Raus aus der Stadt? Was ein Umzug aufs Land mit sich bringt

Für mehr Lebensqualität zieht so mancher von der Stadt aufs Land. Doch es hapert dort mitunter an Infrastruktur – etwa gutes Internet und Kinder- betreuung können Hürden sein.

Mehr Grün, mehr Platz: Das Leben in einem Dorf wirkt auf viele Städter verlockend.

Mehr Grün, mehr Platz: Das Leben in einem Dorf wirkt auf viele Städter verlockend.

Foto: dpa-tmn/Nicolas Armer

Laut, eng und überteuert – durch die Pandemie hat für einige das Leben in der (Groß-)Stadt seinen Zauber verloren. Das Leben auf dem Land erschien auf einmal viel verlockender: Ein eigenes Haus im Grünen oder doch zumindest eine größere Wohnung, mehr Ruhe und mehr Natur. Nicht wenige haben tatsächlich ihre Sachen gepackt und den Umzug aufs Land gewagt.

Im Umland von Berlin und Hamburg ist die Nachfrage nach Einfamilienhäusern zum Kauf zwischen Januar 2020 und Januar 2022 beispielsweise deutlich stärker gestiegen als in den Städten selbst, wie eine Datenanalyse der Immobilien-Plattform ImmoScout24 ergab.

Der Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx findet das nicht verwunderlich. In vielen Zukunftsszenarien stehe zwar das Leben in der Stadt oder in sogenannten Mega-
Citys im Vordergrund. Er geht jedoch davon aus, dass sich dieser stetige Zuwachs und der Fokus auf die Städte etwas ausbremsen werden. „Das größte Argument für Städte war bislang die Arbeit“, sagt Horx. Da man aber mittlerweile immer ortsunabhängiger arbeiten könne, biete das ein großes Potenzial für das Leben in der Provinz. Und in
Sachen Wohnqualität stehen für viele Ruhe, Natur, ein sauberes Umfeld und günstige Preise an erster Stelle. Die besseren Einkaufsmöglichkeiten würden in Umfragen häufig erst danach genannt, sagt der Zukunftsforscher. Doch der Umzug ist nicht immer leicht. Gutes Internet wird etwa zur Grundvoraussetzung für ortsunabhängiges Arbeiten. Je nachdem, wohin man zieht, ist das allerdings keineswegs garantiert, sagt Urs Mansmann, Technikredakteur bei heise.de. Sein Rat: online Verträge verschiedener Anbieter auswählen und schauen, ob sie am neuen Wohnort verfügbar wären. Außerdem lohne es sich, bei Lokal- und Regionalanbietern nachzufragen, wie es um den Breitbandnetz-Ausbau in dem Dorf steht.

Für Regionen, in denen es kein gutes DSL oder Kabel-Internet gibt, könnte Internet über LTE oder Satelliten-Verbindung eine Option sein, sagt Mansmann. LTE sei allerdings teuer und habe nur begrenzte Ressourcen und auch die Satelliten-Verbindung sei wegen der hohen Kosten und dem hohen Energieverbrauch eher „ein letzter Notnagel“.

Für Familien spielt bei der Suche nach einem passenden Wohnort auf dem Land auch die Kinderbetreuung eine entscheidende Rolle. Da die Regelungen zur Platzvergabe oft von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich sind, ist auch hier die Recherche vorab ein Muss. Am besten wenden Eltern sich direkt an die Gemeinde oder die Kindertageseinrichtungen vor Ort, wie verschiedene Jugendämter auf Anfrage empfehlen. Wie gut die Chancen auf einen Betreuungsplatz sind, hängt unter anderem davon ab, wann der Umzug geplant ist. Im Landkreis Havelland heißt es beispielsweise, die besten Chancen auf eine erfolgreiche Platzvergabe gibt es zum Wechsel eines Schul- und Kita-Jahres im August. Und auch das Kreisjugendamt Rosenheim erklärt, eine Aufnahme unter dem Betreuungsjahr sei meist nur möglich, wenn andere Kinder unter dem Jahr die Einrichtung verlassen.

Sobald der neue Wohnort feststeht, sollten Eltern daher mit der Suche nach einem Betreuungsplatz fürs Kind beginnen, empfiehlt Sabine Stelzmann, Leiterin des Kreisjugendamts Rosenheim. Sind all diese organisatorischen Hürden gemeistert, kann das Landleben endlich losgehen. Dazu gehört meist auch, sich in die Dorfgemeinschaft zu integrieren. „Gerade auf dem Land gibt es bereits viele bestehende Strukturen wie die Freiwillige Feuerwehr“, sagt Ina Remmers vom Nachbarschaftsportal „nebenan.de“.

Darüber kann es einfach sein, Kontakte zu knüpfen – und das nicht nur, indem man sich einem Verein oder einer Gruppe anschließt. Man kann auch einfach mal bei einer Veranstaltung dieser Organisationen vorbeischauen – meist ist zum Beispiel so ein Feuerwehrfest ja eh ein Fest fürs ganze Dorf oder gar den halben Landkreis. Zufällige Bekanntschaften, etwa weil man sich jeden Morgen zur gleichen Zeit beim Dorfbäcker trifft, gibt es teilweise nur noch selten, sagt Remmers. Denn vielerorts existiere schlicht die Infrastruktur nicht mehr. Es lohne sich daher, aktiv auf andere zuzugehen und öfters ehrliches Interesse, ein Lächeln und Hilfsbereitschaft zu zeigen. Diese Verbundenheit kann vor allem für Leute attraktiv sein, die sich in der Anonymität einer Großstadt einsam fühlen.

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