Aids-Forschung: "Düsseldorfer Patient" von HIV geheilt?

Therapie-Erfolge: Düsseldorfer Patient von HIV geheilt?

Ein Patient der Uniklinik Düsseldorf wurde mit speziellen Blutstammzellen behandelt. Seit vier Monaten ist das Virus nicht zurückgekehrt.

In der Aids-Forschung wurden in diesen Tagen zwei neue Leuchttürme errichtet, die weit in die Öffentlichkeit strahlen. Der eine heißt „Londoner Patient“, der andere „Düsseldorfer Patient“. Bei diesen Männern – beide sind HIV-positiv, also mit dem Aids-Virus infiziert – trat nach der sehr speziellen Therapie einer bösartigen Krebserkrankung der ersehnte Nebeneffekt auf, dass das Virus im Blut trotz hochsensitiver Verfahren nicht mehr nachgewiesen werden konnte.

Der „Düsseldorfer Patient“ heißt so, weil er bereits seit langem am Universitätsklinikum Düsseldorf behandelt wird. Er stammt aus einer anderen Stadt und will streng anonym bleiben. Guido Kobbe, Oberarzt der Klinik für Hämato-Onkologie, kennt den Mann, den er behandelt, von Anfang an. Der Patient ist 50 Jahre alt. Dass er HIV-positiv ist, weiß er seit vielen Jahren. Dann wurde bei ihm im Jahr 2011 eine sogenannte akute Leukämie festgestellt. HIV-Infektionen können solche Krebserkrankungen begünstigen.

„Wir haben ihn natürlich auch wegen seiner Leukämie behandelt, vor allem mit einer Chemotherapie. Die brachte erst gute Ergebnisse, dann jedoch gab es einen Rückfall“, sagt Kobbe. Nun überlegten die Ärzte, ob ihr Patient eine Blutstammzelltransplantation bekommen könne – und zwar im günstigsten Fall sogar von einem Spender, bei dem eine besondere genetische Situation vorliegt: dass er nämlich ein mutiertes Gen in sich trägt, das die Andockstelle für das HI-Virus so verändert, dass es nicht mehr in die Zellen eindringen kann. Damit könnte man sowohl die Leukämie wie auch das HI-Virus sozusagen mit einer Behandlung in den Griff bekommen. Kobbe: „Die Veränderung des Rezeptors bewirkt keine Immunität, man ist nicht vollständig resistent gegen das Virus, aber man ist schwerer infizierbar.“

Guido Kobbe, Oberarzt der Klinik für Hämato-Onkologie. Foto: Endermann

Und tatsächlich gelang es, über die Knochenmarkspenderdatei einen Spender mit solchen Eigenschaften zu identifizieren: Der „Düsseldorfer Patient“ wurde mit Blutstammzellen dieses Spenders behandelt. Erst waren die Ergebnisse gut, dann gab es einen Rückfall und neuerliche Komplikationen, auch durch andere Virusinfektionen. Kobbe: „Mittlerweile ist der Patient sehr gut stabilisiert, und es ist die erfreuliche wie erhoffte Situation eingetreten, dass wir das Virus bei ihm seit dem Absetzen seiner HIV-Medikamente selbst mit sehr aufwendigen Verfahren nicht mehr nachweisen können.“

Das ist jetzt etwa vier Monate her, wöchentlich ist der Mann in der Uniklinik zur Kontrolle, weil man den Zeitpunkt nicht verpassen möchte, dass das HI-Virus möglicherweise doch wieder aktiv wird. Es gibt gewisse Zellen – etwa in der Darmschleimhaut oder in Lymphknoten – in denen sich das Virus eingenistet haben könnte und dann, nach dem Absetzen der Tabletten, erneut vervielfältigt – womöglich selbst in mutierter Gestalt. Dann müssten die HIV-Medikamente direkt wieder gegeben werden, zumal zu befürchten ist, dass das Wiederaufflammen einer bereits erfolgreich therapierten HIV-Infektion einen möglicherweise dramatischen Verlauf nimmt. Kobbe: „Wir haben aber die berechtigte Hoffnung, dass das Virus sich nicht weiter vermehren kann und der Patient dann wirklich von der Leukämie und der HIV-Erkrankung geheilt ist.“

Professor Dieter Häussinger vor der Düsseldorfer Uniklinik. Foto: Endermann/A. Endermann

Nun ist die Idee laut geworden, dass man überhaupt alle HIV-Patienten mit einer Transplantation behandeln könne. Das aber sei nicht sinnvoll, sondern vielmehr gefährlich, sagt Kobbe: „Das Risiko tödlicher Komplikationen liegt heute etwa zwischen zehn und 20 Prozent. Da ist die medikamentöse HIV-Therapie deutlich sicherer – auch langfristig.“

Die Experten weisen darauf hin, dass zum jetzigen Zeitpunkt – trotz aller ermutigenden Signale – noch nicht sicher von einer Heilung des „Düsseldorfer Patienten“ gesprochen werden könne. „Da müssen wir gewiss noch ein bis zwei Jahre warten“, sagt Dieter Häussinger, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie des Universitätsklinikums: „Die Therapieerfolge zeigen uns aber wichtige Mechanismen der Funktionsweise der HIV-Infektion und eventuelle künftige Ansätze.“ Häussinger bestätigt zudem, dass die Stammzelltransplantation keine breit einsetzbare Therapieoption sei, sondern allenfalls im Einzelfall angewandt werden könne. Es seien dafür spezifische Voraussetzungen beim Empfänger sowie bei der genetischen Ausrüstung des Spenders nötig.

Mehr von RP ONLINE