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Belastungsprobe für die Liebe: Wenn der Mann arbeitslos wird

Belastungsprobe für die Liebe : Wenn der Mann arbeitslos wird

Gunzenhausen (RPO). Plötzlich verändert sich im Leben der Familie alles: Aus einer drohenden Kündigung wird Realität, der Vater verliert seinen Job. Jahrelang lief alles rund, der Arbeitsplatz erschien beständig. Nun sichert das monatliche Gehalt die Existenz nicht mehr. Wie soll die Familie das durchstehen?

„Mit der Arbeitslosigkeit stehen Ehe und Familie vor einer harten Belastungsprobe“, sagt Diplom-Psychologe Stefan Mages aus Gunzenhausen (Bayern). Auch wenn zuvor beide Partner für das Familieneinkommen Sorge getragen haben, trifft Familienväter der Verlust des Arbeitsplatzes besonders hart. Wut und Angst vor der Zukunft beherrschten die Gefühle. „Die meisten Männer sehen sich vor allem in der Rolle des Ernährers. Wie kann ich für die finanzielle Absicherung meiner Familie Sorge tragen? Bin ich ohne Job noch etwas wert?“ Das sind Fragen, die arbeitslose Familienväter und Ehemänner beschäftigten, sagt Mages. „Das Selbstbewusstsein vieler Männer steht
und fällt mit ihrer beruflichen Leistung.“

Mit der Kündigung entstehen schnell grundlegende Existenz- und Versagensängste. Besonders für die Partnerin sind die Veränderungen ihres Mannes oft erschreckend: Aus einem lebensfrohen Vater wird ein reizbarer Nörgler, aus einem kommunikativen Partner plötzlich ein stiller, zurückgezogener Mensch. „Der Schicksalsschlag Arbeitslosigkeit kann sich auf alle sozialen Beziehungen übertragen“, sagt Diplom-Psychologe Gert Lehmann aus Netphen
(Nordrhein-Westfalen). „Mangel an Lebensfreude, Lethargie, erhöhte Reizbarkeit, Schlaflosigkeit und Rückzug bis hin zu sexueller Distanz und Impotenz können die Folge sein.“

Die Wesensveränderung des Mannes stellt die Beziehung auf die Probe, aus ersten Reibereien entstehen langfristig Konflikte. „Wenn Frauen erleben, dass der Partner sich zurückzieht, die Nähe zur Familie meidet oder am Abend in die Kneipe flüchtet, nehmen sie das häufig persönlich“, sagt Lehmann. Doch stille Resignation und partnerschaftliche Distanz sollten nicht als Zeichen des
Liebesverlustes gesehen werden: „Frauen müssen sich klar machen, dass das Verhalten ihres Mannes nicht gegen sie gerichtet ist.“

Gespräche und partnerschaftlicher Zusammenhalt können die Basis für eine stabile Beziehung sichern: „Sprechen Sie ehrlich über Ängste und Sorgen: Wie kommen wir jetzt klar? Welche Möglichkeiten stehen uns offen?“, rät Brigitte Siebe, Leiterin der Arbeitslosenberatung im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Celle. Auch bei der Suche nach einem neuen Job oder der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche sollten Vereinbarungen getroffen werden. Wer liest die Stellenanzeigen? Wer bringt die Bewerbung in Form? „Analysieren Sie mit ihrem Partner genau die Lage und verteilen Sie Verantwortlichkeiten.“

Nicht das Heft aus der Hand nehmen

Doch im Wunsch, ihren Partner zu unterstützen und ihn zu motivieren, schießen Frauen oft über das Ziel hinaus. Warum schreibst du heute keine Bewerbungen? Warum hat es beim Vorstellungsgespräch schon wieder nicht geklappt? „Frauen sollten ihrem Mann nicht das Heft aus der Hand nehmen, sondern ihn in seinen Bemühungen bestärken“, rät Mages. Wer immer wieder nachfragt, kritisiert oder kontrolliert, bedränge den Partner und setze ihn unter Druck.

Um das geschwächte Selbstbewusstsein durch den Jobverlust wieder zu stärken, braucht es vor allem Verständnis und Wertschätzung innerhalb von Ehe und Familie: „Liebe verbindet und ist das beste Mittel gegen Resignation“, sagt Siebe. „Durch Einfühlungsvermögen und liebevollen Rückhalt können sich die Partner in dieser schwierigen Situation gegenseitig stärken“, sagt Lehmann.

Auch der Alltag sollte strukturiert werden, um Stolpersteine zu umgehen. Den ganzen Tag zu Hause zu sein, kann den Arbeitslosen belasten - aber auch seine Partnerin, falls sie ebenfalls zu Hause ist. Um nicht aufeinander zu hocken und sich auf die Nerven zu gehen, helfen laut Mages klare Absprachen, wie die Aufgaben im Haushalt aufgeteilt werden und wann Zeiten für eigene Aktivitäten und Hobbys bleiben. Frauen sollten dabei nicht aus Rücksicht auf den Partner
ihre eigenen Interessen zurückstellen. „Das Leben muss soweit wie möglich normal bleiben, sonst leidet die Partnerschaft“, sagt Mages. „Es ist wichtig, am gewohnten Tagesrhythmus festzuhalten“, rät auch Brigitte Siebe.

Nachsicht üben

Doch Frauen sollten hier vor allem in der ersten Zeit Nachsicht mit ihrem Partner haben. „Beide Partner müssen sich an die neuen Lebensumstände anpassen“, sagt Psychologe Lehmann. „Versuchen Sie, das Beste daraus zu machen“, empfiehlt Hanne Reutti, Lebensberaterin der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung in Karlsruhe. Sie rät Frauen, sich Zeit für ihre Männer zu nehmen. Ob gemeinsame Ausflüge, ein Kinobesuch zu zweit oder aktive Zeit mit den Kindern: „Zeigen Sie Ihrem Mann, wie wertvoll er als Vater und Partner ist.“

Wenn jedoch alle liebevollen Bemühungen scheitern und die Paarbeziehung leidet, sollten Männer sich professionelle Hilfe suchen, so Reutti: „Auch die Möglichkeiten von Frauen bei der Unterstützung ihres Partners sind auf Dauer begrenzt.“