Großraum und Desksharing - das sind die Tücken neuer Jobkonzepte

Großraumbüro, Desksharing und Bonussystem : Bürotrends - schaden oder helfen sie?

Flexible Arbeitsumgebungen sollen den Austausch untereinander fördern und die Produktivität steigern. Doch viele Arbeitnehmer fühlen sich in Großraumbüros und beim Desk-Sharing unwohl. Machen sie trotzdem Sinn oder sind sie schädlich für uns?

Gemeinsamkeit und flexibles Arbeiten fördern, den Bedürfnissen der Mitarbeiter gerecht werden. Viele Jobkonzepte der letzten Jahrzehnte hatten diese Ziele. Großraumbüros sind fast überall zur Normalität geworden. Einen eigenen Schreibtisch haben viele Beschäftigte nicht mehr. Wir haben mit Arbeitsforschern, Unternehmensberatern und Psychologen über Desk-Sharing, Bonussysteme und andere Trends in der Jobwelt gesprochen. Was wir wissen wollten: Helfen sie oder schaden sie?

  • Das Großraumbüro

Der Raum wirkt groß und offen. Mitarbeiter stehen an Desks und sprechen miteinander, in einem anderen Bereich klappern Computertastaturen, daneben wird telefoniert, kopiert oder ein Schwätzchen gehalten. In vielen Unternehmen gibt es solche Großraumbüros. Sie sollen die Kommunikation erhöhen und die Produktivität steigern.

Zwar sparen Firmen damit Platz und Geld. Ob Kommunikation und die Arbeitsleistung dadurch besser werden, stellen Experten in Frage: „Der Mensch braucht eine Heimat, einen Rückzugsraum und daneben auch die Möglichkeit zur Kommunikation“, sagt Michael Kastner. Er leitet das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke und berät als Organisationspsychologe Firmen in der Gestaltung von Arbeitsumfeldern. Kastner hält von Großraumbüros wenig:

„Lärm und Unruhe führen dazu, dass sich die Beschäftigten schlecht konzentrieren können“, sagt er. Das belegt auch eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung. Darin kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Kommunikation als Lärm wahrgenommen wird, wenn die Räume zu groß und zu wenig schalltechnisch optimiert sind. Um die Situation zu verbessern, raten die Wissenschaftler zur Einführung von Nutzungsregeln für diese Büroformen.

Wirtschaftswissenschaftler der Harvard Business School haben in zwei Experimenten herausgefunden, dass die Kommunikation im Großraum nicht zu- sondern abnahm. Die Zahl direkt miteinander geführter Gespräche ging um 70 Prozent zurück. Mail und Messenger-Nutzung stiegen dagegen um 67 Prozent. Die Produktivität der Firmen minderte sich dadurch.

Forscher der Hochschule Luzern fanden heraus , dass in Großraumbüros Arbeitende häufiger krank sind und die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen steigt, je mehr Menschen in einem solchen Büro tätig sind. Nur 24,5 Prozent gaben an, im Großraumbüro zufrieden zu sein. Im Einzelbüro hingegen lag die Zufriedenheit bei beinahe 80 Prozent. Rund 60 Prozent der in Großraumbüros Beschäftigten gaben in der Untersuchung zudem an, sich häufig von Gesprächen zwischen Kollegen gestört zu fühlen. Im Vergleich dazu waren es in Büros mit drei bis sechs Personen lediglich 50, in Zweierbüros gar nur 30 Prozent.

„Geeignet ist die Idee vom Arbeiten im Großraum, wenn zusätzlich genügend Meeting- oder Einzelräume vorhanden sind, in die man sich zurückziehen kann“, sagt Christopher Schulz, Unternehmensberater aus München. „Einfache Aufgaben, für die man nur 40 bis 50 Prozent Aufmerksamkeit braucht, können dann im Großraum ausgeführt werden.“ Bei Aufgaben, die eine hohe Konzentration erfordern, rät er zum Rückzug in ein Einzelbüro.

Organisationspsychologe Kastner empfiehlt so zu arbeiten, wie es dem eigene Biorhythmus entspricht. Oft ist die produktivste Arbeitsphase am Vormittag. In dieser Zeit sollte man ein Einzelbüro zum Bearbeiten komplexer Aufgaben nutzen. Ab mittags empfehle sich oft die Arbeit im Großraum. Dann stehe die Kommunikation im Vordergrund. Es sei die Zeit für „Management by walking around“, sagt Kastner. Also Zeit dafür, während des herumlaufens, Dinge zu organisieren.

  • Desksharing

Arbeitsplatzkonzepte setzen heute auf Flexibilität. Kundentermine, Tage im Homeoffice - all das bedingt, dass nicht jeder Mitarbeiter jeden Tag im Büro anwesend ist. „Vieles dematerialisiert sich“, sagt Schulz. Der Desktop-Computer weicht dem persönlichen Laptop, Festnetztelefone sind oft nicht mehr nötig. Auf diesen Grundgedanken baut das Prinzip Desksharing: Es gibt weniger Arbeitsplätze als Mitarbeiter und somit auch keinen festen Arbeitsplatz mehr für jeden Beschäftigten. Jeder kann an jedem Schreibtisch arbeiten.

