Serie: Auslandsknigge (Teil 4): Russland: Zwischen Geschäftssinn und Wodka

Serie: Auslandsknigge (Teil 4) : Russland: Zwischen Geschäftssinn und Wodka

Ob in Moskau oder St. Petersburg, Russland verfügt über beeindruckende Bauten und Menschen mit großem Geschäftssinn - das ist bekannt. Welche Traditionen und Höflichkeiten im Land des eisigen Winters an der Tagesordnung sind, wissen jedoch nur wenige.

Schon die Anrede ist in Russland ein Kapitel für sich: Russen verfügen über drei Namen, den Familiennamen, den Namen des Vaters und den Vornamen. Zudem ist die Endung des Namens bei Frauen und Männern unterschiedlich. In der Regel verwendet man bei der Anrede einer Person, zu der man ein förmliches Verhältnis pflegt, den Vor- und den Vatersnamen. Die "Sie-Form" wird als höflich empfunden. Das "Du" sollten sich Landesgäste immer anbieten lassen, um nicht zum falschen Zeitpunkt damit herauszurücken.

Frauen in Russland So könnten gerade emanzipierte Geschäftsfrauen in Russland zunächst in Probleme geraten. Da die russische Kultur relativ konservativ geprägt ist, wird es als unangebracht empfunden, wenn Frauen die Rechnung bezahlen, schweres Gepäck hieven oder auch die Weinflasche am Tisch entkorken. Auch der Handschlag ist den Männern vorbehalten. Fremde Frauen zu berühren, und sei es zur Begrüßung, ist in Russland verpönt.

Mehr Nähe als gewöhnlich Besonders verwirrend sind in Russland auch die alltäglichen Umgangsformen. Während sich die Menschen auf offener Straße oft eher unterkühlt und griesgrämig begegnen, ändert sich dies schlagartig in einem persönlicheren Ambiente. Haben sich Russen mit jemandem näher bekannt gemacht, sind etwa Umarmungen und Küsse zur Begrüßung - auch auf den Mund - unter Männern normal.

Grundsätzlich suchen Russen zu ihrem Gesprächspartner eine gewisse Nähe. Regelmäßige Berührungen und intensive Blicke gehören deshalb oftmals dazu. Das kann für westliche Neuankömmlinge zunächst seltsam wirken. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln wird der persönliche Raum kaum gewahrt. Hier wird gedrängelt, sich berührt und ohne Hemmungen alle Plätze belegt.

Großer Pathos Ob menschliche Nähe oder emotionale Intensität, Russen sind Freunde großer Gesten. Gerade bei einem langen Abendessen kann es dazu kommen, dass sie in ihrem Umgang richtig auftauen. Dabei kann es neben Umarmungen und ausschweifenden Reden sogar zu Dankes-, Freuden oder Trauertränen kommen.

Einladung nach Haus Als besondere Ehre gilt eine private Einladung nach Hause. So ein Angebot sollte niemals abgelehnt werden, und unbedingt ein Gastgeschenk eingeplant werden. Doch Vorsicht: Hier spielt Aberglaube eine Rolle: Eine gerade Anzahl Blumen wird nur zu Traueranlässen vergeben. Zu Einladungen sollte es ein Strauß mit einer ungeraden Menge Blumen sein.

Wodka bis zum bitteren Ende Für das Essen selbst, egal ob privat oder in einem Restaurant, gibt es in Russland keine Konventionen. Keinen Spaß kennen Russen allerdings in Sachen Wodka. Der Kartoffelschnaps ist das Nationalgetränk des Landes und seine Einwohner verstehen sich sehr gut darauf ihn zu trinken. Zum Glück ist das für Gäste jedoch kein Muss. Wer nicht mittrinken möchte, kann ablehnen oder einen gesundheitlichen Vorwand als Entschuldigung nennen.

Andererseits gilt: Wer einmal begonnen hat mitzutrinken, muss auch durchhalten, bis die Einheimischen das letzte Glas ausrufen. Auf halben Weg aufzugeben wirkt unhöflich und schwach.

Keine Gnade bei Verhandlungen Trotz des Pathos sollten Russen als Geschäftspartner keineswegs unterschätzt werden. Zu Verhandlungen kommen sie oftmals in Gruppen mit viel Expertise, weshalb es ratsam ist, eine entsprechende Mannschaft hochrangiger Führungskräfte und kompetenter Mitarbeiter dabei zu haben. Die Gespräche selbst laufen oft knallhart und vor allem sehr macht- und hierarchie-orientiert ab. Es ist wichtig hier gut Konter zu geben und mindestens gegenzuhalten, um die Schlacht letztlich zu gewinnen.

Prost Übrigens "Prost" heißt auf russisch nicht "Na sdorowje", wie es Hollywood-Filme oft zeigen. Dieser Spruch wird eher auf Müsli-Packungen und ähnlichen Produkten eingesetzt und bedeutet sinngemäß "genieß es" oder auch "bitte schön". Als Kenner kann sich hervorheben, wer "Sa sdorowje" beim Heben des Glases sagt. Das bedeutet "auf die Gesundheit", und gilt als echter russischer Trinkspruch.

(ham)
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