Treffen in Bad Nauheim: Nachtwächter lassen Zunft aufleben

Treffen in Bad Nauheim : Nachtwächter lassen Zunft aufleben

Bad Nauheim (RPO). Der Zunfttradition zum Trotz beendet Bad Nauheims Nachtwächter Werner Euler seinen spätabendlichen Rundgang durch die Stadt gewöhnlich bei Elfriede. "Sie ist die Wirtin eines Weinlokals", sagt der 50-Jährige. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts musste Bad Nauheims Nachtwächter im Auftrag des Bürgermeisters seine Dienstrunde im einzigen Wirtshaus der Stadt beginnen - um die Sperrstunde auszurufen.

Aus acht Ländern treffen am Donnerstag über 100 Kollegen von Euler in der hessischen Kurstadt ein, um sich beim 25. Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunfttreffen über die Eigenheiten ihres Berufsstands auszutauschen.

Wie die meisten seiner Zunft kann auch Euler die über Jahrhunderte hinter mittelalterlichen Stadtmauern entstandene Profession nur als historische Figur wiederbeleben. Gekleidet in einen Schäfermantel, mit Filzhut und umgehängtem Kuhhorn führt er mehrmals die Woche Besucher und Einwohner zu den Plätzen und Bauten seines Heimatorts, die von der Geschichte der Stadt im Norden Frankfurts erzählen können.

"Nachtwächter kannten sich in den Gassen und bei den Leuten aus wie kein anderer", sagt Euler. Im Zusammenleben der Menschen ist es genau diese Funktion, die Euler und seine Kollegen wieder aufnehmen möchten - dort, wo es möglich ist.

In der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft haben sich inzwischen aus zehn Ländern rund 160 Vertreter des Berufsstands zusammengefunden und die traditionelle Dienstleistung neu begründet. Aus Großbritannien, Frankreich, Polen, Dänemark, den Niederlanden und allen deutschsprachigen Ländern reisen vom 13. bis zum 16. Mai Mitglieder nach Bad Nauheim. Bei dem Treffen wollen sie nicht nur ihre unterschiedliche Berufskleidung, ihre Musikinstrumente und Gesänge vorführen, sondern auch ihr eigenes Zunftverständnis der Öffentlichkeit vermitteln.

Seinen Schäfermantel trägt Euler nicht grundlos. In Nauheims Stadtarchiv ist belegt, dass die Gemeinde letztmals 1808 einen Nachtwächter berief und die Position an den billigsten Anbieter vergab - einen Schäfer. "Der Job war meist lausig dotiert", berichtet Johannes Thier, oberster Zunftmeister.

Tagsüber Totengräber, abends Nachtwächter

Viele seiner früheren Kollegen hätten tagsüber als Totengräber gearbeitet und sich nächtens bei ihren meist einsamen Rundgängen ein Zubrot verdient. "Sie hatten aber auch einen Informationsauftrag", sagt Bankkaufmann Thier, der im Westen Niedersachsens, in Bad Bentheim, seine Zunft vertritt.

Meist zu Beginn seiner Runde verkündete der Nachtwächter der Bevölkerung lauthals das Wichtigste des Tages, setzte sie über Holzsammel- und Jahrmarkttermine in Kenntnis und darüber, wann die Waage auf dem Dorfplatz neu geeicht werde. Trat ein neues Gesetz in Kraft, erfuhren es seine Nachbarn auch von ihm. "Angesichts des Informations-Tsunamis, dem wir inzwischen alle ausgesetzt sind, hätte so ein kurzer Nachrichtenblock heute etwas Wohltuendes", sagt Thier. Nach seinem Einsatz als Nachrichtensprecher wandte sich der Nachtwächter seinem Sicherheitsauftrag zu - und verschwand in den Gassen des Städtchens.

Dabei durfte er auch vor dunklen Ecken nicht zurückschrecken. Allerdings unterstützte ihn fast immer ein Türmer. "Turmleute bewohnten mit ihren Familien tatsächlich die Kirchtürme", erzählt Thier. Sie hatten den Überblick und lenkten ihren Kollegen am Boden gegebenenfalls in Richtung eines verbotenerweise noch beleuchteten Gasthauszimmers oder zu einem irgendwo gefährlich aufflackernden Feuerschein. "Im mittelhessischen Neukirchen bei Alsfeld ist so eine steinerne Türmerwohnung bis heute erhalten geblieben", berichtet Thier. "Eine zugige, enge Behausung."

Nicht überall verrichteten die früheren Kollegen Thiers ihre Arbeit fast am Rand der Gesellschaft. Zum Treffen in Bad Nauheim wird auch George Pickles, der Hornbläser aus der nordenglischen Stadt Ripon, anreisen. Seit 886 und in bis heute ungebrochener Tradition unterrichtet der jeweilige Hornbläser in Ripon seine Landsleute über die täglichen Vorfälle am königlichen Hof.

Um von ähnlich bedeutungsvollen Neuigkeiten zu berichten, lenkt Werner Euler in Bad Nauheim seine Schritte abends zu Elfriede. Auch Bad Nauheims Bürgermeister Bernd Witzel ist auf das Insider-Wissen seines Nachtwächters angewiesen - über Klatsch und Tratsch in der Stadt ist er stets bestens informiert. "Aber ich weiß ja, wo ich den Euler abends immer finde", sagt Witzel lachend.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Nachtwächter treffen sich in Bad Nauheim

(DDP/seeg)
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