Seit den 1970er Jahren zeigen arbeitspsychologische Studien, dass Menschen sich an einem eigenen Schreibtisch wohler fühlen als an ständig wechselnden Arbeitsplätzen. In Büros mit flexibel besetzten Arbeitstischen sind Fehlzeiten bei den Mitarbeitern fast doppelt so hoch, zeigte eine Studie der Universität Stockholm. Das Fehlen der Privatsphäre und einer persönlich gestalteten Arbeitsumgebung kann eine dauerhafte psychische Belastung darstellen.

Kritiker vergleichen das für die Unternehmen kostensparende Modell „Desksharing“ mit dem Kinderspiel „Die Reise nach Jerusalem“, bei dem zum Schluss ein Kind ohne Stuhl bleibt. Bei einzelnen Mitarbeitern kann das zu innerer Unruhe führen. Eine Schweizer Untersuchung ergab, dass 43 Prozent der Befragten sich morgens bereits vor der Arbeit dadurch unter Druck gesetzt fühlen, dass sie nach einem freien Schreibtisch suchen müssen. Durch Desk-Sharing fühlen sich Mitarbeiter zudem anonymer und weniger zugehörig zum Unternehmen.

Eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass sich Desk-Sharing-Modelle dort anbieten, wo Beschäftigte im Betrieb oder Kundendienst arbeiten, also häufig außer Haus sind.

  • Bonussysteme

Bonussysteme sollen die Motivation und Leistungsfähigkeit ankurbeln. Das allerdings gelingt nicht in jedem Fall. Werden Boni einzelnen Mitarbeitern als Belohnung für besondere Leistung oder Kreativität in Aussicht gestellt, kann sich das negativ auf das Unternehmensklima auswirken, fand Susan Reh, Organisationspsychologin an der Universität Groningen, heraus. Auf der Jagd nach dem Bonus würden oft Vergleiche zu anderen gezogen und Konkurrenz und Missgunst wachsen. Schnell setzt sich dann eine besondere Denke fest: „Ich kann nur gewinnen, wenn ein anderer verliert“, sagt Reh. In Unternehmen wie Microsoft oder Yahoo habe man zum Beispiel beobachtet, dass sich die Einführung von Rankingsystemen nachteilig auswirkte, weil sie die negativen Verhaltensweisen unter Kollegen förderte. Wissenschaftlerin Reh empfiehlt darum Boni an Leistungen eines Teams zu knüpfen.

In anderen Studien zeigte sich, dass Geld nur kurzfristig zur Motivationssteigerung beiträgt und unter Umständen sogar kontraproduktiv sein kann: Erhält ein Mitarbeiter aufgrund besonderer Leistung eine Prämie von 2000 Euro, wird eine weitere Prämie in Höhe von 1.500 Euro im Jahr darauf eher als Kürzung wahrgenommen.

  • Home-Office

Einer Studie des Branchenverbandes Bitkom zufolge arbeitet fast jeder Zweite teilweise von zu Hause aus. Mehr persönliche Flexibilität und das Wegfallen langer Anfahrten zum Arbeitsplatz sorgen insgesamt für mehr Zufriedenheit und Produktivität bei den Arbeitnehmern. Doch warnen Experten davor, Homeoffice als Lösung für jedermann zu betrachten. Für manchen Beschäftigten kann das Arbeiten von zu Hause aus zur Belastung werden.

„Im Homeoffice besteht die Gefahr zu viel zu arbeiten und abends beispielsweise kein Ende zu finden“, sagt Lilian Gombert, Arbeitspsychologin am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung in Dortmund. Arbeiten im Homeoffice erfordere viel Selbstdisziplin.

Ein weiteres Problem: Bei der Arbeit zu Hause fällt durch die Vermischung von Job und Privatem das Abschalten oft schwer. Für manchen könne darum der Arbeitslatz im Unternehmen eine Erleichterung sein.

Sie empfiehlt, im Vorfeld individuell abzuwägen, ob arbeiten Zuhause für den jeweiligen Mitarbeiter wirklich gut sei. Zudem wichtig: „Klären Sie vorher ab, welche Erwartungen bei Erreichbarkeit und Arbeitszeiten bestehen“, sagt Gombert.

  • Mehr Eigenverantwortung

Wer bei der Arbeit viel zu tun hat und unter Zeitdruck steht, profitiert davon, frei über die Arbeitseinteilung entscheiden zu können. In der arbeitspsychologischen Forschung ging man davon aus, dass die eigene Entscheidungsmöglichkeit förderlich für das psychische Wohlergehen von Mitarbeitern sei. Handlungsspielräume im Job können uns aber auch schaden, wie eine Studie des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung zeigt . Das kann beispielsweise bei Tätigkeiten im Verkauf oder Service – also in emotional belastenden Bereichen passieren. Der Grund: Auch wenn Kunden unfreundlich sind, muss man entgegen seiner eigenen Überzeugung Lächeln. „Hat ein Mitarbeiter jetzt zudem große Handlungsspielräume, kann das zusätzlich belasten und im schlimmsten Fall in einen Burnout führen“, sagt Anne-Kathrin Konze, Arbeitspsychologin am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung in Dortmund. Hier können Richtlinien entlastend wirken.

Anders hingegen in Arbeitsfeldern, in denen Arbeiten unter hohem Zeitdruck stattfinden. Dort seien Handlungsspielräume laut Konze förderlich.

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