1. Leben

Freundschaft in Zeiten von Social Media und Freundschaft Plus

Freundschaft ist nicht gleich Freundschaft : Was gute Freunde ausmacht

"Ein Freund, ein guter Freund – das ist das Beste, was es gibt auf der Welt", heißt es in einem berühmten Schlager. Tatsächlich stehen Wohl und Wehe unseres Soziallebens eng mit unserer Fähigkeit, Freundschaften zu schließen in Verbindung. Doch was ist das überhaupt – Freundschaft?

Freundschaft bedeutet, dass zwei Menschen auf einer Vertrauensebene miteinander harmonieren und sich gegenseitig mögen. Doch das ist für die Komplexität des Begriffs etwas zu simpel.

Was ist Freundschaft? Eine Definition

Definition nach Aristoteles (384-322 v.Chr.)

Schon der berühmte griechische Philosoph Aristoteles unterschied zwischen drei Arten der Freundschaft. Er definierte die Freundschaft des Nutzens, die der Lust und die vollkommene Freundschaft.

Unter der Freundschaft des Nutzens versteht der berühmte Philosoph etwas, das wir heute eher als Zweckbündnis bezeichnen würden. "Freunde, die den Nutzen als Zweck verfolgen, trennen sich, sobald der Nutzertrag aufhört, denn nicht miteinander waren sie befreundet, sondern mit dem Gewinn", sagt er.

Die Freundschaft um der Lust willen hat Ähnlichkeit mit der vollkommenen, denn nach Aristoteles gewähren sich auch die trefflichen Menschen gegenseitig Lust.

Die höchste Form der Freundschaft ist die vollkommene Freundschaft. Sie "ist die der trefflichen Charaktere und an Trefflichkeit einander Gleichen. Denn bei dieser Freundschaft wünschen sie einer dem anderen in gleicher Weise das Gute, aus keinem anderen Grunde, als weil sie eben trefflich sind, und trefflich sind sie 'an sich', wesensmäßig. Nun aber sind Menschen, die dem Freunde um des Freundes willen das Gute wünschen, die echtesten Freunde.“

Definition nach Ralph Waldo Emerson (1803-1882)

Der britische Philosoph Ralph Waldo Emerson verfasste einen Aufsatz zum Thema Freundschaft, in dem er als Grundlagen der Beziehung echter Freunde die Begriffe "Wahrheit" und "Zärtlichkeit" ins Zentrum seiner Beobachtungen stellte.

So sagt er beispielsweise: "Freundschaft währt am längsten, wenn sie mit dem gegenseitigen Versprechen, sich immer die Wahrheit zu sagen, besiegelt wird." Oder: "Jeder Freund, den nicht dein launischer Wille, sondern das große, liebevolle Herz in dir herbeisehnt, wird dich in seine Arme schließen."

Es geht also darum, aufrichtig und offen zu sein. Für neue Menschen, neue Freundschaften und andere Meinungen.

Definition nach Mobina Ahmad

Die Kommunikationsspezialistin Mobinah Ahmad hat 2016 eine vielbeachtete Theorie zu sechs Typen von Freundschaften aufgestellt. Danach gibt es Prä-Bekanntschaften, Bekanntschaften 1. Grades, Bekanntschaften 2. Grades, Bekanntschaften 3. Grades, den Prä-Freund und den Freund.

Prä-Bekanntschaften: Hierunter versteht Ahmad flüchtige Bekannte, deren Namen man vielleicht kennt, zu denen man aber ansonsten kaum Kontakt hat.

Bekanntschaften 1. Grades sind Mitschüler, Arbeitskollegen oder Nachbarn, die man regelmäßig sieht, sich aber nicht mit ihnen treffen würde.

Bekanntschaften 2. Grades sind Menschen, die man auch privat trifft, aber nur in größeren Gruppen. Alleine würde man sich mit ihnen nicht verabreden.

Bei Bekanntschaften 3. Grades geht es um Beziehungen zu Menschen, mit denen man sich gut und gerne unterhält, sich aber nicht regelmäßig trifft, sondern zunächst verabredet, also planmäßig begegnet.

Prä-Freunde sind solche, die dabei sind eine gemeinsame Beziehung aufzubauen und auch daran interessiert sind, sich intensiv miteinander zu befreunden.

