Single-Shaming Jana ist 42 und Jungfrau – „Ich war immer die Seltsame“

Interview | Düsseldorf/Haltern am See · Singleshaming und Selbsthass bestimmten lange den Alltag von Jana Crämer. Noch nie hatte die 42-Jährige eine feste Beziehung – für sie heute völlig in Ordnung, für andere unverständlich. Crämer wird häufig auf ihre Jungfräulichkeit reduziert. Dabei hat sie viel mehr zu erzählen.

„Oft habe ich auch gelogen, einfach um dazu zu gehören“, sagt die 42-Jährige.

„Oft habe ich auch gelogen, einfach um dazu zu gehören“, sagt die 42-Jährige.

Foto: Eckard Albrecht

Frau Crämer, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie sich immer als Verliererin gesehen haben, da Ihre Freunde schon das erste Mal oder den ersten Kuss hatten und Sie eben nicht. Warum war das so?

JanA CRÄMER Ich war immer die Seltsame. Die anderen haben mir irgendwann nichts mehr über ihre Beziehungen erzählt – weil sie sagten, ich würde es sowieso nicht verstehen. Ich habe mich immer geschämt und versteckt. Es gab gar keinen Grund dafür, das wusste ich bloß nicht. Meine Oma hat mich jedes Weihnachten in den Arm genommen und gesagt: ,Ach mein armes Mädchen, du bist wieder ein Jahr älter und wieder ein Jahr alleine. Du brauchst doch einen Mann. Einen Mann, der dich versorgt.‘ Ich habe mich wie eine Enttäuschung für andere gefühlt. Und so, als müsste ich abhängig sein, als bräuchte ich unbedingt einen Partner. Oft habe ich auch gelogen, einfach um dazuzugehören.

Inwiefern hat sich Ihre Perspektive heute verändert?

Crämer Ich sehe mich auf jeden Fall nicht mehr als Verliererin. Heute könnte ich meine Oma in den Arm nehmen und sagen: ,Hast du mal meinen Kontostand gesehen?‘. Ich brauche niemanden, der mich versorgt. Ich habe alles, was ich brauche. Und nur weil ich keine Liebesbeziehung habe, heißt das noch lange nicht, dass ich generell keine Beziehungen führen kann. Ich bin ein absoluter Beziehungs-Mensch. Mit meinem besten Freund habe ich zum Beispiel ein Unternehmen. Ich bin die Patentante der Tochter meiner liebsten Freundin. Ich lebe gemeinsam mit meiner Mutter und habe meine Wohnung so eingerichtet, dass sie auch ihr gefällt. Wenn ich könnte, würde ich auch meine Tante zu uns holen. Ich liebe Menschen und Verbindungen zu ihnen. Mir ist dennoch wichtig, meine Geschichte nicht als Beziehungs- oder auch als Anti-Beziehungsratgeberin zu erzählen.

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Wie also?

Crämer Als Mutmacherin. Ich möchte den Menschen klarmachen, dass es meine persönliche Geschichte ist. Und dass ich ihnen damit eine neue Perspektive bieten kann. Dass alle verstehen, dass sie gut genug sind. Mit oder ohne Partner – alleine bedeutet nicht gleich einsam. Ich habe für mich rausgefunden, dass die Wahrheit reicht. Wenn ich diese Reise zur Selbstliebe mit anderen teilen kann, erfüllt mich das sehr.

Stört es Sie, dass sie häufig auf Ihre Jungfräulichkeit reduziert werden?

Crämer Manchmal sind die Fragen sehr intim und auch so persönlich, dass ich Schwierigkeiten habe, darauf zu antworten. Und in meinem Buch geht es eben auch viel mehr darum, dass ich mittlerweile ein zufriedener Mensch geworden bin. Ich stehe dazu, dass ich romantische Gefühle nicht empfinde. Vielleicht, weil ich mich zu sehr in das Single-Sein verliebt habe. Was wiederum nicht bedeutet, dass ich etwas gegen Liebe, Intimität, oder Dating-Apps habe. Nur sind sie nicht Teil meines Lebens. Ich finde Männer attraktiv, nur nicht anziehend. Ich warte auch nicht auf die große Liebe. Wenn es passiert, freue ich mich. Wenn nicht, ist das völlig okay. Und all das teile ich offen und ehrlich auf den sozialen Medien.

Auf den sozialen Medien haben Sie über 850.000 Follower. Wie kam es dazu?

Crämer Das war ein Versehen. Ich war Musikmanagerin und wollte die Plattform TikTok eigentlich nur für meine zu betreuenden Bands ausprobieren. In meinem ersten Video habe ich erzählt, wer ich bin, dass ich Hunde mag und nebenbei, dass ich mit 38 noch nie eine Beziehung hatte. Plötzlich stand unter diesem Video sehr oft ,FY‘ – ich dachte, die Menschen beleidigten mich mit ,Fuck you’. Kurz darauf traf ich zwei Mädchen in der Stadt, die mich aus dem Video erkannten. Dann merkte ich, dass es viral gegangen ist und diese Abkürzung eben für die ,For You Page’, also die Startseite, stand. Die Tatsache, dass ich noch nie mit jemandem Händchen gehalten habe oder überhaupt romantisch nähergekommen bin, interessierte natürlich total viele Menschen. Aus diesem Versehen wurde ein großes Geschenk.

In der Gesellschaft wird das Single-Sein und die aktive Entscheidung, keine Kinder zu wollen, oft kritisiert. Wie sind die Reaktionen auf Ihre Geschichte?

Crämer Es hält sich inzwischen die Waage. Ich bekomme bis zu 3.000 Nachrichten am Tag. Klar, es gibt immer Menschen, die meinen, sie müssten auf Fehlersuche gehen. Sie schreiben dann, ich sei beziehungsunfähig, traumatisiert oder bindungsgestört. Häufige Kommentare sind auch, dass ich doch eine Frau sei und meine biologische Uhr tickt. Ja, natürlich tickt meine biologische Uhr, aber sie tut es lautlos. Andere schreiben mir, dass ich aufgrund des Single-Seins glücklich sein muss. Das macht mich sehr traurig. Weil es zeigt, dass viele Menschen auch in ihren Beziehungen nicht so schöne Erfahrungen machen. Diese Nachrichten von Menschen, die in ihren Partnerschaften einsam sind, gehen mir nahe.

Geben Sie diesen Menschen denn dann einen Rat?

Crämer Nur, wenn ich um Rat gefragt werde. Ich maße mir nicht an, anderen meine Meinung aufzudrängen. Aber wenn ich gefragt werde, antworte ich sehr individuell. Und dadurch, dass ich ein unbeschriebenes Blatt bin, blicke ich von außen anders auf Beziehungen. Manchmal ist es gut, ganz unbelastet darauf zu schauen. Auch ohne vorherige Verletzungen, die schließlich oft von Beziehung zu Beziehung weitergetragen werden. Mich hat nämlich noch nie jemand in diesem Beziehungskontext enttäuscht. Also, falls ich mich jemals verlieben sollte, wird das glaube ich ziemlich entspannt.

Woraus schöpfen Sie die Kraft, Ihr Glück mit anderen Menschen zu teilen?

Crämer Es sind viele Kleinigkeiten, die mich erfüllen. Mein Leben macht mich glücklich, und das gebe ich gerne weiter. Wenn ich mal keine Kraft habe, mache ich auch mal nichts. Ich sehe es nicht als Verpflichtung, meinen Alltag zu teilen. Aber ich bin mit stets sehr bewusst, dass alles, was ich habe, selbst gewählt ist. Und diese Tatsache schenkt mir Lebensfreude.