein weltoffenes, funktionales, von Licht geflutetes Gebäude mit Einzelzimmern, der Herzpark befindet sich fast in der Abgeschiedenheit – in den ehrwürdigen, jedoch teilweise entkernten und modernisierten Mauern der früheren Hardterwald-Klinik, umgeben von alten Bäumen.

Hier können viele Herzpatienten genesen und lernen, wieder Luft zu holen. So einer ist Heinz Joachim Kürby (67) aus Krefeld. Bei ihm war im dortigen Helios-Klinikum eine Herzklappe ausgetauscht worden. Mit seiner Wandergruppe hatte er es nicht mehr auf den 2300 Meter hohen Lumkofel in Kärnten geschafft; er war ungewohnt schlapp. Daheim stellte sich heraus: Die Mitralklappe war defekt, Blut strömte von der linken Hauptkammer zurück in die Vorkammer, das musste operiert werden. Jetzt sitzt Kürby auf dem Fahrrad und erstrampelt sich seine alte Kondition.

Drei Wochen bleiben Patienten im Schnitt im Herzpark, viele sind stationär dort, einige ambulant. Für die meisten liegt er nah ihrem Wohnort, das ist ein Vorteil – Heimweh macht Herzweh. Vor allem, wenn man sowieso aus der Bahn geworfen wurde. Lakonisch nennt Kürby die Mahlzeiten die Versammlung einer „Schicksalsgemeinschaft“. Es ist eine vielgestaltige Gesellschaft, die in jeder Reha-Klinik beim Mittagessen sitzt: Hoffnungsfrohe und Stille, Phlegmatiker und Verzagte, Introvertierte, Spaßmacher – und Unbelehrbare.

Obwohl die Klinik rauchfrei ist, stehen einige mit Zigarette in Ecken. Mangelnde Einsichtsfähigkeit? „Manchem Patienten fällt es schwer, seine Krankheit zu bewältigen. Wenn er dabei noch seine Sucht bekämpfen muss, ist das besonders schwer für ihn“, sagt Dominik Groß. Lolita Bleckmann, Chefärztin im Herzpark, ergänzt: „Die Leute geben sich stark und grübeln doch sehr. Viele haben Schlafstörungen.“ Raucherentwöhnungskurse helfen ihnen.

Überhaupt die Pädagogik. „Patienten haben noch viel weniger Basiswissen, als Ärzte glauben“, seufzt Bleckmann. Deshalb seien auch Patientenseminare sinnvoll. Im Herzpark bemüht man sich um beide Geschlechter, um das Einende und das Trennende. „Frauenkardiologie gewinnt an Gewicht, gerade auch bei uns“, sagt Verwaltungsleiterin Caroline Veltkamp.

Das Markenzeichen des Reha-Patienten ist, dass er immer älter wird, und das liegt nicht nur an der demografischen Kurve. Die Medizin ist so präzise und schonend wie nie. In­grid Lux (82) aus Bergisch Gladbach hat das erlebt. Ihre Aortenklappe war hochgradig verkalkt, nun bekam sie auf dem raffinierten Weg per Katheter eine neue. „Eine offene OP wäre sehr belastend gewesen. Jetzt macht sie schnell Fortschritte“, freut sich Kardiologin Bleckmann.

Die Verschiebung bei den Jahrgängen erhöht die Ansprüche an die Kompetenz der Reha-Kliniken. „Ältere Patienten leiden häufig an mehreren Erkrankungen“, weiß Markus Richter, Geschäftsführer der Niederrhein Klinik. Sein Kollege Udo Kratel ergänzt: „Und deshalb brauchen sie mehr interdisziplinäre Fürsorge.“ Bei den Krankenkassen werde das oft anders gesehen: „Da entscheidet nicht selten die Aktenlage der Diagnose, weniger der individuelle Zustand des Patienten“, klagt Richter.

In Korschenbroich sind durch die neue neurologische Säule alle Fachrichtungen versammelt: Ärzte, Pflegekräfte, Psychoonkologen, Neuropsychologen, Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten, Diätassistenten und Sozialarbeiter. Alle vereint der professionelle Blick auf den Patienten, und manchmal ist es enorm wichtig, „dass wir auch kleine Erfolge feiern“. Das ist ein schöner Satz von Marcus Schaufenberg, dem neurologischen Chefarzt. Er sagt ihn mit Blick auf Lori Koch (78) aus Neuss, die sich nach einem Schlaganfall mit typischen Ausfallsymptomen allmählich bekrabbelt. Unterstützt wird sie von ihrem Mann, der die Niederrhein Klinik schon früher schätzen gelernt hat: „Ich bin nach meiner Prostatakrebs-Operation nach Korschenbroich gekommen. Deshalb bin ich sehr froh, dass meine Lori jetzt auch hier ist.“

Die Angehörigen sind ins Therapiekonzept integriert. „Sie sind eine wichtige Unterstützung. Früher fuhr der Kranke zur Kur an die See, mittlerweile wissen alle, dass eine regionale Reha effektiver ist“, sagt Herzpark-Geschäftsführer Detlef Hambücker. „Aber die Rehabilitation müsste von der Gesundheitspolitik auch stärker honoriert werden“, fordert sein Korschenbroicher Kollege Markus Richter. „Preisanpassungen hat es seit Jahren nicht gegeben“.

Wohin geht es mit der Reha? Sie wird sich verstärkt um Vorbeugung und Minderung von Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, erhöhten Blutfetten, Arterienverkalkung, Diabetes und Adipositas kümmern müssen, damit es nicht irgendwann zur nächsten Reha kommt. „Präventivmedizin wird immer wichtiger in unserer alternden Gesellschaft“, sagt Neurologe Bosche. Maßgeblich ist für Dominik Groß die Einsicht des Menschen, welche Rolle Krankheiten in seinem Leben spielen: „Viele glauben, es gebe für alles ein Ersatzteil und eine Reparatur. Endlichkeit ist kaum ein Thema. In der Reha können sie lernen, an sich zu arbeiten, ihr Leben zu begreifen – und zu ändern.“

Am eigenen Leib hat das Frank Lamfried gespürt. „Durch die Krankheit bin ich kein besserer Mensch geworden. Aber ich habe Gelassenheit gewonnen.“ Er lächelt: „Über manche Dinge rege ich mich nicht mehr auf.“

Neben ihm am Tisch sitzt Ruth Sievers (71) und wippt zustimmend mit dem Bein. Sie hat keinen Krebs überwunden, sondern eine Gelenkprothese bekommen – und ebenfalls Grund, stolz zu sein. Heute Morgen hat ihr neues Knie zum ersten Mal die 90 Grad geschafft.

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