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Zu viel Akribie sorgt für Stress und ist nicht immer nötig.Tipps für das richtige Maß.

Das Beste geben : Perfektionismus im Job

Hauptsache schnell erledigt, das ist das Motto der einen. Andere verbeißen sich so lange in einer Aufgabe, bis alles perfekt ist – und geraten in Stress. Wie man lernt, ein gesundes Maß zu finden.

Noch ein letzter Check und dann abgeben. Oder besser doch noch mal das ganze Dokument prüfen: Hier muss das Textfeld noch ein wenig nach links. Ob das auf den anderen Seiten auch so ist? Wieder ein Check.

So kann es bei Perfektionisten ewig gehen: Der Chef hat nur um eine kurze Aufstellung gebeten und der perfektionistische Mitarbeiter erstellt akribisch eine seitenlange Präsentation, bei der jedes Detail zu 100 Prozent passen muss. Das Problem: Der Chef wundert sich, warum es so lange dauert, und der Mitarbeiter gerät in Stress, weil er zu wenig Zeit hat.

Doch Perfektionismus muss nicht immer etwas Schlechtes sein. Allerdings macht auch hier die Dosis das Gift: Wer an einer kurzen Aufstellung tagelang feilt und eine seitenlange Präsentation erstellt, bekommt ein Zeitproblem und arbeitet ineffizient. Aber: „Man muss seinen Perfektionismus nicht loswerden wollen“, betont Karrierecoach Bernd Slaghuis, Autor des Buchs „Besser arbeiten“. Er sieht hinter dem Phänomen Gewissenhaftigkeit und eine Person, der Ordnung und Struktur wichtig sind. „Das sind eigentlich Stärken“, sagt er.

Auch ein Blick auf die Ursachen des Perfektionismus’ könne hilfreich sein, meint Jochen Mai, Betreiber des Portals „Karrierebibel“. Perfektionismus sei gut, wenn jemand immer das Beste gibt oder zu
100 Prozent gute Ergebnisse liefern will. „Schlecht ist es, wenn jemand aus Angst vor Fehlern oder aus Angst vor Kritik perfektionistisch ist.“ Das führe in der Regel dazu, dass jemand ineffektiv arbeitet und unzufrieden ist.

In manchen Situationen ist Perfektionismus natürlich unverzichtbar: Ein Flugzeugbauer etwa sollte bei der Konstruktion der Triebwerke alles andere tun, als Fünfe gerade sein lassen.

Aber wie bekommt man in Sachen Perfektionismus ein gesundes Maß hin? Einen Schalter gibt es natürlich nicht. „Perfektionismus ist wie so vieles ein gewohntes Verhalten, das man sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte durch Erziehung oder Erfahrungen antrainiert hat“, erklärt Slaghuis. Das könne man nur verändern, wenn man ganz bewusst und konsequent daran arbeitet.

Hilfreich sei es, in jeder stressigen Situation eine Entscheidung zu treffen. Wer merkt, dass es mit der Erledigung einer Aufgabe zeitlich eng wird, sollte sich bewusst fragen: Was mache ich hier gerade? Muss wirklich jedes Detail perfekt sein oder was sind stattdessen die Konsequenzen? „So lernt man im besten Fall, dass es gesünder ist, auch mal die Entscheidung für ein 80-prozentiges Ergebnis zu treffen“, sagt Slaghuis.

Im Team ist es für Perfektionisten oft schwierig, denn in der Regel haben sie einen sehr hohen Anspruch an alles. Es sind also auch die Kollegen betroffen. „Einen Perfektionisten im Team zu haben, ist für die anderen in der Regel anstrengend und zeitraubend“, weiß Mai. „Jedes Mal muss man ihn überzeugen, über seinen eigenen Schatten zu springen und abzugeben.“

Das gelte vor allem, wenn das restliche Team aus normal gewissenhaft arbeitenden Kollegen besteht. Arbeitet ein Perfektionist mit eher schlampig arbeitenden Kollegen, dann hebe sein Anspruch natürlich das Qualitätsniveau.

Für den Umgang untereinander rät Bernd Slaghuis zum Umdenken: Statt den Kollegen zu sehen, der lange braucht und ewig an allem herumkrittelt, sollte man sich überlegen, wofür man diesen Kollegen auch schätzt. Zum Beispiel dafür, dass er immer dafür sorgt, dass das Team gute Arbeit abliefert. „Ein Team lebt von einer Vielfalt an Stärken“, betont der Karriereberater. Wer einen Perfektionisten als Kollegen hat, sollte seiner Ansicht nach bei ihm nachfragen, was ihn stresst, Unterstützung anbieten oder erklären, dass es aus Erfahrung auch die einfache Lösung sein darf.

Wer schon vom eigenen Perfektionismus weiß, könnte auch im Vorstellungsgespräch damit konfrontiert werden. „Schwächen sollte man nennen, verklausulieren ist Quatsch“, meint Jochen Mai. Es sei eine Illusion zu glauben, dass Personaler darauf hereinfallen. Gefragt ist ein selbstreflektiver und konstruktiver Umgang. Man könnte zum Beispiel sagen: „Ich neige zum Perfektionismus, habe aber erkannt, woran es liegt, und ich arbeite daran.“

Bernd Slaghuis schlägt außerdem vor, schon früh den Wunsch zu formulieren, dass künftige Vorgesetzte Klarheit schaffen, wie das Ergebnis aussehen soll. Zum Beispiel, ob für die Aufstellung ein handschriftlicher Zettel ausreicht oder eine perfekte Präsentation ausgearbeitet werden soll.