Immer weniger unbefristete Jobs: Deutscher Arbeitsmarkt zunehmend unsicher

Immer weniger unbefristete Jobs : Deutscher Arbeitsmarkt zunehmend unsicher

Hamburg (RPO). Diese Zahlen sorgen für Verunsicherung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Nur noch 60 Prozent der Beschäftigten haben eine unbefristete Vollzeitstelle – dagegen sind Teilzeit und befristete Jobs auf dem Vormarsch. Laut einer aktuellen Studie ist nur in wenigen Ländern Europas in den vergangenen Jahren der Rückgang stärker gewesen.

Hamburg (RPO). Diese Zahlen sorgen für Verunsicherung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Nur noch 60 Prozent der Beschäftigten haben eine unbefristete Vollzeitstelle — dagegen sind Teilzeit und befristete Jobs auf dem Vormarsch. Laut einer aktuellen Studie ist nur in wenigen Ländern Europas in den vergangenen Jahren der Rückgang stärker gewesen.

Nur noch 60 Prozent der Arbeitnehmer im Alter zwischen 25 und 64 Jahren haben in Deutschland eine unbefristete Vollzeitstelle. "Seit 2001 ist der Rückgang traditioneller Beschäftigungsverhältnisse vergleichsweise hoch", heißt es in einer internationalen Studie der Bertelsmann Stiftung.

Rückgang seit 2001 um 4,6 Prozentpunkte

Seit 2001 ist diese Form der traditionellen Beschäftigung um 4,6 Prozentpunkte zurückge­gangen. Im internationalen Vergleich hatten nur Polen und die Niederlande sowie Luxemburg und Malta noch größere Rückgänge zu verzeichnen. Dagegen weisen viele mittel- und osteuropäische Länder, aber auch Großbritannien, Frankreich und Finnland eine Zunahme des Normalarbeitsver­hältnisses auf.

Hierzulande sei die Situation sei von Branche zu Branche verschieden, heißt es in der Studie. Während in Deutschland in der Industrie traditionelle Beschäftigungsformen nach wie vor dominie­ren, sind diese im Dienstleistungssektor im Vergleich zu anderen Ländern deutlich weniger ver­breitet. Hierzulande ist mit einer Quote von 53,2 Prozent nur gut jeder zweite Arbeitnehmer unbe­fristet und in Vollzeit beschäftigt.

"Politik steht vor Herausforderung"

"Mit dem Abbau traditioneller Beschäftigungsformen reagiert die Wirtschaft auf gestiegene Flexibi­litätsanforderungen und die erweiterten Möglichkeiten im Zuge der Arbeitsmarktreformen alterna­tive Beschäftigungsarten zu nutzen", so Eric Thode, Co-Autor der Studie. "Der Arbeitsmarkt ist funktionsfähiger, aber auch unsicherer geworden. Die Politik steht vor der Herausforderung, auch im Bereich flexibler Arbeitsverhältnisse mehr Sicherheit zu schaffen, ohne die gestiegene Anpassungsfähigkeit wieder einzuschränken."

Vor allem Frauen arbeiten befristet

Vor allem Frauen arbeiteten befristet oder in Teilzeit. "Die Entwicklung zu mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt trifft eher Frauen als Männer", analysieren die Autoren. Auffällig an der deutschen Entwicklung sei nicht nur die insgesamt geringe Zahl von Frauen mit unbefristeten Vollzeitstellen. Ihr Anteil habe sich von 2001 bis 2008 sogar noch einmal verringert, von knapp 48 Prozent auf 43,3 Prozent aller weiblichen Angestellten. Bei den Männern verzeichneten die Forscher im selben Zeitraum einen weniger starken Rückgang.

Geringerverdiener werden stärker belastet

Die Studie kommt aber noch zu einem weiteren alamierenden Ergebnis: So seien Geringverdiener überproportional von hohen Steuer- und Sozialabga­ben betroffen und im internationalen Vergleich nach Dänemark am zweitstärksten belastet. Die marginale Belastung durch Steuern und Abgaben zuzüglich Transfers für Geringverdiener beträgt hierzulande 59 Prozent.

Das bedeutet, dass von einem Euro, der brutto zusätzlich verdient wird, tatsächlich netto nur 41 Cent ausgezahlt werden. Der Rest verbleibt beim Staat in Form von höhe­ren Steuern und Sozialabgaben bzw. geringeren Sozialtransfers. Im Vergleich dazu erhalten Durchschnittsverdiener immerhin 45 Cent und Arbeitnehmer mit höheren Einkommen sogar 56 Cent. In dieser Hinsicht wirkt das deutsche Steuersystem regressiv, die Steuerbelastung nimmt bei zunehmendem Einkommen also prozentual ab.

BA-Chef Weise sieht umfassenden Strukturwandel

Auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, sieht Deutschland inmitten eines umfangreichen Strukturwandels. "Es gibt einen Wandel von langen Berufskarrieren bei einer Firma, von gut bezahlten Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe in Vollzeit, hin zu niedriger bezahlten Jobs im Dienstleistungsgewerbe, von Vollzeit zu Teilzeit." Dieser Trend sei von der Wirtschaftskrise noch verstärkt worden.

So sei die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen nach Daten vom vergangenen September binnen Jahresfrist um 420.000 zurückgegangen, während die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitjobs gleichzeitig um 220.000 anstieg. Berufskarrieren von 40 Jahren im gleichen Betrieb, mit regelmäßigen Lohnerhöhungen gehörten bereits der Vergangenheit an. "Auf diese Strukturveränderungen müssen wir uns einstellen", sagte Weise.

Hier geht es zur Infostrecke: Europa-Ranking der unbefristeten Jobs

(apd/tim)
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