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Leben im Internat : Für wen sich Internate eignen

Das Erleben von Gemeinschaft spielt in Internaten eine große Rolle. An den stark strukturierten Tagesablauf und die Regeln, die dort gelten, müssen sich viele Kinder oft erst gewöhnen.

Nächtlicher Besuch im Pferdestall, unter Freundinnen ausgetüftelte Streiche und eine starke Gemeinschaft tagein tagaus: Die Internats-Abenteuer der Zwillinge Hanni und Nanni füllen Dutzende Bücher. Doch ist das Leben im Internat wirklich wie eine einzige turbulente Klassenfahrt?

„Leben im Internat bedeutet vor allem Leben in einer strukturierten und animierenden Gemeinschaft“, sagt Detlef Kulessa von der Internatsberatung Töchter und Söhne. In der Regel gibt es drei Motive, warum Eltern ihre Kinder auf ein Internat schicken, sagt der Erziehungswissenschaftler Professor Volker Ladenthin. Der erste Grund ist der Ausgleich sozialer, oft familiärer Probleme. Der zweite die Schwierigkeit, einen Berufs- und Familienalltag zu organisieren, wenn beide Elternteile arbeiten. Und der dritte ist der Wunsch nach einer Bildung, die mehr Möglichkeiten bietet als eine normale Schule.

Viele Internate legen Wert auf Angebote in den Bereichen Sport, Kultur, Werteerziehung, soziales Lernen oder Politik. Auch kleine Klassen, besondere Fächer, eine gute Ausstattung, Hausaufgabenbetreuung und ein breites Freizeitangebot gehören in einem Internat oft dazu.

„Internatspädagogen beraten und betreuen in schulischen und außerschulischen Fragen, in persönlichen Lebenssituationen und allgemeinen Lebensfragen“, sagt Christopher Haep, Vorsitzender des Verbands Katholischer Internate und Tagesinternate in Bonn. Auch das Erleben von Gemeinschaft spielt eine wichtige Rolle. „Jugendliche erfahren sie in einer so dichten Weise wie in kaum einem anderen Lebenszusammenhang“, sagt Haep. So lernen sie etwa viel über zwischenmenschliche Kommunikation und Konfliktbewältigung. Und viele schließen tiefe und lebenslange Freundschaften.

„Im Internat bildet sich ein starkes, häufig auch interkulturelles Netzwerk“, sagt Sofie Albert-Meisieck vom Internat Solling in Holzminden. Die Kontakte lassen sich oft auch nach der Schulzeit – in der Ausbildung, dem Studium und im beruflichen Werdegang – noch nutzen.

Ein weitere Vorteil sind die festen Abläufe: „Wir bieten klare Strukturierung und enge Begleitung, wo notwendig“, sagt Albert-Meisieck. Andererseits gebe es Freiräume, um selbstständig zu werden und zur Abnabelung von daheim. Eine klare Alltagsorganisation und verbindliche Tagesabläufe könnten gerade in Zeiten der Orientierungssuche von großer Bedeutung für Jugendliche sein, ergänzt Christopher Haep.

Doch all das hat seinen Preis: Die Kinder sind weit weg von zu Hause, manche vermissen gerade am Anfang ihre Eltern, Geschwister und Freunde sehr, sagt Albert-Meisieck: „Manche vermissen auch die Rückzugsmöglichkeit, weil natürlich in einer so großen Gemeinschaft immer viel los ist.“ Klammern Eltern zu stark, kann es mit der Entscheidung für ein Internat schwierig werden. Kulessa erklärt: „Das Problem sind in der Regel die Eltern, nicht die Kinder.“ Und die Erziehung im Internat ist nicht für jeden das Richtige. „Kinder und Jugendliche müssen eine Affinität für dichtes Gemeinschaftsleben, einen Sinn für Werte und den Umgang mit Regeln besitzen“, sagt Haep. Außerdem wichtig: ein positives Grundgefühl für das Leben im Internat. Wenig Sinn macht es, wenn Eltern ihre Kinder überreden oder zwingen, eine solche Einrichtung zu besuchen.

Mit welchem Alter ein Kind am besten aufs Internat geht, ist individuell ganz unterschiedlich. Manche starteten schon mit der fünften Klasse, für viele ist die Zeit der Pubertät die richtige, sagt Albert-Meisieck. Häufig bleiben die Schüler dann bis zum Abschluss. Das kann die Mittlere Reife sein, das Fach- oder das normale Abitur. Kulessa rät, darauf zu achten, dass ein Internat staatlich anerkannt ist – und nicht nur staatlich genehmigt.

Etwa 300 Internate gibt es in Deutschland. Die meisten sind in kirchlicher Hand, es gibt aber auch staatliche und private Träger. Wie viele Schüler Internate besuchen, wird nirgends zentral erfasst. „Die Tendenz ist jedoch rückläufig aufgrund des demografischen Wandels“, meint Albert-Meisieck. Außerdem hat sich in den vergangenen Jahren Konkurrenz entwickelt: die Ganztagsschulen.

Wer kein Stipendium ergattert oder Unterstützung vom Sozialamt bekommt, muss für den Internatsbesuch tief in die Tasche greifen. „Die Spanne reicht von 1000 bis zu 3000 Euro im Monat“, sagt Kulessa. Besonders leistungsstarke oder förderbedürftige Schüler bekommen manchmal Nachlässe. Und: Internate kirchlicher Träger sind oft günstiger, wie Zimmermann erklärt. Im Gegensatz zu denen rein privater Träger müssten sie sich nicht ausschließlich aus den Beiträgen finanzieren.

Schulpsychologe Albert Zimmermann warnt Eltern vor überzogenen Erwartungen ans Internatsleben. Dass Jugendliche dort zu Heiligen werden, die nur noch ans Lernen denken und sich nichts aus alters-
typischen Verlockungen machen, sei auf jeden Fall eine Illusion. Wie jeder spätestens seit „Hanni und Nanni“ oder „Harry Potter“ weiß, machen gerade die Streiche und das Umgehen mancher Verbote das Internatsleben für die Schüler so spannend.

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