Freunde sind schließlich diejenigen Personen, die sich gegenseitiges Vertrauen und ehrliche Wertschätzung entgegenbringen. Menschen, die sich für jeden Aspekt des Lebens des Freundes interessieren, für seine Meinung, seine Ideen und seine Sorgen. Wahre Freunde sind auch in schwierigen Situationen füreinander da und pflegen intensiven persönlichen Kontakt.

Was gibt es für Arten von Freundschaft?

Neben den klassischen und neueren Definitionen von Freundschaftstypen gibt es natürlich auch Freundschaftsarten, die unser soziales Umfeld von Geburt an prägen.

Alte Freunde sind zum Beispiel die, mit denen man bestenfalls bereits im Sandkasten die besten Tipps zum Burgenbau getauscht hat. Sie kennen sämtliche Marotten, Jugendsünden, Stärken und Schwächen und könnten daher als komplette Freunde angesehen werden. Allerdings trennen sich meistens an irgendeinem Punkt die Wege zwischen diesen Menschen. Oft sprechen sie jahrelang nicht miteinander – und das hat rein gar nichts mit fehlender Sympathie zu tun. Man verfolgt andere Interessen, andere Lebenswege. Und dennoch ist es immer wieder wie die Rückkehr an einen vertrauten Ort, wenn wir unsere alten Freunde wiedersehen. Am schönsten ist natürlich, solche Freundschaften vital zu erhalten und zu pflegen.

Beste Freunde sind erste Ansprechpartner für alles, was Vertrauen benötigt. Mit ihnen teilen wir unsere Freuden und Sorgen. Sie sind immer da, wenn wir einen Menschen brauchen, der zu einem halten soll. Dabei ist es wichtig, dass beste Freunde keine Schmeichler sind, sondern uns die ungeschönte Wahrheit ins Gesicht sagen. Das ist wertvoller als das größte Kompliment.

Digitale Freunde müssen noch nicht einmal mit uns gesprochen haben. In den sozialen Medien schreiben wie ihnen oder schauen uns einfach an, was sie von sich preisgeben wollen. Für diese Art Beziehung den Begriff Freundschaft zu verwenden, geht allerdings an der Realität vorbei. Früher waren diese Arten von Freunde wohl Brieffreunde. Doch die mussten zumindest regelmäßig selbst etwas zu Papier bringen, um anschließend mit einer Antwort belohnt zu werden. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zur Praxis heutiger Internet-Freunde, von denen man oft tausende hat, obwohl unser kognitives System gar nicht in der Lage ist, zwischen ihnen zu differenzieren.

Ausgeh-Freunde sind in erster Linie deshalb in unserem Freundeskreis, weil sie das gleiche Interesse an Partys, Stadtbummeln, Kneipentouren oder Diskobesuchen haben wie man selbst. Man muss gar nicht zwingend eine Beziehung zu ihnen aufbauen.

Zweckfreunde lädt man gerne zum Essen ein, damit sie einem ein Regal anbringen oder beim längst überfälligen technischen Check-up des Notebooks helfen. Man ist freundlich zu ihnen, um eine Empfehlung für den Traumjob zu bekommen oder einer bestimmten Arbeit zu entgehen. Viel verbinden wir ansonsten nicht mit ihnen. Meistens wissen sie das und lassen sich trotzdem auf das – eigentlich falsche – Spiel ein. Wahre Freundschaft geht anders.

Freundschaft Plus bezieht sich auf das Einverständnis zweier Freunde, miteinander Sex zu haben. Daraus muss sich keine Liebesbeziehung entwickeln – es ist einfach Freundschaft mit einer sehr speziellen Zugabe. Mit dieser Thematik beschäftigt sich auch die gleichnamige amerikanische Komödie mit Ashton Kutscher und Natalie Portman aus dem Jahr 2011. Zwei Freunde einigen sich auf eine sexuelle Beziehung ohne Gefühle und geraten dabei natürlich ins Schleudern. Letztlich wird dabei hinterfragt, welche Sinnhaftigkeit zwischen einer solchen Abmachung überhaupt stecken kann. Doch natürlich schwingt bei einer solchen Vereinbarung immer die Angst mit, die Freundschaft zu opfern. Und auch, wenn Hollywood das Ganze in einer Liebesbeziehung enden lässt und damit mehr oder weniger seine eigene sehr konservative Haltung gegenüber der Überlegung des Freundschaft Plus-Modells stellt, so bleibt doch die Frage, ob man wahre Freundschaften durch eine solche Übereinkunft "retten" kann, ohne sich selbst etwas vorzumachen.

