Zeugnis vom Chef

Anders als beim Ende eines Arbeitsverhältnisses (Paragraf 109 Gewerbeordnung) gibt es keine gesetzliche Pflicht des Arbeitgebers, ein Zwischenzeugnis auszustellen. Mitunter wird der Arbeitgeber jedoch durch den Arbeitsvertrag oder Tarifvertrag dazu verpflichtet.

Selbst ohne jegliche Regelung kann ein Zwischenzeugnis beansprucht werden, wenn der Arbeitnehmer daran ein "berechtigtes Interesse" hat oder ein "triftiger Grund" vorliegt. Das Bundesarbeitsgericht hat dazu in einem Urteil einige Beispiele genannt (Az: 6 AZR 171/92). So etwa die Bewerbung für eine neue Stelle, Betriebsänderungen, Veränderung des Arbeitnehmers, längere Arbeitsunterbrechungen ab etwa einem Jahr (Elternzeit, Wehrdienst) oder die Vorlage des Zeugnisses bei Behörden und Gerichten. Der Wechsel des Vorgesetzten wird ebenfalls als ein berechtigtes Interesse anerkannt, ein Zwischenzeugnis zu fordern. Schließlich könnten die bis dahin guten Leistungen des Arbeitnehmers in Vergessenheit geraten, wenn mit dem neuen Vorgesetzten plötzlich die "Chemie" nicht mehr stimmt. "Das Gleiche könnte passieren, wenn der Arbeitnehmer innerhalb des Unternehmens wechselt und damit neue Aufgaben und neue Vorgesetzte bekommt", sagt die Arbeitsrechtlerin Hildegard Gahlen.

Der Vorteil am Zwischenzeugnis: Der Arbeitgeber ist an den Inhalt zumindest eine Weile gebunden – folgt kurze Zeit später ein Endzeugnis, so darf es nicht wesentlich anders ausfallen. Ein Zeitbeispiel lieferte das Landesarbeitsgericht Köln (11 Sa 235/97): Nach fünfjähriger Mitarbeit war einem Angestellten im Zwischenzeugnis die "vollste Zufriedenheit" des Arbeitgebers bescheinigt worden. Zehn Monate später, im Schlusszeugnis, sollte es nur noch die "volle Zufriedenheit" sein. Die Arbeitsrichter urteilten, innerhalb von nur zehn Monaten könne sich die Beurteilung nicht so verschlechtern.

"Wie lange ein Arbeitgeber an ein Zwischenzeugnis gebunden ist, hängt wesentlich von der Zeit ab, die bis zum Zwischenzeugnis im Unternehmen gearbeitet wurde", sagt Professor Gahlen. "Hat jemand bis zum Zwischenzeugnis nur ein Jahr gearbeitet, kann sich die Beurteilung schneller ändern als bei jemandem, der bereits zehn Jahre im Betrieb war."

(RP)
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