Düsseldorfer Paar 30 Jahre zusammen „Ich habe sie gesehen und mir gedacht – das ist es“

Düsseldorf · Für viele Paare steht der ideale Lebensweg fest: Hochzeit, Kinder kriegen, Hauskauf, gemeinsam alt werden. Und doch kommen Schicksalsschläge dazwischen. Wie ein Düsseldorfer Ehepaar 30 Jahre zusammen gemeistert hat – und worauf es sich in der Zukunft freut.

Andrea und Wolf, seit 30 Jahren ein Paar, in ihrem heimischen Garten in Düsseldorf.

Andrea und Wolf, seit 30 Jahren ein Paar, in ihrem heimischen Garten in Düsseldorf.

Foto: Paul Küchler

Eine ruhige Reihenhaussiedlung in Düsseldorf: SUV stehen vor Garagen, in der Ferne sind spielende Kinder zu hören. Eine typische Familiensiedlung. Manche sind frisch eingezogen, andere haben bereits Jahrzehnte an diesem Ort verbracht. Zu letzteren gehören auch Andrea und Wolf*.

Seit fast 30 Jahren lebt das Ehepaar bereits hier. Beide haben ihre Wurzeln außerhalb Düsseldorfs, doch fühlen sich mit der Stadt verbunden wie mit keiner anderen. Schließlich verliebten sie sich einst in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. „Ich habe ihn zum ersten Mal auf dem Parkplatz unseres Arbeitgebers gesehen“, erinnert sich die 59-jährige Andrea. Er ist Arzt, sie arbeitete damals im Labor. „Wir waren jedenfalls beide zu spät“, sagt sie. Ein kleiner Zufall also, der das Leben der beiden für immer ändern sollte. „Ich habe sie gesehen und mir gedacht: Das ist es", erinnert sich auch Wolf.

Und doch war der Start eher holprig. Rund sechs Monate nach dem Kennenlernen zieht Wolf nach Kanada. Dort wartet eine Forschungsstelle in einer Transplantationsklinik auf ihn. Vergessen können sie einander aber nie. „Nach meiner Rückkehr sind wir dann sehr schnell zusammengezogen“, sagt Wolf.

Das junge Paar ist verliebt, recht schnell folgt die Hochzeit. „Die haben wir allerdings vorgezogen“, sagt Andrea. Denn zum damaligen Zeitpunkt erwartete sie bereits ihr erstes Kind – ungeplant. „Ich wollt nicht unbedingt schnell schwanger werden“, sagt Andrea. „Doch bei uns im Freundeskreis gab es einige, die gar keine Kinder bekommen konnten. Die haben unter sehr starkem Druck gelitten.“ Ob es bei ihnen so schnell klappte, weil sie eben diesen Druck nicht hatten, wissen sie nicht. Aber das tat es und die Tochter war unterwegs. „Auf unserer Hochzeit wollten wir aber als Paar im Vordergrund stehen“, sagt Wolf. Nicht das Baby, nicht die Familie. Einfach nur zwei Menschen, die sich lieben.

Wie kann man es schaffen, dass die Liebe zwischen zwei Menschen anhält? Wolf und Andrea scheinen das Geheimrezept gefunden zu haben. „Wichtig ist, dass die Grundvoraussetzungen passen“, sagt Wolf. Wie und wo wolle man das Leben verbringen? Welcher Arbeit möchte man nachgehen, wie soll die Familie einmal aussehen? „Mir zum Beispiel war immer klar, dass ich mal Kinder haben möchte“, sagt der 61-Jährige. „Das wusste ich schon mit fünf Jahren.“ Solche Wünsche offen zu kommunizieren sei essenziell, alles andere zweitrangig, sagt er. Reibungspunkte gebe es in jeder Beziehung immer wieder. „Solange wir uns in den grundlegenden Dingen einig sind, haben die Unterschiede Raum zu existieren“, sagt Andrea.

Das Leben allerdings verläuft nie geradlinig. Nie so, wie man es sich erhofft und erträumt. Das stellt das Ehepaar auch Ende der 1990er-Jahre fest, als Andrea zum zweiten Mal schwanger ist. Ihr gemeinsamer Sohn kommt 1998 zur Welt. Zunächst baut er keinerlei Muskeln auf. Ein Warnsignal des Körpers. Nach sechs Monaten stellt sich daran heraus: Das Baby wurde mit einem schweren Gendefekt geboren, der es fast unmöglich macht, Eiweiß im Körper zu verarbeiten. Ein Schock. „Das haben wir nur ganz zufällig rausgefunden“, sagt Wolf. „Ein damaliger Bekannter war Assistenzarzt in der Stoffwechselforschung.“ Dieser habe schließlich die Diagnose gestellt.

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Foto: Busch/Busch (Archiv)

Schließlich krempelt die junge Familie – Mutter, Vater und Tochter – ihr Leben um. „Man macht sich unheimlich viele Gedanken, muss es aber akzeptieren“, sagt die 59-Jährige. Aber auch: „Wenn ein Kind krank ist, sind wir dank unserer medizinischen Hintergründe die perfekten Menschen dafür.“ Aller Widrigkeiten zum Trotz schaffen sie es, die Ernährung ihres Sohnes so anzupassen, dass er überlebt. Mehr als das: Dass er an einem normalen Leben teilhaben kann. Wie alles hat das aber seinen Preis. Für ihr erstes Kind etwa sei es damals nicht einfach gewesen. „Schließlich mussten wir auch unserer Tochter als Eltern gerecht werden“, sagt Andrea. Was ihnen geholfen habe, seien Selbsthilfegruppen mit anderen Betroffenen und ihren Familien gewesen. „Und die Unterstützung von Familie und Freunden, gerade unseren Eltern“, sagt Wolf.

Mit den Herausforderungen sei es damals umso wichtiger gewesen, sich gegenseitig Raum zu geben, sagt Andrea rückblickend. „Wir haben früh angefangen, Urlaub zu machen oder mit Freunden unter der Woche auszugehen. Alleine.“ Das sei der Unterschied zu vielen anderen Paaren der damaligen Zeit gewesen. „Was das angeht, waren wir sicherlich Vorreiter“, sagt auch Wolf. Für das Paar eine Win-Win-Situation. Mal aus dem Alltag rauskommen und Zeit alleine oder mit Freunden verbringen war genau so möglich, wie alleine mit den Kindern zu Hause zu bleiben.

Heute, fast 30 Jahre später, stehen beide Kinder kurz vor dem Uni-Abschluss. Die Tochter in Soziologie, der Sohn – noch heute von der Krankheit betroffen – in Medizin. Wenn man die Phasen betrachte, sagt Andrea, hätten sie nur eine relativ kurze Zeit als Paar gehabt. Dann seien die Kinder lange da gewesen. „Und jetzt ist wieder alles völlig anders“, sagt die 59-Jährige. Bis zur Rente dauert es nicht mehr lange – die nächste Umstellung. Mit Aktivitäten wollen die beiden allerdings nicht auf ihren Ruhestand warten. „Das, was wir dann machen wollen, versuchen wir jetzt zu machen“, sagt er. „Nicht immer auf alles warten. Sich den Gegebenheiten anpassen.“ Etwas, womit das Ehepaar sicherlich schon gute Erfahrungen gemacht hat.

* Nachnamen sind der Redaktion bekannt.