Geduld und Fingerspitzengefühl: Neu im Job: Aller Anfang ist schwer

Geduld und Fingerspitzengefühl : Neu im Job: Aller Anfang ist schwer

Wer den Traumjob gefunden und vielköpfige Konkurrenz aus dem Feld geschlagen hat, fühlt sich nicht selten wie ein glücklicher Gewinner im Lotto. Aber oft reagiert man dann auch wie ein Lottogewinner, nämlich mit Leichtsinn. Doch Vorsicht: Nach der Bewerbung ist vor der Bewerbung.

"Das Bewerbungsverfahren geht in den ersten Monaten weiter," so Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie in Berlin. Denn ähnlich präzise und sorgsam wie die Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch sollte auch die Vorbereitung auf den neuen Arbeitsplatz ablaufen. Es gilt, anhand von Pressemitteilungen oder Geschäftsberichten weitere Informationen über den künftigen Arbeitgeber einzuholen. Kleinere Lücken etwa bei Fremdsprachen- oder PC-Kenntnissen lassen sich vielleicht noch mit einem Crash-Kurs schließen.

Auch die körperliche Fitness sollte man bei der Vorbereitung nicht außer Acht lassen. Ulrich Holst, Autor des Ratgebers "Ich bin neu hier", kann das nur bestätigen: "Man muss in den ersten Tagen frisch und ausgeschlafen sein, denn die werden extrem anstrengend." Und er fügt hinzu: "Ein neuer Job ist wie eine Organverpflanzung." Jürgen Hesse bemüht ein ähnliches Bild: "Die ersten Tage sind wie eine Geburt."

Der Neuling muss sich gleich zu Beginn einiges merken, lernen und klar machen. Er muss sich mit den Arbeitsabläufen und der Bürotechnik vertraut machen und wird mit einer Unzahl unbekannter Gesichter konfrontiert. Viele sind in der ersten Aufregung zu nervös, sich all die neuen Namen zu merken. "Das aber ist wichtig", betont Holst. "Kollegen könnten beleidigt reagieren, wenn sie noch nach Wochen falsch angesprochen werden." Holst rät, sich als Lernhilfe einen Spickzettel anzulegen.

Wem die Spickzettel zu wenig oder ungeordnet sind, für den empfiehlt sich das Führen eines ganzen "Logbuchs" nach Art von Schifffahrtskapitänen. Das empfiehlt Doris Brenner aus Frankfurt/Main, Autorin des Sachbuchs "Probezeit". Ein solches helfe nicht nur dabei, sich das Erfahrene später zu vergegenwärtigen. Es diene auch der "moralischen Unterstützung", da man beim Zurücklesen feststelle, wie vieles inzwischen selbstverständlich geworden sei. Außerdem könne man durch entsprechende Einträge den Tag innerlich abschließen, damit nicht auch noch der Feierabend vom Chaos im Kopf belastet wird.

Bloß kein Besserwisser sein

Auch Geduld und Fingerspitzengefühl sind gefragt: Wer an seiner neuen Stelle gleich in den ersten Tagen über vermeintliche Missstände stolpert, tut gut daran, auch das zunächst dem Logbuch anzuvertrauen. Nichts hassen Alteingesessene mehr als einen neuen Kollegen, der zwar vielleicht frisch von der Universität kommt, aber schon alles besser weiß. "Das ist ein Kardinalfehler", warnt Doris Brenner. Vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitig wachem Interesse für das neue Unternehmen lautet das Gebot der ersten Stunde. Nach ein paar Monaten kann man sich allmählich aus der Deckung wagen und einen Änderungsvorschlag riskieren.

Langsam sollte sich der Neuling mit seinem Arbeitsumfeld vertraut machen. So sehr er sich um den Job bemüht hat, so sehr könnten die neuen Kollegen für einen Kandidaten aus den eigenen Reihen eingetreten sein. "Man muss sich seinen Platz in der Gemeinschaft erst erobern", sagt Jürgen Hesse. "Das geht nur über vertrauensbildende Maßnahmen."

Einstand feiern - aber bitte in Maßen

Nicht zu unterschätzen ist der althergebrachte Einstand. Er gilt als Chance zur Werbung in eigener Sache. Bei seiner Inszenierung gilt indessen das gleiche wie bei der Wahl der angemessenen Kleidung: nicht zu viel und nicht zu wenig. Die ganze Abteilung gleich zu sich nach Hause einzuladen, könnte großspurig wirken, wenn dergleichen bislang nicht üblich war. Wenn aufmerksame Beobachtung allein keine Aufklärung über die Unternehmungskultur verschafft, muss man bei sympathischen Kollegen nachfragen.

Vorsicht ist aber auch beim Knüpfen von Beziehungen angezeigt. Einerseits muss man sich frühzeitig Vertraute suchen, andererseits darf man sich nicht zu sehr an die ewigen Nörgler einer Abteilung anlehnen und muss lernen, Freund und Feind zu unterscheiden. "Falsche Freunde wird man schwer wieder los", warnt Ulrich Holst. Riskant ist es in jedem Fall, Enthüllungen über den neuen mit Lästereien über den alten Arbeitgeber zu entgelten, denn so etwas rächt sich häufig.

In einigen größeren Unternehmen wird Anfängern ein Mentor oder Pate an die Seite gestellt. Die Regel ist dies aber nicht. "Die Kultur, Mitarbeiter zu integrieren, ist in Deutschland durchaus entwicklungsfähig", kritisiert Jürgen Hesse.

Wichtig: Regelmäßiges Feedback

Ein enger Draht zum Vorgesetzten sollte gepflegt werden. Um sich böse Überraschungen zu ersparen und Zeit zum Gegensteuern zu haben, sollten Neulinge in regelmäßigen Abständen Feedback-Gespräche erbitten. Doch auch die Bedeutung von Mitarbeitern am unteren Ende der Hierarchie ist nicht zu unterschätzen, schließlich könnte es sich um wichtige Multiplikatoren handeln. "Man sollte zu jedem freundlich sein", rät Ulrich Holst. "Das fängt beim Pförtner an."

Wer indessen nur die Probleme der Einarbeitung sieht, läuft Gefahr zu verkrampfen und in bester Absicht erst recht alles falsch zu machen. Ulrich Holst appelliert an Betroffene, einen Jobwechsel auch als Chance zu begreifen, aus alten Verhaltensweisen auszubrechen und sich als Arbeitnehmer quasi neu zu erfinden. Schließlich ist man für die Kollegen zunächst ein unbeschriebenes Blatt.

Literatur: Ulrich Holst: Ich bin neu hier, Lexika Verlag, ISBN 3-89694-404-5, 17 Euro; Doris und Frank Brenner: Probezeit, Humboldt Verlag, ISBN 3-89994-982-X, 7,90 Euro.

Hier geht es zur Infostrecke: Die 10 Gebote der Jobsicherung

(RPO)
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