Mehr als nur ein Fan Was wir von den Swifties über Fan-Liebe lernen können

Bochum · Viele Swifties kennen alle Alben, jeden Song und die Geschichte hinter den Texten. Für sie ist die US-Sängerin Taylor Swift nicht nur ein Superstar, sondern eine ständige Begleiterin im Leben. Diese intensive Fan-Liebe lässt sich durch ein wissenschaftliches Phänomen erklären.

 Swiftie Vivi aus Bochum sammelt signierte Musikalben, Schallplatten und allerlei Merchandise von Taylor Swift.  Foto: Alexander Mroos

Swiftie Vivi aus Bochum sammelt signierte Musikalben, Schallplatten und allerlei Merchandise von Taylor Swift. Foto: Alexander Mroos

Foto: Alexander Mroos

Sie ist mit ihr aufgewachsen, sie hat ihr durch den ersten Trennungsschmerz geholfen, und über sie hat sie viele ihrer heutigen Freunde kennengelernt. Wenn die 27-jährige Vivienne Chmielewski, genannt Vivi, von ihr erzählt, hat man das Gefühl, sie spricht über eine gute Freundin – Schließlich weiß sie über den Beziehungsstatus der anderen Bescheid, hat eine Meinung zu ihren Expartnern und kennt die Namen ihrer Katzen. Doch eigentlich spricht Vivi nicht über eine Freundin – zumindest nicht über eine im herkömmlichen Sinne. Denn die Person über die Vivi so viel weiß, ist niemand geringeres als US-Superstar Taylor Swift. Und zu der hat die Studentin aus Bochum eine ganz besondere Beziehung.

Der Beginn einer Fan-Reise

Denn Vivi ist ein waschechter Swiftie – so bezeichnen sich die Fans der derzeit erfolgreichsten Sängerin der Welt selbst. Und die Studentin ist sogar beinahe ein Fan der ersten Stunde. Etwa im Jahr 2009 wurde sie erstmals auf die Country-Sängerin aufmerksam. „Ich habe damals super gerne Hannah Montana geguckt, und in den Folgen wurde immer mal wieder Taylor Swift erwähnt, da habe ich mich gefragt: Wer ist das überhaupt?“, erinnert sie sich. Also sei sie auf Youtube gegangen, habe sich einige ihrer Lieder angehört und sich in ihre Musik verliebt.

Kurz darauf kaufte sie sich das damals neu erschienene Album „Speak Now“ und Tickets für ein Konzert in Oberhausen. „Dann habe ich diesen Auftritt gesehen, all die Kostüme. Es war so schön, dass ich in der Sekunde wusste: Das ist es“. Es war ihr allererstes Konzert überhaupt. Damals war sie 13 Jahre alt. Also genau in dem Alter, das häufig den ersten Liebeskummer mit sich bringt. Auch in Swifts Werken spielt die Liebe und der damit verbundene Schmerz immer wieder eine Rolle. „Man hat das Gefühl, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, dem das Herz gebrochen wurde“, sagt Vivi. „Und diese eine Person versteht mich gerade in meinem Schmerz.“

Taylor Swift als ständige Begleiterin

Heute, beinahe 15 Jahre später, ist ihre Fan-Liebe ungebrochen. Sie hat Tickets für jedes Konzert, das Taylor Swift während der „Eras Tour 2024“ in Deutschland gibt. Dreimal sieht sie ihr Idol in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, zweimal im Volksparkstadion in Hamburg, und weitere zwei Mal schaut sie sich Swifts Show im Olympiastadion in München an.

Im vergangenen Mai ist Vivi sogar spontan nach Paris gereist, um den Tourauftakt in Europa zu erleben. Etwa 200 bis 250 Euro kosten die Konzerttickets. „Wie viel ich insgesamt bezahlt habe, das habe ich ehrlicherweise nicht zusammengerechnet, weil mir dann sicher auch ein bisschen schlecht geworden wäre“, sagt Vivi. „Aber die letzte Tour war 2018, und seitdem hatte ich genug Zeit, um zu sparen.“

Auch in ihrem Zuhause wird ihre Verbundenheit zu der 34-jährigen Sängerin deutlich. Etliche signierte Alben kann sie mittlerweile ihr Eigen nennen, Poster schmücken ihre Wand, sie sammelt Schallplatten und Merchandise-Artikel wie T-Shirts, Gitarren-Plektren oder Decken. Taylor Swift begleitet sie stets durch ihren Alltag.