Was ist in einer Freundschaft wichtig?

Ehrlichkeit ist in einer Freundschaft ebenso wichtig wie die Fähigkeit, einander zuzuhören und zu vertrauen. Manchmal ist es besonders wichtig, dieses Vertrauen auch gegen äußere Widerstände unter Beweis zu stellen. Zudem sollte man dem besten Freund/der besten Freundin auch die Meinung sagen können. Eine ehrliche Freundschaft kann dies aushalten. Das ist schon der Kern der Ansichten Emersons über das Wesen der Freundschaft.

Zudem gilt es auch, gewisse Regeln einzuhalten, die mit der Persönlichkeit der Freunde zusammenhängen. Wenn jemand möchte, dass etwas vertraulich behandelt wird, dann sollte man diesen Wunsch auch respektieren. Menschen, die immer nur Anteilnahme heucheln, um auf Kosten anderer Neuigkeiten zu verbreiten oder vertrauliche Informationen sogar gegen jemanden zu verwenden, zählen hingegen zu den "falschen Freunden".

Enge Freunde wissen, was sie aneinander haben – auch in schlechten Zeiten. Dafür gehören sie vielleicht auch zu den wenigen Menschen, die auf die Frage "Wie geht es dir?" eine ehrliche Antwort geben wollen, sich aber im umgekehrten Fall auch die ganze Geschichte ihres Gegenüber anhören mögen. Freunde erkennen sich eben auch an einer nahezu floskelfreien Art, ihre Gefühle auszudrücken.

Was macht eine gute Freundschaft aus?

Wichtig ist, dass man sich auf eine wahre Freundin oder einen wahren Freund immer verlassen kann, gerade auch in nicht ganz einfachen Situationen. Das Wissen, immer einen Halt zu haben, egal, was auch passiert – das macht wahre Freundschaft aus. Mit guten Freunden kann man zusammen lachen, aber auch weinen. Man hat stets das Gefühl, nicht alleine zu sein. Mit seinem Freund oder seiner Freundin verschwendet man nie Zeit, man fühlt sich immer aufgehoben und kann auch schweren Zeiten gelassen entgegenblicken, da man immer jemanden hat, der einem beisteht. Das führt nicht nur zur mentalen, sondern auch zur physischen Gesundheit. Menschen, die intensive Freundschaften eingehen, beugen damit auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen vor.

Kann aus Freundschaft Liebe werden?

Manchmal kommt es vor, dass man jemanden sein Leben lang kennt und zu diesem Menschen eine tiefe Freundschaft besteht. Und trotzdem gehen beide Beteiligten irgendwann einen Schritt weiter, auch wenn sie das nie für möglich gehalten hätten. Es ist nicht leicht, denn beide wissen, dass ihr Verhältnis danach nicht mehr so sein wird wie zuvor. Sollte die Liebe erkalten und die Beziehung zerbrechen, ist auch die Freundschaft oft nicht zu retten. Davor haben nicht wenige Menschen Angst.

Dennoch können aus echten Freundschaften auch Liebesbeziehungen werden. Ob zwischen Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau, ist dabei eigentlich nicht wichtig. Und doch ist das soziale Umfeld entscheidend dafür mitverantwortlich, dass gerade Freundschaften zwischen Mann und Frau immer mit Vorurteilen behaftet sind, die sich auf sexuelle Anziehungskraft stützen. Doris Fazekas schreibt in ihrer Studie "Freundschaft als Ressource" (2011) dazu: "Viele soziale Strukturen sind darauf ausgerichtet, dass die Beziehung zwischen den Geschlechtern sexuell gefärbt ist. Die Liebesbeziehung nimmt diese sexuellen Schwingungen auf und bietet einen sozialen Ort, an dem sie ausgelebt werden können. Das Freundschaftsmodell hingegen bietet wenige Anhaltspunkte, wie mit sexuellen Gefühlen umgegangen wird. Wenn zwei Individuen verschiedenen Geschlechts aufeinander treffen, besteht von vornherein Unklarheit, welches Verhältnis vom anderen angestrebt wird – dadurch entsteht Verwirrung, und klare Verhältnisse können sich erst über lange Zeit hinweg bilden und sich einigermaßen stabilisieren. Allerdings ist auch dies keine Garantie – wie oft passierte es doch schon, dass sich einstige Freunde unter bestimmten veränderten Gegebenheiten ineinander verliebten?"

