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Soziologe Thomas Druyen rät dazu, regelmäßig an die Zukunft zu denken

Zukunftsperspektiven : Die Unlust auf das Unbekannte

Der Düsseldorfer Soziologe Thomas Druyen rät dazu, sich regelmäßig Gedanken über die private und berufliche Zukunft zu machen. Am Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement hat er dafür einen Kompass entwickelt.

Gedanken über die persönliche Zukunft machen wir uns in jeder Lebensphase: kurz vor dem Abschluss von Schule oder Studium, vor einem runden Geburtstag, im Laufe eines Arbeitslebens und genauso, wenn der wohlverdiente Ruhestand näher rückt. Doch machen wir uns die Zukunftsgedanken ausreichend und zum rechten Zeitpunkt? Oder verdrängen wir es gar lieber, eigene Pläne mittelfristig und langfristig zu schmieden?

Der renommierte Soziologe Thomas Druyen sagt: Ja. Und er unterstreicht dies mit einer typisch deutschen Eigenschaft: „Grundsätzlich sind wir Deutschen enorm belastbar und haben starke Widerstandskräfte. Allerdings haben wir eine Unlust auf das Unbekannte. Wir brauchen klare Ansagen und einen fest definierten Horizont“, sagt Druyen. Diese Haltung ist riskant, da sich um uns herum alles in einer nie gekannten Geschwindigkeit verändert. Um diesen digitalen und existenziellen Wandel zu bewältigen, bedarf es nach Druyens Einschätzung neuer Lebenshaltungen und einer agilen Vorstellung von Bildung.

Der gebürtige Niederrheiner forscht seit Langem zu Fragen des Zeitenwandels und der Gesellschaftsperspektiven. Er
leitet seit 2006 an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien das Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement (IZZ), das rund fünf Jahren eine Niederlassung in Düsseldorf hatte, die jetzt nach Essen umgezogen ist. Ansatz der Forschungsarbeit ist es, die psychischen und sozialen Auswirkungen der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz auf den Menschen zu analysieren. Denn der rasante technische Fortschritt zwingt die Arbeitnehmer heute mehr als etwa vor 40 Jahren dazu, sich vorausschauend Gedanken über die eigene berufliche Zukunft zu machen. „Früher konnte man seine Ausbildung machen und mit dem Wissen sein ganzes Arbeitsleben bestreiten. Heute können wir gar keine großen Zeiträume mehr überblicken. Viele Stellen werden wegfallen, aber auch neue, jetzt noch unbekannte hinzukommen. Wir brauchen eine neue Zukunftskompetenz – und die kann man trainieren“, sagt Druyen.

Das Team des Wissenschaftlers hat über 7000 Interviews geführt und daraus einen Zukunftskompass entwickelt. Dieser stellt Fragen zu verschiedenen Lebensbereichen und aus verschiedenen Blickwinkeln. Entscheidend ist der zeitliche Bezugsrahmen, der immer mindestens zehn Jahre in die Zukunft weist. „Damit nutzen die Befragten ihre Imagination, ihre Intuition und ihre Phantasie“, so Druyen.

Der Soziologe motiviert jeden dazu, sich zielgerichtet Gedanken über die persönliche Zukunft zu machen, diese aber auch regelmäßig zu überprüfen. „Man sollte sich mehrmals im Jahr mit Familie, Freunden und Arbeitskollegen die Frage stellen, wie man in zehn Jahren leben will“, sagt Thomas Druyen. Er rät, auf einer Prioritätenliste aufzuschreiben, was für einen jetzt gerade am wichtigsten ist, um einige Zeit später auch bewusst hinterfragen zu können, ob sich Prioritäten und Perspektiven seitdem vielleicht verändert haben, und um dann entsprechend zu handeln, etwa durch Weiterbildung, ein Zukunftsgespräch mit dem Arbeitgeber oder gar einen beruflichen Neuanfang.

In Workshops, Studien und Vortragsreihen befasst sich das IZZ mit den zukünftig notwendigen Lebenshaltungen, um in einer Welt der exponentiellen Veränderung klug navigieren zu können. Am neuen Standort in Essen bei der Opta-Data-Gruppe wird in Zusammenarbeit mit der dortigen Uni-Klinik zum Beispiel intensiv im Aufgabenbereich des Pflegeberufs geforscht. Eine erste Studie über die Zukunft der Pflege beginnt in Kürze.

In einem zweiten Projekt analysiert das IZZ gemeinsam mit dem Opta-Data-Institut die psychologischen und sozialen Voraussetzungen für eine auch durch Corona nachhaltig veränderte Arbeitswelt im Gesundheitswesen. Wo es wie selbstverständlich darauf ankommt, dass Menschen für Menschen arbeiten, muss der Einsatz von Robotik und künstlicher Intelligenz allerdings genauso wenig ausgeschlossen sein wie in anderen Branchen und Berufsbildern. „Die künstliche Intelligenz nimmt uns Menschen nicht die Arbeit weg, sondern sie ermächtigt uns, sie neu zu gestalten und durch eine Vielzahl von Assistenzsystemen nutzenstiftender zu machen“, sagt Thomas Druyen.

Kaum jemand möchte auf das Internet oder das Smartphone verzichten, so der Soziolge. Trotzdem sollte man kritisch bleiben. „Aber der Mut und die Bereitschaft, sich vor allem in den Bereichen New Work und auch Neues Lernen zu öffnen, wird unverzichtbar.“