Nicht immer würden andere Menschen ihre ausgeprägte Fan-Liebe verstehen. In der Schule habe man sie dafür teils aufgezogen. Immer wieder gebe es auch Menschen, die Taylor Swift kritisieren – sei es ihre Musik oder ihr Privatleben. In solchen Fällen steht Vivi ihrer Lieblingssängerin zur Seite und verteidige sie, wie eine Freundin, über die jemand schlecht spricht. „Früher bin ich dann schon in die Konfrontation gegangen“, sagt sie. „Häufig sind die Leute einfach sehr uninformiert, müssen ihre Meinung aber trotzdem kundtun.“

Die Wissenschaft hinter der Fan-Liebe

Dass Menschen wie Vivi freundschaftliche Gefühle für ihre Idole entwickeln, ist kein Einzelfall. In der Kommunikations- und Medienwissenschaft spricht man in solchen Fällen von parasozialen Beziehungen. Darunter versteht man einseitige Beziehungen zu Medienakteuren wie Sängern oder Schauspielern, Moderatoren oder Influencern. „Zunächst einmal gibt es einen Unterschied zwischen parasozialen Beziehungen und parasozialen Interaktionen“, erklärt Katharina Frehmann, Kommunikationswissenschaftlerin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. „Bei einer parasozialen Interaktion handelt es sich um eine Interaktion mit einer Medienperson, auf die man keine Antwort erhält.“ Beispielsweise in Form eines inneren Gesprächs oder aber, indem man mit dem Fernseher oder ähnlichem spricht.

Eine parasoziale Beziehung wiederum entstehe, wenn man dann eine gewisse Bindung zu den Personen des öffentlichen Lebens aufbaut. „Dabei kann es sich um jegliche Art von Beziehung handeln, die Emotionen, Verhalten oder Kognition auslöst“, sagt Katharina Frehmann. „Man hat zum Beispiel das Gefühl, dass man die Person kennt, man ihr vertrauen kann.“

Solange man sich bewusst darüber sei, dass die Beziehung zu den jeweiligen Sängern, Influencern, Schauspielern oder Youtubern einseitig ist, sei es nicht direkt schädlich, eine Bindung zu ihnen aufzubauen. In der Wissenschaft findet das Konzept bereits seit Längerem Beachtung. Entwickelt wurde es in den 50er Jahren von den US-amerikanischen Psychologen Donald Horton und R. Richard Wohl. Deren Konzept diente als Grundlage für weitere Forschung und wurde vielfach weiterentwickelt.

„Das Phänomen dahinter gibt es aber vermutlich, seit es Medien gibt“, sagt Katharina Frehmann. Das Internet und soziale Medien hätten jedoch für neue Kommunikationsformen gesorgt und das Phänomen so intensiviert. „Wenn ich das Gefühl habe, die Person zeigt etwas von sich, verstärkt das die parasoziale Beziehung“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin.

Swifties und soziale Medien

Auch für Vivi sind die sozialen Medien ein wichtiger Ort, um Swift nah zu sein. „Über Social Media kriegt man so viel von ihr mit. Besonders, wenn sie auf Tour ist“, sagt Vivi. „Ich kann quasi bei jedem Konzert live dabei sein, sehe Fotos und Videos. Das ist total genial.“ Besonders spannend an Taylor Swifts Social-Media-Präsenz sei auch, dass diese immer wieder Easter Eggs und kleine Botschaften in ihren Posts einbaut. Fans sehen darin Hinweise auf neue Musik oder das Privatleben der Sängerin.

Laut Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Frehmann könnte genau diese Selbstoffenbarung auch der Grund für die ausgeprägte Fan-Liebe der Swifties sein. „Sie verteilt Hinweise, macht Anspielungen auf ihre Beziehungen, bei ihr ist alles sehr involvierend und man könnte das Gefühl haben, Teil der Reise zu sein.“ Darüber hinaus spiele es eine Rolle, wie gut man sich in der anderen Person wiedererkenne. „Eine vieluntersuchte Variable bei parasozialen Beziehungen ist die Ähnlichkeit zu einem selbst, das hat positive Effekte“, erklärt Katharina Frehmann. „Hier spielt auch der Faktor Authentizität eine große Rolle.“ Sich selbst in einer Person des öffentlichen Lebens wiederzuerkennen, wirke nämlich identitätsstiftend. „Eine parasoziale Beziehung kann also auch Bedürfnisse erfüllen und damit einen Nutzen für Menschen haben.“

Zwischen Fan-Liebe und echter Freundschaft

Dass Menschen, die eine parasoziale Beziehung aufbauen, ein fehlendes soziales Umfeld hätten, konnte in der Forschung übrigens nicht bestätigt werden. Vivi habe ihre Fan-Liebe sogar dabei geholfen, in Kontakt mit anderen Swifties zu kommen. „Ich glaube, 80 Prozent meines Freundeskreises kenne ich nur durch Taylor Swift“, sagt die Studentin. Man habe sich auf Konzerten oder in Facebook-Gruppen kennengelernt, und sie sei froh darüber, was sich aus ihrer Fan-Liebe alles entwickelt hat. „Man ist sich natürlich bewusst, dass Taylor Swift für uns Fans in gewisser Form unnahbar bleibt, aber am Ende des Tages ist sie dann trotzdem irgendwie wie unsere beste Freundin“, sagt sie. „Zumindest was die Musik angeht.“