Enge Freundschaften bilden vor allem im Bereich des Vertrauens dafür den geeigneten Nährboden. So schreibt der Psychologe Hans-Werner Bierbaum im Fachblatt "Forschung & Lehre": "Freundschaftliche Liebe entsteht aus langer Bekanntschaft oder Freundschaft. Gemeinsame Interessen und Aktivitäten stehen im Mittelpunkt der Beziehung. Sexuelle Anziehung entwickelt sich im Laufe der Zeit. Es dominiert emotionale Gelassenheit, die durch Toleranz und Respekt gekennzeichnet ist. Beispielaussage: 'Die beste Art von Liebe entsteht aus einer engen Freundschaft.'" Allerdings tritt Freundschaft zugunsten einer Liebesbeziehung umgehend in den Hintergrund und ist nicht immer aufrechtzuerhalten. "Als sinnstiftendes System hat die Paarbeziehung wohl immer noch die wichtigere Position inne, da sie emotional stärker besetzt ist als die Freundschaft. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb selbst gute Freundschaften für neue Liebesbeziehungen manchmal vernachlässigt werden, aber selten umgekehrt. Dennoch übernehmen bestehende Freundschaften den Ausgleich, falls Schwierigkeiten in der Liebesbeziehung auftreten sollten, oder keine Möglichkeit besteht, eine zu führen. Somit könnte sie als „gute Seele“ unter den sozialen Mikrogefügen bezeichnet werden: Sie hat einen unauffälligen Charakter, ist aber mit großer Sicherheit da, wenn sie benötigt wird. Die wichtigste Aufgabe der Freundschaft zwischen Mann und Frau besteht derzeit also darin, einen sozialen Raum zu eröffnen, der als Puffer, Ausgleich und regulatives Element zwischen dem Individuum und der Komplexität der Welt wirkt", so Doris Fazekas.

Wie hat sich Freundschaft in Zeiten von Internet und Social Media verändert?

"Wow, ich habe zehn neue Freunde" – Sätze wie dieser fallen nicht selten in Zeiten allgegenwärtiger Social Media-Kanäle wie Facebook, Instagram, Twitter und Co., doch meistens hat das Wort Freund in diesem Kontext nicht viel mit seiner ursprünglichen Bedeutung zu tun. Stattdessen handelt es sich eher um digitale "Follower", die den Schritten einer Person auf den Social Media Plattformen folgen wollen und sich daher mit ihnen "befreunden". Manchmal fällt zwischen digitalen Freunden in vielen Jahren nicht ein einziges Wort. Manchmal kommunizieren sie nur durch "Gefällt mir"-Angaben miteinander. Diesen Freunden würden die meisten Menschen nicht ihre Geheimnisse anvertrauen oder sie darum bitten, Trauzeuge bei ihrer Hochzeit zu sein. Es geht nur um Kontakte. Das Wort "Freund" wird als positiver Begriff genutzt, um eine im Grunde unpersönliche Kommunikationsart zu emotionalisieren. Andererseits ist das Mitteilungsbedürfnis gerade auf sozialen Plattformen im Internet bei vielen Menschen sehr hoch, sodass Vertrautes, das früher "echten" Freunden vorbehalten war, nun mit vielen "geteilt" wird.

Seit es das Internet gibt, werden auch persönliche Kontakte anders gepflegt. Per Messenger-Dienst lassen sich blitzschnell Sprach- oder Textnachrichten verschicken. Telefonate oder Treffen werden oftmals überflüssig gemacht. Auch per Zoom, Skype und anderen Videokonferenzprogrammen lassen sich persönliche Kontakte herstellen, ohne sich tatsächlich zu begegnen. Diese Arten der Kommunikation haben eine andere Qualität als klassische Treffen. Man ist abhängig von der Technik, kann sein Gegenüber oft nicht wirklich wahrnehmen und diverse, von der Körpersprache abhängige Signale nicht erkennen.